„Klein-Deutschland“ in Tscheljabinsk

Die Backsteinhäuser in der Sozialistitscheskaja-Straße in Tscheljabinsk, die von den sowjetdeutschen Zwangsarbeitern gebaut wurden, sind noch immer lebendige Geschichte. In den letzten Jahren wurden diese Backsteingebäude sowohl als architektonisches Denkmal eingestuft als auch als abbruchreif bezeichnet.

„Ein finsteres Hamburg“ in der Sozialistischen Straße
„Ein finsteres Hamburg“ in der Sozialistischen Straße (Foto: Jekaterina Nikitina)

Die „deutschen“ Häuser in Tscheljabinsk begeistern Stadtentwickler, interessieren jedoch die Bewohner selbst und die regionalen Behörden wenig. „Regionaler Aspekt“ hat gemeinsam mit dem Portal „V lesah“ die Geschichte der deutschen Häuser erzählt.

Zwangsarbeiter

Bei der Anfahrt zum Metallurgischen Bezirk sieht man nur Fabrikschornsteine und eine kilometerlange Industriezone. Umso überraschender ist es, vor Ort eine perfekte sowjetische Stadt mit einem repräsentativen Boulevard und einem Kulturhaus mit Säulen vorzufinden. Und wenn man abbiegt, sieht man ruhige, grüne Straßen mit niedrigen Häusern.  Der TschMS – so wird dieser Bezirk einfach genannt (nach dem Tscheljabinsker Metallwerk Anm. d. Red.) – hat seine Nachkriegsbebauung und das Gefühl der Verhältnismäßigkeit zum Menschen bewahrt. Auf der Metallurgen-Straße rumpeln noch immer alte Straßenbahnen. Und in der benachbarten Sozialistischen Straße steht die bekannteste und leidvollste lokale Sehenswürdigkeit: das deutsche Viertel oder „Klein-Deutschland“.

Der Bau in diesem Stadtteil wurde von Zwangsarbeitern durchgeführt, die zu Beginn des Großen Vaterländischen Krieges für den Bau des Tscheljabinsker Metallwerks mobilisiert worden waren. Der Indu­striegigant wurde in Rekordzeit und unter anderem mit Hilfe von Tausenden von Zwangsarbeitern der Trudarmee errichtet. Dabei handelte es sich hauptsächlich um Deutsche aus dem Wolgagebiet sowie um sowjetische Staatsbürger finnischer und ungarischer Nationalität, die als „potenzielle Feinde“ verhaftet und weit weg von der Westgrenze umgesiedelt worden waren. Später, nach der Schlacht von Stalingrad, wurden Gefangene – Deutsche, Rumänen und Italiener – nach Tscheljabinsk gebracht. Sie wurden auf das Lager Nr. 68 verteilt und vermutlich ebenfalls zum Bau des Werks herangezogen.

Inhaftierte auf der Baustelle der Metallurgen. Im Hintergrund ist ein Kontrolltsturm zu
sehen. (VK Museum des Tscheljabmetkombinat)

Viele Arbeitsarmeeangehörige blieben später in der Stadt der Metallurgen wohnen. „Diese Wurzeln sind bis heute spürbar. In der Gegend gibt es immer noch viele Menschen mit deutschen Nachnamen. Es gibt eine katholische Kirche und eine lutherische Kirche“, erzählt der Reiseleiter Alexej Kondratjew, ein gebürtiger Einwohner von TschMS. Er hält das deutsche Viertel für „den schönsten Ort in Tscheljabinsk“.

1944 entschied der Leiter vom Tscheljabinsker staatlichen Bauunternehmen Generalmajor Jakow Rapoport: „Der Krieg neigt sich dem Ende zu, lasst uns etwas Interessanteres bauen.“ So überliefert es der Heimatforscher Juri Latyschew. Der Chef soll angeordnet haben, unter den Häftlingen, höchstwahrscheinlich Kriegsgefangenen, Leute zu finden, die neue Häuser entwerfen konnten, und wählte aus den vorgeschlagenen Entwürfen genau den aus, der an die Bebauung europäischer Städte erinnerte.

Die Häftlinge errichteten etwa zwei Dutzend Häuser nach „deutschem“ Entwurf. Die Gebäude waren über mehrere Stadtteile von der Mir-Straße bis zur Elektrostalskaja-Straße verteilt. Die Namen der Architekten und Ingenieure sind unbekannt. Es konnten nur indirekte Hinweise auf die Beteiligung von Deutschen an der Planung gefunden werden. Latyschew erzählt beispielsweise, dass in den Archiven Zeichnungen einer Fernwärmeleitung gefunden wurden, die von der Heizungsanlage des Werks zu den Häusern führt. Darauf stehen deutsche Namen.

Ein Haus im „deutschen Viertel“ (Foto: Jekaterina Nikitina)

Die Straße der Liebe

„Das ist etwas völlig Ungewöhnliches. So ein imaginiertes Europa“, sagt der Tscheljabinsker Historiker Ilja Prontschenko, der sich mit der Architektur sozialistischer Städte beschäftigt.

Die ersten Häuser waren 1946 fertiggestellt. Zur gleichen Zeit wurde entlang der Sozialistischen Straße ein Fußweg aus Granitplatten angelegt, Laternen aufgestellt und Musik aus Lautsprechern gespielt. Fotos und Erinnerungen von Alteingesessenen zufolge gefiel es den Stadtbewohnern, hier spazieren zu gehen und neue Bekanntschaften zu schließen, sodass die Promenade sogar den Spitznamen „Straße der Liebe“ erhielt. „Für diejenigen, die in der Fabrik schufteten, waren diese gepflegten Häuschen viele Jahre lang ein Symbol für Leben, Frieden und Freiheit“, kommentiert Tatjana Pellenen, die in diesem Viertel aufgewachsen ist.

Die Wohnungen in den deutschen Häusern waren für die Arbeiter des Metallwerks bestimmt. In ihnen zu wohnen, war nicht nur ehrenvoll, sondern auch komfortabel. Mit der Zeit wurden einige Gebäude abgerissen und an ihrer Stelle entstanden Hochhäuser in Plattenbauweise. Die sieben Häuser auf der Seite der Sozialistischen Straße mit den geraden Hausnummern von 26 bis 38 blieben jedoch unberührt.

Neben den eleganten Fassaden sind auch die schmiedeeisernen Geländer in den Eingängen, die verrosteten Adressschilder mit „Vordach“ und die alten Zäune erhalten geblieben. An einigen Stellen ist sogar noch das originale Glas in den Fenstern erhalten. Berühmt wurde das Viertel allerdings erst in der letzten Zeit.

„Ein finsteres Hamburg“

„Als ich 17 Jahre alt war, fragte mich mein Vater: ‚Weißt du eigentlich, dass es ein deutsches Viertel gibt? Komm, ich zeige es dir.‘ Und so kamen wir zum TschMS. Es war Sommer, alles war sehr grün, schöne Nachkriegsbebauung. Es stellte sich heraus, dass es kein Ort war, an dem irgendwelche Spinner herumlungerten und die Fabrik rauchte. Das deutsche Viertel war überhaupt nicht so, wie man es sich vorstellte. Ich war von dieser Architektur total begeistert“, erinnert sich die Reiseleiterin Julia Semejkina.

Sie war zuvor noch nie im Metallurgischen Bezirk gewesen. Laut Julia ist das für die Einwohner von Tscheljabinsk keine Seltenheit. Auch der Reiseleiter Alexej Kondratjew hat das deutsche Viertel nicht auf Anhieb gemocht. Er sah es zum ersten Mal in der Schule in den 1980er Jahren, aber damals machte es keinen Eindruck auf ihn: „Da stehen einfach Häuser, deren Architektur mein kindliches Gemüt nicht besonders beeindruckte. [Und dann] begannen Blogger eine Welle zu schlagen: Schaut mal, was ihr hier habt und wie cool das ist. Wir schauten hin und sahen: Tatsächlich gibt es so etwas nirgendwo sonst. Da begannen wir, es zu wertschätzen.“

Um die Jahrtausendwende tauchten die ersten Beiträge über „Klein-Deutschland“ im LiveJournal auf. Der örtliche Verein „Rad der Geschichte“ organisierte Führungen – hauptsächlich für begeisterte Heimatforscher. Die Häuser wurden häufiger fotografiert. Und 2013 widmete die Fernsehsendung „Istfak“ dem deutschen Viertel eine Folge, in der der damalige Chefarchitekt von Tscheljabinsk, Nikolai Juschchenko, es als seinen Lieblingsort in der Stadt bezeichnete und die Weite der Höfe und das kunstvolle Mauerwerk bewunderte.

Innen sehen die „deutschen“ Häuser nicht gerade prachtvoll aus.
Innen sehen die „deutschen“ Häuser nicht gerade prachtvoll aus. (Foto: Anna Wyrupaewa)

Der bekannte Verfechter des Flachbaus Ilja Warlamow* drehte einen Film über den TschMS und kam zu dem Schluss, dass die fast 80 Jahre alten Häuser selbst ohne Renovierung besser aussehen als moderne Wohnsiedlungen. Der Autor des Projekts „Redaktion“, Alexej Piwowarow*, bezeichnete Tscheljabinsk als „einen Ort, den man so schnell wie möglich verlassen sollte“, lobte jedoch das Viertel an der Sozialistischen Straße als „ein trübes, finsteres Hamburg“. Auch Pawel Gnilorybow, Gründer des Kanals „Architektonische Extravaganzen“, hält die deutschen Häuser für „die schönsten“.

Das touristische Mekka in Tscheljabinsk

Von Jahr zu Jahr wurden immer mehr Menschen neugierig auf die deutschen Häuser. Das wurde besonders während der Covid-Pandemie deutlich, erzählt Aleksej Kondratjew. Damals begannen die Menschen, sich mehr für die lokale Geschichte zu interessieren und Stadtrundgänge zu machen.

Seit 2022 bieten er und Julia Semejkina, seine Kollegin vom Ausflugsbüro „Tscheljabinsk zu Fuß“, regelmäßig Führungen durch die Stadt der Metallurgen an. Nach Einschätzung der Reiseleiter kommen die meisten Teilnehmer aus anderen Regionen. Seltener kommen auch Einheimische. Manchmal sind auch Reisende aus anderen Städten und Ländern in der Gruppe.

Nach Aussage der Reiseleiter lösen die deutschen Häuser stets einen „Wow-Effekt“ aus – sowohl bei den Einwohnern von Tscheljabinsk, von denen viele zum ersten Mal zum TschMS kommen, als auch bei Touristen, die von der „härtesten Stadt Russlands“ asphaltierte Plätze und trostlose Plattenbauten erwarten, aber keineswegs von Grünflächen umgebene europäische Stadthäuser.

Ein anderer Blickwinkel

„Was über die architektonische Schönheit gesagt wird, kann ich persönlich nicht nachvollziehen: Das ist kein Denkmal! Die Ziegelsteine fliegen nur so davon“, sagt eine Bewohnerin des Viertels. Und das ist keine Übertreibung. Auf Panoramafotos sehen die deutschen Häuser malerisch aus, aber wenn man näher kommt, fällt der schlechte Zustand auf. Zwischen den Ziegelsteinen klaffen Lücken, viele davon sind abgesplittert und rissig, der Mörtel bröckelt ab.

So machen sich die Besonderheiten des Bauwesens in Kriegs- und Nachkriegszeiten bemerkbar. Für die Außenverkleidung verwendeten die Häftlinge damals poröse Ziegelsteine. Aufgrund ihrer Fähigkeit, Feuchtigkeit gut aufzunehmen, eignen sie sich für die Wärmedämmung, Isolierung und den Innenausbau, aber nicht für die Verkleidung. Als der Ton für die Ziegelsteine nicht mehr ausreichte, fügte man der Mischung Sand sowie Schlamm und Muscheln vom Grund eines nahe gelegenen Sees hinzu.

Die Häuser wurden ohne Keller gebaut, mit Holzdecken und einer Versorgung, die weit von den heutigen Standards entfernt war. Ohne die nötige Pflege verwandelte sich das einst komfortable Wohnviertel mit der Zeit in eine fast baufällige Siedlung. In den 90er Jahren gab es Gerüchte, dass es bald abgerissen werden würde. Damals verließen viele Fabrikarbeiter den TschMS, und neue Bewohner zogen in die Wohnungen ein. Sie hofften, diese bald gegen Quadratmeter in Hochhäusern eintauschen zu können.

Architektonische „Pornografie“

Eine derjenigen, die damals in die deutschen Häuser gezogen sind, war Tatjana Perewersewa. Sie leitet eine Initiative von Bewohnern, die für eine Umsiedlung kämpfen, und steht Journalisten gerne Rede und Antwort. In zahlreichen Interviews zählt sie detailliert die Probleme auf, die sich über Jahrzehnte angesammelt haben: Die Wände bröckeln, die Kanalisation ist überlastet, ständig gibt es Rohrbrüche, die Dachbalken verrotten. In diesem Sommer ist während eines Regengusses in einem der Häuser das Dach eingestürzt. Nicht zum ersten Mal. Tatjana hält die Architektur des Viertels für einen „Mischmasch“ und „Pornografie“. Über den Zustand der Gebäude sagt sie: „Die Konstruktion ist zu hundert Prozent abgenutzt.“

Die offiziellen Daten stimmen zwar nicht überein, denn bisher wurde noch keines der Häuser als baufällig eingestuft. So kam der Ausschuss für Vermögens- und Landverwaltung bei einer erneuten Überprüfung zum Schluss, dass der Zustand der deutschen Häuser zufriedenstellend sei – sie seien zu nicht mehr als 40 Prozent abgenutzt. Dabei hatten die Bewohner Dokumente mit anderen Angaben in der Hand. „Unsere baufälligen Bruchbuden sind plötzlich verjüngt worden und offenbar bereit, noch hundert Jahre zu stehen“, schrieben die Eigentümer.

Die Qualität der durchgeführten Reparaturarbeiten stellt die Menschen ebenfalls nicht zufrieden. Sie halten die Gebäude gerade so „über Wasser“ und verursachen manchmal sogar noch größere Probleme. Vor einigen Jahren entstanden während der Arbeiten Risse in einem der Häuser. Einige Gebäude des Viertels werden nicht mehr von einem Kommunalunternehmen bedient. Laut Kondratjew wollen diese „die Häuser nicht übernehmen und versuchen unter verschiedenen Vorwänden, sich von ihnen zu distanzieren“.

Es gibt einige Familien, die beschlossen haben, nicht auf die nächste kommunale Katastrophe zu warten. Sie führten Reparaturen selbst durch. Sie haben die Wände gedämmt, Fenster und Leitungen ausgetauscht. Sie sind stolz auf ihr Zuhause, sagt Alexej Kondratjew, und wollen nicht umziehen, aber sie sind in der Minderheit. Nach seinen Schätzungen warten 90 Prozent der Bewohner des Viertels ungeduldig darauf, dass die Gebäude abgerissen werden und sie neue Wohnungen bekommen.

Der Kampf um das Viertel

Im Sommer 2016 kamen erneut Gerüchte über einen bevorstehenden Abriss der deutschen Häuser auf. Tatjana Pellenen, die aus dem Metallurgischen Bezirk stammt, beschloss, sie zu schützen. Für sie ist das Viertel wichtig, auch als Erinnerung an ihre persönliche Geschichte: Ihr Großvater, ein Finne, wurde 1937 nach Kasachstan deportiert und als der Krieg begann, auf die Baustellen im Ural geschickt.

Pellenen beantragte die Aufnahme der Gebäude in das Register für Kulturerbe. Das kann jeder tun, sagt sie, man muss nur begründen, warum das Objekt geschützt werden soll, und die gefundenen Dokumente und Fotos beifügen. Sie sagt, dass es mit den Fotos mehr oder weniger gut ging, aber die Unterlagen waren ein Problem. Es handelte sich um eine Regime-Baustelle des NKWD, und es war schwierig, etwas darüber in den Archiven zu finden.

Sie stieß nur auf Zeitungsausschnitte und die Erwähnung, dass „ein gewisser Heizer mit deutschem Nachnamen irgendwelches falsches Brennholz zersägt hat“, erzählt die Aktivistin. Dennoch reichten die gesammelten Materialien aus. Im Januar 2017 wurden sieben Häuser in der Sozialistischen Straße in die Liste der identifizierten Kulturerbestätten aufgenommen.

Der neue Status erfreute die Denkmalschutzgemeinschaft, aber nicht die Anwohner. Diese hatten sich bereits auf den lang ersehnten Umzug vorbereitet, „aber dann wurden die Häuser plötzlich zum Kulturerbe erklärt“, beklagte sich Tatjana Perewersewa.

Gleichzeitig schwand auch die Hoffnung auf eine Grundsanierung: Es musste erneut ein Auftragnehmer unter den lizenzierten Organisationen gesucht werden, die sich mit Restaurierungsarbeiten befassen. Die Kosten für die Reparatur stiegen spürbar an. Aber dann schwang das Pendel in die andere Richtung.

Nicht mehr Kulturerbe

2021, nach zwei Gutachten und einer Reihe von Gerichtsverfahren, verschwand das deutsche Viertel aus der Liste des Kulturerbes. Als bemerkenswert gelten Paläste, Kirchen, „sozusagen St. Petersburg“, kommentiert Ilja Prontschenko. Aber Tscheljabinsk ist keine Palaststadt, sondern eine Industriestadt, sie entstand in einer Reihe von Arbeitersiedlungen und den sogenannten Sozialistischen Städten, sagt Prontschenko.

Allerdings sehen die Behörden gerade in den Bauten der 1930er und 1940er Jahre keinen besonderen Wert. Den Status eines Kulturerbes hat nur die vor dem Krieg erbaute „Stadt der Tschekisten“, die für die Führung des NKWD errichtet wurde. Außerhalb von Tscheljabinsk gibt es noch das Viertel Nr. 1 der Sozialistischen Stadt Magnitogorsk. Es wurde nach einem Entwurf von Ernst May und anderen Architekten des Bauhauses errichtet. Im vergangenen Jahr wurde es als Denkmal von föderaler Bedeutung in das Register aufgenommen. Das deutsche Viertel ist in dieser kurzen Liste nicht enthalten. Genauer gesagt, es ist nicht mehr da.

Ein passender Rahmen

Während des Gerichtsverfahrens schlugen die Denkmalschützer vor, einen Runden Tisch zum Thema „deutsches Viertel“ einzuberufen, doch dies gelang nicht.

Die Gerichtsverfahren endeten, und die Behörden vergaßen das Viertel erneut. Aber dann gab es für die Befürworter der Umsiedlung einen neuen Hoffnungsschimmer: das Programm zur komplexen Entwicklung von Gebieten (KRT). Es startete 2021 in der Region Tscheljabinsk. Aktive Anwohner organisierten eine Versammlung der Eigentümer und reichten im Juli Unterlagen ein, um die deutschen Häuser in das Renovierungsprojekt aufzunehmen. Bislang wurden nur vier von sieben Gebäuden in das Projekt aufgenommen.

Die Chance, dass die deutschen Häuser im Rahmen des KRT erhalten bleiben, ist verschwindend gering. Keines der genehmigten Projekte zur komplexen Entwicklung von Gebieten in Tscheljabinsk sieht auch nur eine teilweise Erhaltung der bestehenden Bebauung vor.

Der Grund für diesen Ansatz ist klar: Um die Baukosten und die Umsiedlung der Menschen, die gemäß den Bedingungen des KRT vom Bauträger zu tragen sind, zu amortisieren, sind mehr Wohnflächen erforderlich. Nach Beobachtungen von Juri Latyschew ist das Interesse der Investoren an der Sanierung seit Kriegsbeginn zurückgegangen, und an TschMS war es ohnehin nicht besonders groß. Schließlich handelt es sich um einen abgelegenen Stadtteil mit einer bedenklichen Umweltsituation.

Grund zum Optimismus gibt die umfassende Renovierung des deutschen Hauses im selben Viertel, in der Degtjarjowa-Straße 68. Die Arbeiten dort erfolgten vor zwei Jahren: Die Bauarbeiter erneuerten das Dach, brachten neue Balkone mit Flügeltüren an, verputzten alle Fugen im Mauerwerk und trugen einen speziellen wasserfesten Lack auf.

Der Historiker Ilja Prontschenko schlägt vor, nicht nur die Häuser selbst, sondern auch das umliegende Gebiet in ein mögliches Sanierungsprogramm aufzunehmen. Insbesondere soll die Sozialistische Straße für Fußgänger attraktiver gestaltet werden. „Man muss einen passenden Rahmen für die Häuser schaffen. Etwas, das das imaginierte Europa bestmöglich zur Geltung bringt“, meint Prontschenko.

Es gibt auch Beispiele – wenn auch bislang nur vereinzelte – für die Erhaltung historischer Gebäude im Rahmen des KRT. 

Allerdings wird das sowjetische Erbe, die Gebäude aus den 1930er bis 1950er Jahren, weniger sorgfältig behandelt, insbesondere wenn es sich nicht um Meisterwerke des Konstruktivismus oder Paläste aus der Stalin-Ära handelt. Eine Ausnahme bildet das gut ausgestattete deutsche Viertel in Magnitogorsk. Jetzt liegt es an den Stadtbehörden. Sie können über den Erhalt oder Abriss der Häuser entscheiden.

Gekürzte Fassung

*in Russland als ausländische Agenten eingestuft.

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