Keine Frage: Die nächste Generation und ihre Größenordnung, ihre humanitäre, intellektuelle wie handwerkliche Erziehung und die Schaffung realistischer, sozialer Zukunftschancen sind ganz natürlich die Überlebensgarantien für jedwede prosperierende Volksgemeinschaft. Da teilt Russland gleich ein grundlegendes Problem mit vielen, gerade auch westlichen, Staatsgebilden wie der Bundesrepublik Deutschland oder dem Kaiserreich Japan zum Beispiel. Die Einwohnerzahl Russlands wird laut gesicherter Prognosen bis Mitte dieses Jahrhunderts kontinuierlich schrumpfen. Schätzungen gehen von rund 135 Millionen Einwohnern aus, verglichen mit derzeit etwa 146 Millionen. Dieser demografische Einbruch droht einerseits durch eine alternde Bevölkerung, andererseits durch einen fortgesetzten Geburtenrückgang. Die traurigen Auswirkungen der Kriegshandlungen in der Ukraine verstärken diese negative Tendenz, die den Druck auf Renten- und Gesundheitssysteme sowie wirtschaftliche Dynamik langfristig beeinflussen könnte.
Tradition und Staatsförderung
Dabei fehlt es außer an sehr individuell gefärbten, seit jeher überlieferten Motiven, das eigene Morgen auf Familienbande zu bauen, hierzulande wahrhaftig nicht an durchaus verführerischen Attraktionsschüben der staatlichen Obrigkeit. So einiges aus der Sowjetära hat sich da in die russische Neuzeit hinübergerettet – da war ja auch nicht alles so übel, wie es so gern außerhalb der Grenzen abgetan wird. Traditionelle Familienwerte sind schon lange in die Lebensweise, in Hirn und Herz der Russen unauslöschlich eingebrannt – sozusagen zu emotional-mentalen Grundzügen über Generationen erwachsen. Aber, zugegeben, genauso aus der Not heraus, sich vor strengstem, oft unmenschlich ausbeutendem Herrschaftsgebaren in der Historie auf eine gewisse heimische Sicherheit und Wärme verlassen zu können. Wen wundert’s also, dass es, wie glaubhaft überliefert, schon die Russin Valentina Wassiljewa im 18. Jahrhundert war, die in 27 Schwangerschaften insgesamt 69 Kinder geboren haben soll – 16 Zwillinge, 7 Drillinge, 4 Vierlinge – eine bis dato ungebrochene mütterliche Rekordleistung.
Eine kleine, gleichwohl stattliche Auswahl familienfördernder Zuwendungen gefällig: Schon die Geburt des ersten Kindes ist heute dem Staat umgerechnet ca. 10 000 Euro wert und Familien mit drei Kindern können kostenlos ein großzügiges Baugrundstück bekommen. Medizinisch notwendige Leistungen sind grundsätzlich von Beginn an für Mutter und Kind kostenlos, genau wie später die Kindertagesstätten bis zur Einschulung. Dazu kommen günstige Wohnraum-Kredite, freie Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln für die Familien mit drei Kindern und mehr sowie bis zu drei Jahren Elternschutzzeit für Mutter oder Vater.
Babuschka und Nationalgefühl
Und die Oma lässt sich auch nicht aus dem Familienkreis wegdenken. Die Babuschka, das unwidersprochene Haupt der Familie – einschließlich der Kindererziehung – hält die Familie zusammen. Ihre Domäne und Zentrum des Familienlebens ist die Datscha, das Landhaus außerhalb in der Provinz, oft von behördlichen Zuteilen zu Sowjetzeiten. Von hier wird der Küchentisch im städtischen Zuhause in der kalten Jahreszeit angereichert – mit selbst gezogenen, eingelegten vegetarischen Leckereien aller Art.
Zur pfleglichen Erinnerung in diesem Zusammenhang: Eine der Kernaussagen in seinem unverkennbaren, von rheinischem Dialekt gefärbtem Deutsch von Konrad Adenauer, dem ersten, immer noch hochrespektierten Bundeskanzler der Nachkriegsjahre, waren beschwörende Worte zur Gefahr eines selbstherrlichen Nationalismus, aber demgegenüber die unabdingbare Wertigkeit eines ausgeprägten, vereinigenden Nationalgefühls in einer Volksgemeinschaft. Und letzteres hat in Russen seinen beachtlichen Stellenwert, angefangen in der Familie (… gut, wohl in den allermeisten).
All die Traditionen und staatlichen Wohltaten verhelfen natürlich nicht immer gleich allen zum denkbar glücklichsten Familienleben in diesem besonders weiten irdischen Umkreis. Dazu ist unter über 190 Volksgruppen im Land, Millionen von Immigranten aus dem Herrschaftsgebiet der einstigen Sowjetunion und von anderswo der ethnische Mischmasch kinderzeugender Partner zusammengeworfen, kulturelle Eigenheiten zu vielfältig, Lebensumstände und -ziele zu individuell angelegt. Menschen an sich sind eben eine einzigartige Spezies – und das überall rund um den Globus. Trotzdem feuern die beschriebenen Guttaten, von oben angeordnet, einen wenigstens finanziell und erzieherisch zielsicheren Startschuss für aufkeimende Generationen ab.
Frank Ebbecke


