Deutsche Spuren auf der non/fictio№27

Die Buchmesse non/fictio№27 gilt als das wichtigste literarische Ereignis des Jahres in Russland. Im Dezember 2025 war im Moskauer Ausstellungszentrum „Gostinny Dwor“ auch die deutsche Präsenz deutlich spürbar. Margarita Spanopulo berichtet von Trends, Ängsten – und literarischen Reiserouten.

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non/fictio Nr. 27: volles Eintauchen in die Welt der Bücher (Foto: Julia Morosowa/TASS)

Das Wort des Jahres und die Stimmung der Zeit

Die Tradition, ein „Wort des Jahres“ zu küren, geht in Deutschland auf die 1970er-Jahre zurück: Damals legte die Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden den Grundstein dafür. 2025 wählten deutsche Sprachwissenschaftler „KI-Ära“ – eine klare Resonanz auf den Siegeszug künstlicher Intelligenz. In Russland hingegen dominierte im Volksvotum ein anderes Wort: „Trewoschnost“ – „Angst“ oder „Ängstlichkeit“. Diese Grundstimmung prägte auch den diesjährigen Buchmarkt, doch auf der non/fictio№27 zeichneten sich weitere, teils überraschende Entwicklungen ab.

Zwischen Horror und Happy End

Zwei scheinbar gegensätzliche Lektüretrends standen im Zentrum der Messe: Einerseits boomt die Kurzgeschichte mit emotionalen, zielgerichteten Erzählungen und garantiertem Happy End. „Schneller Dopamin-Kick“, erklärte die Autorin Helena Heil – unter Pseudonym schreibend für den Verlag Clever und dessen Imprint Trendbooks. Solche Bücher seien leicht, schön und perfekt für die kurze Metrofahrt, bei der man vom ersten bis zum letzten Satz kommt.

Andererseits erlebt der russische Horror, ebenso wie Krimi und True Crime, einen regelrechten Aufschwung. Verlage bezeichnen Horror als „sicheres Mittel, um auf kontrollierte Weise Angst zu spüren“. Besonders gefragt ist der sogenannte „Alltags-Horror“, etwa Geschichten aus Datschen oder Kommunalkas, in denen das Grauen aus vertrauten, gerade deshalb umso beunruhigenderen Szenarien erwächst.

Der Schriftsteller und Regisseur Jewgeni Grischkowez fasste diese Stimmung treffend zusammen: Unter dem Titel „Lasst uns gemeinsam Angst haben“ stellte er sein neues Buch „Wenn ich Angst habe“ vor und betonte: Angst sei heute nicht mehr tabu, sondern ein legitimes, gesellschaftlich relevantes Gefühl.

Im deutschen Regal

Ein alternativer Pfad führte über die deutsche Geistes- und Literaturtradition. Für erwachsene Leser standen Übersetzungen schwerer, aber lohnender Texte im Mittelpunkt, etwa die Dialoge von Heiner Müller mit Alexander Kluge oder die politische Philosophie von Carl Schmitt und Ernst Jünger. Hier stand nicht das emotionale Erleben, sondern das Verstehen historischer Traumata und Machtmechanismen im Fokus. Eine zentrale Rolle spielte dabei das Thema Erinnerungskultur, exemplarisch etwa in Aleida Assmanns Werk „Geschichtsvergessenheit – Geschichtsversessenheit“.

Auch in der Jugendliteratur blieb Deutschland kein Ort flacher Unterhaltung. So greift der Roman „Essen Tote Erdbeertorten?“ von Rosemarie Eichinger kindliche Neugier auf, um gleichzeitig Themen wie Trauer und soziale Ausgrenzung zu reflektieren.

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Die Bücher von Rotraut Susanne Berner sind immer gefragt. (Foto: Margarita Spanopulo)

Und für die kleinsten Leser wurde Deutschland schließlich zur Quelle eines harmonischen, sicheren Kosmos: Zu entdecken waren die detailreichen Wimmelbücher von Rotraut Susanne Berner, Wissensgeschichten für Vorschulkinder (Andrea Schütze, Christine Faust), Detektivgeschichten (Martin Mauser, Tina Schulz) sowie fantasievolle Abenteuer (Stephanie Schneider). Der Kontrast zwischen anspruchsvoller Erwachsenenliteratur und klarer kindlicher Welt prägte das deutsche Profil auf der Messe.

Künstliche Intelligenz: Werkzeug oder Bedrohung?

Die non/fictio№27 widmete sich auch den digitalen Herausforderungen. Auf einem Podium des Verlags „Piter“ wurde über künstliche Intelligenz diskutiert. Zwar nutzt die Branche KI bereits vielfältig, und zwar zur Analyse von Rezensionen, zum Sprechen von Hörbüchern, zur Unterstützung beim Übersetzen oder gar zur Prognose des Marktpotenzials neuer Manuskripte. Doch Bedenken blieben: In der Bildung drohe KI, zum „Krückstock“ zu werden, der eigenständiges Denken ersetzt. Und im rechtlichen Bereich bleibt die Frage des Urheberrechts ungeklärt. Schließlich speisen sich Algorithmen oft aus fremden Ideen und Stilen. KI erschien nicht nur als Hilfsmittel, sondern als tiefgreifende Herausforderung für die gesamte Buchkultur.

Benjamins Passagen

Ein Höhepunkt der Messe war die Präsentation der russischen Ausgabe von Walter Benjamins „Das Passagen-Werk“. Der Verlag „Ad Marginem“, seit 30 Jahren auf anspruchsvolle intellektuelle Literatur spezialisiert, bezeichnet Benjamin als seinen „himmlischen Schutzpatron“. Der Philosoph, der 1940 als Flüchtling vor den Nazis Selbstmord beging, ließ sein Hauptwerk unvollendet.

In seinem Zentrum steht die Pariser Passage des 19. Jahrhunderts. Für Benjamin war sie ein Symbol der Moderne. Die Übersetzerin Vera Kotolewskaja arbeitete drei Jahre lang am Text. Die russische Ausgabe enthält 1500 erklärende Anmerkungen, die historische Realien des vorigen Jahrhunderts verständlich machen.

Während der Präsentation wurde Benjamin als Flaneur beschrieben, jener Figur, die die Stadt wie einen Text liest. Diese Metapher fand ihr Gegenstück in der Messe selbst: Die Besucher schlenderten zwischen den Ständen wie durch literarische Galerien. Die Veranstaltung erinnerte daran, dass neben Unterhaltung und Trend auch ein stetiger Hunger nach tiefgründigerem Denken existiert.

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Das Wort des Jahres: „Angst“ setzte sich gegen „Sieg“, „Glaube“, „Liebe“, „Frieden“ und andere durch. (Foto: Margarita Spanopulo)

Die Messe in Details

Doch der eigentliche Zauber der non/fictio№27 lag in der Atmosphäre. Durch die Gänge zogen Elfen, Feen und andere Fabelwesen. Manche Besucher kamen mit Koffern, bereit, Dutzende Bücher mitzunehmen. Einer schaffte es sogar, 152 Kilogramm Bücher zu kaufen und gewann damit den Wettbewerb „Die Waage“. Auch die Verlage überraschten mit originellen Ständen: So dekorierte der Kinderbuchverlag „Samokat“ seinen Bereich mit Brot und Brezeln. Es war eine Hommage an das Sachbuch „Brot. Der Geschmack der Welt“ von Maria Bacharewa.

In dieser sinnlichen Vielfalt, im Wechselspiel von Genres und Epochen offenbarte sich der wahre Wert der Buchmesse: Das Buch ist heute Gesprächsanlass, Sammlerstück und Inspiration zugleich. Und vor allem: eine Reise vom Horror der heimischen Kommunalka bis zu den Pariser Passagen Walter Benjamins. Die non/fictio№27 zeigte eindrücklich: Das Buch bleibt ein Raum der Wahl, in dem jeder Leser seine eigene literarische Route entdecken kann.

Margarita Spanopulo

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