Die Männer gehen zu früh

Die Schere zwischen der Lebenserwartung von Frauen und Männern klafft in Russland um 10,9 Jahre auseinander. Ein Weltrekord, folgern britische Forscher, die sich Erkrankungs- und Sterbemustern in Russland im Zeitraum von 1980 bis 2016 gewidmet haben.

Die Russen leben immer länger. Laut amtlichen Angaben lag die Lebenserwartung von Neugeborenen 2017 bei 72,4 Jahren. Für Frauen und Männer fällt sie jedoch so unterschiedlich aus wie nirgends sonst auf der Welt. Das ist das Ergebnis einer Studie, die das renommierte britische Fachjournal „The Lanzet“ unlängst veröffentlicht hat und bei der die Häufigkeit typischer Erkrankungen sowie damit verbundene Sterberaten in den Jahren 1980 bis 2016 untersucht wurden. Demnach werden Frauen in Russland durchschnittlich 10,9 Jahre älter als Männer  – in dieser Größenordnung ein weltweit einzigartiges Phänomen. Zum Vergleich: In Deutschland sind es aktuell 4,8 Jahre.

Wie die Autoren darlegen, entfiel der Tiefstwert bei der Lebenserwartung in Russland auf das Jahr 1994, als sie sich auf 63,7 Jahre belief. Ihr Maximum erreichte sie am Ende des Untersuchungszeitraums mit 71,9 Jahren (Deutschland: 80,6 Jahre). Die Sterberate sank über die gesamten 36 Jahre betrachtet um 16,5 Prozent. Die Kindersterblichkeit ging sogar um 71,4 Prozent zurück.

Rentnertanz in Rybinsk, einer Stadt an der Wolga. © Tino Künzel

Die wirtschaftliche und soziale Instabilität der letzten Jahrzehnte habe sich überraschend wenig auf die Sterberaten bei Kindern und Alten ausgewirkt, heißt es, was wohl ein Verdienst des Gesundheitssystems sei. Andererseits hätten vor allem Männer in Russland wie in anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion auf die Stressfaktoren der postsowjetischen Umbruchjahre mit einem Anstieg des Alkoholkonsums reagiert. Für Russland kennzeichnend sei insofern eine hohe Sterberate bei männlichen Berufstätigen.

In der Studie werden 34,4 Prozent der Todesfälle bei Männern im Alter von 15 bis 49 Jahren mit Alkohol in Verbindung gebracht (bei Frauen 20,1 Prozent). Unter den Sterbeursachen seien 53,4 Prozent verhaltensbedingt, so „The Lanzet“. Besonders relevant sei das wiederum für Männer in jungen und mittleren Jahren. Bei den 15- bis 49-Jährigen ist der Anteil der verhaltensbedingten Todesfälle mit 59,2 Prozent besonders hoch. Bei Frauen im selben Alter ist der Wert mit 46,8 Prozent zwar auch nicht gering, aber deutlich niedriger. Von den 20 häufigsten Todesursachen in Russland sind Männer in 17 Fällen häufiger betroffen. Eine Ausnahme stellen lediglich Brustkrebs, Alzheimer und nicht auf Alkohol zurückzuführende Leberzirrhose dar. Besonders eklatant sind die Unterschiede zu Ungunsten der Männer bei Lungenkrebs, Selbstverletzungen und Ertrinken.

Tino Künzel

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