Fotografie als Gesellschaftsprojekt

Dmitrij Werfel verlor bei einem Unfall beide Hände. Doch der Mann aus dem sibirischen Kemerowo ließ sich von dem Handicap nicht unterkriegen. Heute leitet er eine inklusive Fotoschule für Kinder. Die MDZ stellt ihn vor.

Werfel
Dmitrij Werfel (l.) bei der Arbeit. Die Fotografie ist sein Leben geworden. (Foto: privat)

Mit 20 unterschied sich Dmitrij Werfel kaum von seinen Altersgenossen. Aufgewachsen in einer großen Familie, hatte der junge Mann wie viele seiner Bekannten große Pläne für die Zukunft. Vor ihm lag ein glückliches Leben. Doch im Januar 2000 änderte sich all das schlagartig. Werfel, der damals im Dorf Linewo im Gebiet Nowosibirsk lebte, wurde von einem Auto angefahren. Heute steht fest, dass der Raser und seine betrunkenen Freunde damals glaubten, dass Werfel sterben würde. Aus Angst, für ihre Tat bestraft zu werden, brachten sie ihr Opfer in einen Wald und legten es dort ab.

„Ein Wunder hat mich gerettet. Ich wachte auf, konnte vom Ort wegkriechen und sogar Hilfe holen. Die erfrorenen Hände waren aber nicht mehr zu retten“, erzählt Werfel. „Die Schuldigen wurden nicht gefasst. Ich kenne weder das Nummernschild, noch kann ich mich an die Gesichter erinnern. So wurde die Suche eingestellt.“ 

Ein Moment veränderte sein Leben

Immer wieder fragte sich Werfel in den vergangenen Jahren: warum er, warum auf diese Weise? „Das sind natürlich philosophische Fragen. Hätte ich nicht die Hände verloren, würde ich nicht da stehen, wo ich heute bin“, meint Werfel heute. Sein Weg führte nach dem Unfall in ein Berufskolleg für Invaliden in Nowokusnezk. Dort wurde er als Werbefachmann ausgebildet und fand Gefallen an der Fotografie. Werfel begann alles zu knipsen: Landschaft, Porträt, Alltag – es gibt kein Fotogenre, das er nicht beherrscht. Anschließend studierte Werfel am Kulturinstitut in Kemerowo weiter, ist seitdem Lehrer für Fotografie und Video. 

Die Lehrjahre waren für Werfel auch Liebesjahre. Am Kolleg lernte er Marina kennen. Schnell wurde sie seine beste Freundin und 2009 schließlich seine Frau. Marina, die im Rollstuhl sitzt, ist eine Top-Visagistin. Gemeinsam mit den beiden Kindern lebt die Familie in Kemerowo. 

Die Fotografie ist eine Therapie

Das Gespräch über die italienische Renaissance, den Unterschied zwischen Schwarz-Weiß- und Farbfotografie und darüber, dass es unmöglich ist, das perfekte Bild zu schießen, wird immer wieder von Kinderstimmen unterbrochen. Werfel ist in seiner inklusiven Fotoschule, die er vor drei Jahren gegründet hat. Zu ihm kommen Kinder mit infantiler Zerebralparese, Trisomie 21 und Hörproblemen. 

„Bei der Arbeit mit den Kindern habe ich eines verstanden. Wenn ich es als ehemals gesunder Mensch mit hervorragender Ausbildung schwer habe, Arbeit zu finden, wie kann ich dann beeinträchtige Kinder auf das Erwachsenenleben vorbereiten? Und wer soll sie außer mir unterrichten?“, sinniert Werfel. „Ich bringe den Kindern bei, mit Fotografie Geld zu verdienen. Und das funktioniert. Das zeigen die hervorragenden Ergebnisse meiner Schüler bei den Abilympics-Wettbewerben für Menschen mit Beeinträchtigungen. Man darf nicht vergessen, dass Fotografie die intensivste Form der Kunsttherapie ist. Sie unterstützt die geistige Gesundheit unserer Kinder.“

Dass die Schule existiert, hat sie auch Fördermitteln des Präsidenten zu verdanken. Mit dem Geld konnte Werfel mehr Unterricht anbieten und zwei Projekte umsetzen: ein Film über die Behandlung und Genesung von Sklerose-Kranken und die Eröffnung von „Asbuka deneg“ (Geld-Fibel), eine Schule zur finanziellen Aufklärung von Kindern.

Heute leitet Werfel mehrere wohltätige Projekte, darunter mit „Wopreki“ (trotz) eine Ausstellung mit Porträts krebskranker Frauen. Dafür hat Werfel viel Aufmerksamkeit bekommen. Dass seine Fotos in der Gesellschaft diskutiert werden, ist eine Auszeichnung für Werfels Arbeit.

Das russlanddeutsche Erbe wird wachgehalten

„Dank meiner Eltern habe ich mich immer als Russlanddeutscher gefühlt. In meiner Kindheit wurde zuhause ständig Deutsch gesprochen. Jetzt versuche ich die Sprache wieder zu lernen“, erzählt Werfel. Die Ankunft der Deutschen zur Zeit Katharinas II., die Wolgarepublik, die Deportation und die „Trudarmee“, in der Werfels Großvater war, interessieren den Fotografen. 

Die Familie hat stets versucht, zumindest Teile der deutschen Lebensweise zu bewahren, seien es Feiertage, Sprache oder die Küche. In den vergangenen Jahren ist Werfels Interesse stärker geworden. Immer wieder hat der Fotograf an Veranstaltungen des Koordinationsrates der Russlanddeutschen in Kemerowo teilgenommen. Und Anfang 2021 hat der Internationale Verband der deutschen Kultur (IVDK) ihm geholfen, hochwertige Prothesen aus Deutschland zu bekommen, die ihm bei der Arbeit und im Alltag helfen. Irgendwann, so Werfels Traum, möchte er gerne bionische Prothesen haben, die mittels Impulsen des Gehirns gesteuert werden. 

Aktuell arbeitet Werfel an einem neuen Projekt. Zum 80. Jahrestag der Deportation der Russlanddeutschen von der Wolga nach Sibirien wollten die Nachfahren das Schicksal ihrer Eltern und Großeltern in Erinnerung behalten. Ihre Idee: eine Porträtreihe ehemaliger „Trudarmisten“, die während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeit verrichten mussten. Werfel war sofort begeistert vom Projekt. Am Ende einer Epoche muss man die Gesichter dieser Zeit festhalten – ohne Retusche, dafür mit Liebe und Respekt, ist Werfel überzeugt. Im Herbst soll die Ausstellung zu sehen sein. 

Tatjana Emich

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