Immer an Russland geglaubt

In wenigen Wochen jährt sich der Mauerfall zum 30. Mal. Er war seinerzeit der Startschuss für einen der spektakulärsten Prozesse der Wirtschaftsgeschichte: die Transformation von der Plan- zur Marktwirtschaft in Ost- und Mitteleuropa. Auch in Russland waren deutsche Unternehmen mit ihrem Engagement dabei ein wichtiger Wegbegleiter. Neuerdings haben sie oft das Nachsehen gegenüber der Konkurrenz aus China.

Hipp lokalisierte seine Produktion 2010 in Mamonowo, Region Kaliningrad. Auf dem Foto von damals: Gesellschafter Stefan Hipp © Igor Sarembo / RIA Novosti

Die Region hinter dem Eisernen Vorhang war für viele deutsche Unternehmer und Manager 1989 kein unbekanntes Terrain. Die Zusammenarbeit zwischen dem sozialistischen Osten und dem kapitalistischen Westen funktionierte auch zu Zeiten, da sich die Politiker mit gewetzten Messern gegenüberstanden. Schon vor der Revolution in Russland und auch zwischen den Weltkriegen waren das Deutsche Reich und Russland beziehungsweise die Sowjetunion füreinander bedeutende Wirtschaftspartner. So war es nicht verwunderlich, dass die deutsche Wirtschaft nach der Gründung der Bundesrepublik mit den Füßen scharrte, um an Traditionen anknüpfen und ihre Waren wieder gen Osten liefern zu können. Vor allem in den 1970er und 1980er Jahren wurden zahlreiche Maschinen und Anlagen und ganze Hüttenwerke in die Sowjetunion exportiert – in der Regel auf der Basis von Gegengeschäften.

Erste deutsch-sowjetische Joint Ventures

Als Michail Gorbatschow Mitte der 1980er Jahre eine sozialistische Planwirtschaft plus Markt in der Sowjetunion einführte, nutzten die ersten westdeutschen Unternehmen die Chance und gründeten deutsch-sowjetische Joint Ventures. Der Schuhhersteller Salamander aus Kornwestheim, der Kranbauer Liebherr aus Kirchdorf an der Iller und das Maschinenbauunternehmen Heinemann aus St. Georgen waren die Pioniere der deutsch-sowjetischen Kooperation. Doch die Sowjetunion steckte in einer tiefen Wirtschaftskrise. Konstruktionen, die unter planwirtschaftlichen Bedingungen gut funktionierten, hielten der Marktwirtschaft nicht stand.

Die Sowjetunion – über Jahre ein verlässlicher Schuldner – konnte ihre Außenstände nicht mehr zahlen. Deutschland war der größte Gläubiger des Landes. Ab 1990 warteten Hunderte Unternehmen auf ihr Geld aus der Sowjetunion. Ostdeutsche Firmen, die vorrangig für die Sowjetunion produziert hatten, kamen ins Schlingern. Allerdings: Schon zehn Jahre später, 2002, hatten die Unternehmen der neuen Bundesländer ihre Exporte neu ausgerichtet. Die nach Russland machten bereits zu dieser Zeit weniger als zwei Prozent der Gesamtexporte aus.

Verband der Deutschen Wirtschaft gegründet

Zum Anfang des Transforma­tionsprozesses gab es etwa 800 deutsche Firmenpräsenzen, die in Moskau nach dem Prinzip Hoffnung ausharrten. 1995 gründeten einige dieser Firmen den Verband der Deutschen Wirtschaft in der Russischen Föderation, der schon wenig später 500 Mitglieder hatte und den Aufschwung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen in den kommenden Jahren intensiv begleitete.

Die Öl- und Gasindustrie gehört zu den Branchen, in denen die Zusammenarbeit über die Jahrzehnte besonders gut funktionierte. Bereits 1970 war das erste Erdgas-Röhren-Geschäft unterzeichnet worden, dem weitere folgten. Störfeuer der Amerikaner konnten Projekte verzögern – verhindern konnten sie sie nicht.

An der Privatisierung in Russland beteiligten sich nur wenige deutsche Firmen. Die Firma Knauf griff beherzt bei Gipsproduzenten zu – obwohl Ausländer anfangs nur 30 Prozent der Anteile an einem Unternehmen erwerben durften. Der Baustoffhersteller aus Iphofen gehörte zu den ersten ausländischen Unternehmen, deren Besitz in den neuen Grundbüchern festgeschrieben wurde.

Lokalisierung aus der Not heraus

Die deutsche Automobilindustrie begnügte sich anfangs mit der Lieferung von Pkw nach Russland. Als Präsident Boris Jelzin 1994 die Importzölle erhöhte, verteuerte sich die Einfuhr von Neuwagen um bis zu 80 Prozent und die Importe gingen um 30 Prozent zurück. Deutsche Hersteller fühlten sich erpresst, doch es blieb ihnen keine andere Wahl, als in die Produktion im Lande zu investieren.

Inzwischen haben zahlreiche deutsche Unternehmen Fabriken in Russland gebaut oder russische Firmen übernommen. Das Land hat sich kolossal verändert, auch durch das große Engagement der Deutschen, die trotz Finanzkrisen oder Protektionismus immer an Russland glaubten und mit ihren Investitionen und Lieferungen das Land in die Marktwirtschaft begleiteten. Würde man heute in Moskau und vielen anderen Städten rufen „Alles, was aus Deutschland kommt, heraustreten!“, würden Wände zusammenbrechen, Pumpen, Fenster und Türen, Heizanlagen und Fahrstühle zuhauf auf die Straße kullern. 

Heute liegt Russland im Ranking der Handelspartner Deutschlands auf Platz 13, unter anderem hinter Polen und Tschechien. Der Anteil Russlands am deutschen Außenhandelsumsatz beträgt gerade 2,57 Prozent, bei den Exporten 1,96 Prozent. China hat Deutschland als einst wichtigsten Handelspartner Russlands vom Thron gestoßen. Vor allem die deutschen Maschinenbauer haben in den vergangenen Jahren Marktanteile in Russland an die Chinesen verloren. Das Potenzial der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen ist also längst nicht ausgeschöpft. 30 Jahre waren nicht genug.

Jutta Falkner

Die Autorin beschäftigt sich als Wirtschaftsjournalistin seit mehr als 30 Jahren mit den Ost-West-Wirtschaftsbeziehungen. Soeben erschienen ist ihr Buch „Go East“, das über Amazon bestellt werden kann und in Buchhandlungen erhältlich ist.

Kommentare

Kommentare

Newsletter

Wir bitten um Ihre E-Mail: