Diplomatie mit Tanz und Ballett

Der berühmteste russische Dirigent kam und sogar die Vize-Ministerpräsidentin: In Berlin wurde das Kulturjahr „Russische Saisons“ eröffnet. In Hunderten von Veranstaltungen können Besucher die ganze Bandbreite der aktuellen russischen Kunst erfahren. Mit der Initiative will Russland die angespannten Beziehungen zu Deutschland verbessern.

Das Kulturjahr „Russische Saisons“ startete mit einem Konzert in der Berliner Philharmonie. /Foto: russianseasons.org/ru/

Fast 15 Minuten Applaus, ein nahezu voll besetztes Haus und viele glückliche Gesichter: Das Gastspiel des traditionsreichen Mariinski-Orchesters in der Berliner Philharmonie kam bei vielen Besuchern ziemlich gut an. Anfang Januar waren die Kulturfreunde in das Konzerthaus im Berliner Zentrum geströmt, um dem in Deutschland eher unbekannten Opernklassiker „Jolanthe“ von Pjotr Tschaikowski zu lauschen. In dem Werk unter dem Dirigat von Walerij Gergijew geht es um eine blinde Prinzessin, die durch die Macht der Liebe wieder sehend wird.

Hunderte Veranstaltungen in ganz Deutschland

Mit dem Gastspiel der Petersburger Musiker wurde offiziell das Festival „Russische Saisons“ eröffnet. Ein ganzes Jahr lang sollen Kulturfans in insgesamt 453 Konzerten, Ausstellungen und Shows in Deutschland die ganze Bandbreite der aktuellen russischen Kultur erleben können. Mit dem Festival will Russland den interkulturellen Dialog zwischen den beiden Ländern stärken. Dass die Kulturoffensive für Moskau nicht nur im Internet einen hohen Stellenwert hat, verdeutlichte auch die Anreise der stellvertretenden russischen Ministerpräsidentin Olga Golodez. „Für Russland ist das ein ganz besonderes Projekt“, unterstrich die hochrangige Politikerin in der Eröffnungs-Pressekonferenz. Es sollten kulturelle Kontakte gestärkt und neue Verbindungen in der Kunst­szene geknüpft werden. Dabei sei das Programm sehr facettenreich.

Tatsächlich ist die thematische Bandbreite beeindruckend. Ob Eiskunstakrobatik, symphonische Musik, Filmvorführungen, akademisches Theater oder wagemutige Zirkusnummern: In dem reichhaltigen Programm findet sicher jeder etwas, der sich für russische Kultur interessiert. In insgesamt 77 deutschen Städten zwischen Hamburg und München werden bis zum Dezember Veranstaltungen angeboten. So gastiert Star-Dirigent Walerij Gergijew, den ein deutscher Radiosender schon mal als den „inoffiziellen Musikminister von ganz Russland“ bezeichnete, mit seinem Orchester in den Konzerthäusern von Frankfurt am Main, Berlin, Baden-Baden, München und Dresden. Berliner können sich auf Konzerte des Allrussischen Jugendorchesters mit dem international erfolgreichen Bratschisten und Dirigenten Juri Baschmet freuen.

Unterwegs mit Katharina der Großen

Auch mehrere Fotoausstellungen stehen auf dem Programm. So zeigt eine Schau in Düsseldorf unter dem Titel „Petersburg aus Engelssicht. Blick von der Isaaks-Kathedrale“ Aufnahmen aus der zweitgrößten Stadt Russlands. Im sachsen-anhaltinischen Zerbst wandelt eine Ausstellung auf den historischen Spuren von Katharina der Großen. Darüberhinaus kommt der Tanz nicht zu kurz. So bietet beispielsweise die nach einer Ballerina benannte Agrippina-Waganowa-Akademie des Russischen Balletts Workshops in Dresden an. Außerdem zeigt das Jakobson-Ballett-Theater aus Sankt Petersburg „Don Quijote“ in Darmstadt.

Und auch auf den Brettern, welche die Welt bedeuten, ist ordentlich was los. So tourt das Wachtangow-Theater mit dem russischen Drama-Klassiker „Onkel Wanja“ von Anton Tschechow. Das Pu­­schkin-Dramentheater aus Moskau zeigt „Schwejk. Die Rückkehr“. Und das Tschaikowski-Theater aus der Industriestadt Perm inszeniert in Hamburg und Köln das „Requiem“ von Giuseppe Verdi. Neben der traditionellen Hochkultur gebe es in diesem Jahr aber auch eher leichte Programmpunkte, kündigte Olga Golodez an. So komme beispielsweise Ilja Awerbuch nach Deutschland. Der Star des russischen Eiskunstlaufens wolle die Deutschen mit seiner eindrucksvollen Eis-Show „Carmen“ unterhalten.

Kunst als Instrument der Kulturdiplomatie

Ins Leben gerufen wurden die „Russischen Saisons“ im Jahr 2016 als Instrument der russischen Kulturdiplomatie. Das Programm, initiiert von Regierung und Kulturministerium, soll über den Verlauf eines ganzen Kalenderjahrs in einem bestimmten Land den maximalen Umfang und die größtmögliche Vielfalt russischer Kunst und Kultur zeigen. Erstmals gastierten die „Russischen Seasons“ im Jahr 2017 in Japan. Damals besuchten russischen Angaben zufolge etwa dreieinhalb Millionen Menschen Veranstaltungen in insgesamt 42 Städten. Ein Jahr später konnten sich dann die Italiener vom Können russischer Sänger, Künstler und Tänzer überzeugen. Nun steht Deutschland im Mittelpunkt.

Dass die Wahl des diesjährigen Gastlandes auch etwas mit der angespannten Situation zwischen beiden Staaten zu tun haben dürfte, wurde auf der Pressekonferenz schnell deutlich. Um die Beziehungen stünde es nicht zum Besten, zitiert der „Tagesspiegel“ Olga Golodez. Auch Stephan Steinlein, Chef des Bundespräsidialamts, benannte „politische und wirtschaftliche Dissonanzen“. Umso wichtiger scheinen daher die kulturellen Kontakte. „Dieses Projekt hilft beim Knüpfen neuer Verbindungen im Kulturbereich zwischen Deutschland und Russland und gibt der Kultur einen Wachstumsimpuls“, hofft Olga Golodez laut der Nachrichtenagentur Tass. Allerdings trage das Projekt einen unpolitischen Charakter, beharrte Walerij Gergijew. „Die Stärke der Musik richtet sich nicht nach dem politischen Fieberthermometer.“

Wirtschaft beteiligt sich an Kosten

Für die Kulturoffensive lässt der russische Staat rund anderthalb Millionen Euro springen. Den Rest finanzieren Sponsoren aus beiden Ländern, darunter auch Firmen aus der deutschen Wirtschaft. Benannt ist das Programm in Anlehnung an das legendäre Tanz­ensemble „Ballets Russes“, mit dem der russische Kunstmäzen und Dandy Sergej Djagilew Anfang des 20. Jahrhunderts in Westeuropa für Furore sorgte. Wer mehr über das Programm wissen möchte, wird bald im Internet unter der Adresse www.russianseasons.org/de/ fündig. Gegenwärtig befindet sich die Seite noch im Aufbau.

Birger Schütz

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