Im Osten was Neues, aber auch viel Altes

Wladiwostok ist die Endstation der Transsibirischen Eisenbahn. 166 Zug- oder acht Flugstunden von Moskau entfernt. Damit man sich in der Stadt und in der gesamten Provinz Fernost nicht abgehängt fühlt, fließen seit Jahren Milliardensummen dorthin. Doch das wichtigste Ziel wurde bisher verfehlt.

Abendstimmung in Wladiwostoks „Bucht der Arbeit“ (Foto: Alexej Danitschew/RIA Novosti)

Wenn Wladimir Putin über Russlands Fernen Osten spricht, dann hört man förmlich den großen Atem heraus, den das Thema für ihn hat. Eine Schicksalsfrage für die Einheit des Landes, dass die Menschen dort die gleichen Chancen für sich sehen wie anderswo und dass die Abwanderung gestoppt wird. Eine historische Mission, diese lange vernachlässigte Provinz zu modernisieren und lebenswerter zu machen. Ein Stoff für die Geschichtsbücher, für Denkmäler und Orden.

„Kolossale Bedeutung“

Der Verwaltungsbezirk Fernost ist doppelt so groß wie der gesamte europäische Teil Russlands und 20 Mal so groß wie Deutschland. Er umfasst elf Regionen, darunter das riesige Jakutien, nach Fläche nur von sieben Ländern der Welt übertroffen, die Halbinsel Kamtschatka mit ihren Vulkanen oder auch der Autonome Kreis der Tschuktschen, von wo aus es zwischen dem russischen und amerikanischen Festland auf der anderen Seite der Beringstraße keine hundert Kilometer sind. Gemeinsam ist all diesen Gebieten, dass sie dünn besiedelt sind. Der gesamte Verwaltungsbezirk hat nur 8,1 Millionen Einwohner – weniger als Moskau. Bei seiner Entwicklung, die von „kolossaler Bedeutung“ für Russland sei, gehe es um Perspektiven „nicht nur für die nächsten Jahrzehnte, sondern Jahrhunderte“, sagte Präsident Putin Anfang September auf dem Östlichen Wirtschaftsforum in Wladiwostok. Überdurchschnittliche Wachstumsraten in diesem Landesteil hätten eine „langfristige und absolute Priorität“.

Wladiwostok selbst wurde vor ungefähr zehn Jahren zum Sinnbild des neuen Kurses, zum ersten Megaprojekt, das Aufbruchstimmung generieren und dem Eindruck entgegenwirken sollte, Moskau kümmere sich nicht. Etwa 20 Milliarden US-Dollar, knapp ein Drittel davon aus dem Staatshaushalt, flossen im Vorfeld eines Gipfeltreffens der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (APEC), das hier im September 2012 stattfand, in die Infrastruktur der Stadt: in den Flughafen, Brücken, Straßen, Hotels und in die vorgelagerte Insel Russkij. Dort entstand unter anderem der Campus der ein Jahr zuvor gegründeten Fernöstlichen Föderalen Universität – jetzt Schauplatz des Wirtschaftsforums.

Sogar ein eigenes Ministerium

Wladiwostok, wunderschön auf einer Landzunge gelegen und Verwaltungszentrum der Provinz, lebt den Wandel vor, der auch anderswo Einzug halten soll. In den vergangenen zehn Jahren habe sich in der Stadt „viel bewegt“, sagt Tim Knoll, Geschäftsführer der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) und Teilnehmer des Forums. „Wladiwostok wandelt sich zu einer europäischen Metropole am Pazifik und man darf gespannt sein, wie es weitergeht“, so der Deutsche.

9288 Schienenkilometer von Moskau: Der Bahnhof von Wladiwostok ist eines der Wahrzeichen der Stadt. (Foto: Tino Künzel)

Beim Wirtschaftsforum, 2015 ins Leben gerufen, um den Blick von Investoren auf Russlands äußersten Osten zu lenken, fehlte es erneut nicht an schlagzeilenträchtigen Initiativen. So wurde eine Vereinbarung zum Bau einer neuen Stadt namens Sputnik unterzeichnet. 300.000 Menschen sollen dort, 30 Kilometer außerhalb von Wladiwostok, einmal leben. Auch das soll als Fördermaßnahme für die Provinz verstanden werden. Steuerprivilegien für Investoren, vergünstigte Hypothekenzinsen oder subventionierte Flugtickets sind einige andere. Seit 2012 hat Russland sogar ein eigenes Ministerium für den Fernen Osten und die Arktis. 2016 startete ein medienträchtiges Programm mit dem Namen „Fernöstlicher Hektar“: Jeder Russe kann auf diesem Wege absolut kostenlos einen Hektar Land in dem Verwaltungsbezirk bekommen.

Umbruch ohne Durchbruch

Doch zu einer echten Trendwende hat all das bisher nicht geführt. Die Bevölkerungszahl der Provinz tut weiter, was sie schon seit 1992 tut: Sie sinkt. Der einzige Zuwachs in diesen fast 30 Jahren wurde 2019 verzeichnet, hatte aber keine demografischen, sondern administrative Gründe: Dem Fernöstlichen Verwaltungsbezirk waren die Regionen Transbaikalien und Burjatien zugeschlagen worden, was ihm auf einen Schlag zwei Millionen neue Einwohner bescherte. Am ernüchternden Gesamtbild änderte das freilich nichts. Jahr für Jahr weist die Bevölkerungsstatistik ein Minus von 10.000 bis 20.000 Menschen aus.

Dabei ist die Geburtenrate in dem Gebiet nach offiziellen Angaben höher als im Landesdurchschnitt. Dass sich das unterm Strich kaum bemerkbar macht, liegt an den ganz anderen Größenordnungen derer, die ihrer Heimat auf der Suche nach einem besseren Leben weiter westlich in Russland den Rücken kehren. Mit dem „Fernöstlichen Hektar“ sollte diese negative Migration mit einer positiven gekontert werden. Aufgegangen ist das nur sehr bedingt. Lediglich rund 90.000 Menschen haben bisher von dem Angebot Gebrauch gemacht. In der Zahl inbegriffen sind zudem auch Ortsansässige, sie hatten bei der Auswahl der Grundstücke sogar Vortritt.

Migration in die „falsche“ Richtung

Geradezu eine neue Siedlerbewegung von West nach Ost wie Anfang des 20. Jahrhunderts unter dem damaligen Ministerpräsidenten Pjotr Stolypin, als mehrere Millionen Menschen nach Sibirien zogen, ist also nicht in Gang gesetzt worden. Als das Programm startete, hatte man sich davon zweifellos deutlich mehr versprochen. Jurij Trutnew, der Präsidentenbeauftragte für den Fernen Osten, rechnete damals damit, dass die heutige Größenordnung der Teilnehmer bereits 2017 erreicht wird.

Aber niedrige Löhne und soziale Probleme machen nicht nur den „Fernossis“ zu schaffen und gelten als Hauptursachen der anhaltenden Abwanderung. Sie schrecken ebenso potenzielle Neuankömmlinge ab. Das ist natürlich auch dem Kreml nicht verborgen geblieben. Putin nennt die Situation eine „Herausforderung“. Im russischen Fernsehen war er zu sehen, wie er sagte: „Wenn alles so gut wäre, wie wir das gern hätten, dass es auch die Menschen spüren, dann gäbe es Zuzug, nicht Wegzug.“ Rund um das Wirtschaftsforum redete er viel über Soziales, über Wohnungsbau, medizinische Versorgung und saubere Luft. Auch zusätzliche Milliardenzahlungen kündigte er an. Die Internetzeitung „Wsgljad“ titelte zuletzt: „Wie der Ferne Osten ein ,russisches Kalifornien‘ werden kann.“ Sieht so aus, als ob es bis dahin zumindest noch etwas dauern wird.

Tino Künzel

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