Deutsch-russische Kulturbeziehungen auf dem Prüfstand

Der Ukraine-Konflikt hat auch Folgen für den Kulturbereich. Schon jetzt wurden Engagements russischer Künstler in Deutschland abgesagt oder beendet. Doch jenseits dieser Fälle gibt es Grund zur Hoffnung.

Anna Netrebko bei einem Konzert im Kreml.
Anna Netrebko wird vorerst nicht in Deutschland auftreten. (Alexander Awilow/ AGN Moskva)

Vor allem in der klassischen Musik sind die Kulturbeziehungen zwischen Deutschland und Russland eigentlich eng. Nicht erst seit Kirill Petrenko 2019 die Leitung der Berliner Philharmoniker übernahm, besteht zwischen Musikern und Dirigenten aus beiden Ländern ein reger Austausch durch Engagements und Gastspiele. Werke russischer, beziehungsweise deutscher Komponisten sind auch im jeweils anderen Land aus den Konzertprogrammen nicht wegzudenken.

Zwei Engagements beendet

Entsprechend hohe Wellen schlug es, als Anfang des Monats gleich zwei hochkarätige Engagements in der bayerischen Landeshauptstadt München gekippt wurden. Der russische Dirigent Valery Gergiev, seit 2015 Chef der Münchner Philharmoniker, wurde von Oberbürgermeister Dieter Reiter seines Postens enthoben. Fast zeitgleich wurde ein Gastspiel der Opernsängerin Anna Netrebko an der Bayerischen Staatsoper abgesagt . Kurz darauf wurde auch ein im September geplantes Konzert Netrebkos in Stuttgart gestrichen. In beiden Münchner Fällen wurde die Entscheidung damit begründet, dass sich die Künstler nicht oder nicht ausreichend von der russischen „Spezialoperation“ in der Ukraine distanziert hatten.

Ist überall das gleiche Maß angebracht?

Gergiev hatte tatsächlich schon lange in der Kritik gestanden, manchen kam der Rauswurf eher zu spät als zu früh. 2008 hatte er für die russischen Truppen im von Georgien abgespaltenen Südossetien ein Konzert gegeben, 2014 dann die Angliederung der Krim an Russland befürwortet. Als OB Reiter von ihm eine Distanzierung forderte, blieb seine Antwort aus. Bei Netrebko ist die Sachlage komplizierter. Diese hatte auf Instagram ihre Hoffnung auf ein baldiges Ende des Konflikts ausgesprochen. „Der Schmerz und das Leid brechen mir das Herz“, zitiert die Münchner „Abendzeitung“ ihren mittlerweile privaten Account.

In Netrebkos Fall stellt sich die Frage, ob man von russischen Künstlern die gleichen Bekenntnisse erwarten kann, wie von ihren deutschen Kollegen. Denn das Risiko bei kritischen Äußerungen ist in Russland nun einmal höher als in Deutschland. Künstler könnten bei einer Rückkehr in ihr Heimatland durchaus in Schwierigkeiten geraten. „Man fordert Aussagen von den Leuten, für die man hier in Russland ins Gefängnis kommen kann“, meint auch die Moskauer Pianistin Jekaterina Richter gegenüber der MDZ. Sie selbst hat in Berlin und Köln studiert. „Hier könnten sie dafür viel mehr als nur ein oder zwei Konzerte verlieren.“ Vielleicht braucht es manchmal etwas mehr Verständnis dafür, welche Äußerungen russischen Künstlern überhaupt möglich sind.

Es gibt auch positive Beispiele

Dass es dieses Verständnis im Kulturbetrieb aber weiterhin gibt, davon berichtet Alina Alesch­tschenko. Die Moskauerin arbeitet als künstlerische Produktionsleiterin am Schauspiel Dortmund. An ihrem Haus verändere sich die Zusammenarbeit mit den deutschen Kollegen gerade zum Positiven. „Mich fragen beispielsweise viele Kollegen, wie es meiner Familie in Russland geht, nehmen im Gespräch mit mir bei bestimmten Themen mehr Rücksicht und zeigen Verständnis, wenn ich manche Dinge nicht ansprechen oder kommentieren möchte“, berichtet sie unserer Zeitung. Die aktuellen Fälle sieht sie mit gemischten Gefühlen. „Der Abbruch der Zusammenarbeit kann kontraproduktiv sein, vor allem für Künstler, die nur im Ausland so arbeiten können, wie sie es wollen. Und generell bin ich überzeugt, dass viele Künstler gemeinsame Werte teilen, die über die Nationalität hinausgehen.“ Gleichzeitig habe sie Verständnis dafür, dass deutsche Häuser mit einigen Partnern aufgrund deren politischer Haltung nicht weiter zusammenarbeiten können.

Vor allem hebt sie aber die gegenseitige Unterstützung in der Kulturbranche hervor. Am Schauspiel Dortmund gebe es derzeit laufend Spendensammlungen. Außerdem versuche man, gefährdete Künstler aus Krisengebieten im Rahmen von Stipen­dien oder Praktikumsangeboten nach Deutschland zu holen. Das dauere vor allem wegen des bürokratischen Aufwandes seine Zeit. Jenseits exponierter Fälle wollen verschiedenste Akteure die Kulturbeziehungen durchaus am Laufen halten, auch wenn das aktuell schwierig ist. Und im Ensemble rückt man vielleicht sogar gerade jetzt näher zusammen.

Von Thomas Fritz Maier

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