Denkmalschutz als Imagepflege?

Moskau ist nicht unbedingt für einen sensiblen Umgang mit historischer Bausubstanz bekannt. Umso mehr verwundert die aufwändige Rettung dreier Industriebauten auf dem Gelände eines künftigen Wohnparks. Wird der Erhalt von Baudenkmälern etwa zum Wettbewerbsfaktor?

Denkmalschutz bei Wohnpark-Projekt: Der Wasserturm bleibt erhalten.
Ein Relikt der Moskauer Industriekultur trotzt dem Abbruchfieber. (Foto: Jiří Hönes)

Über 100 Meter hat der stolze alte Wasserturm aus Backstein zurückgelegt. Im Schneckentempo bewegte sich der 1600 Tonnen schwere Koloss über die Baustelle in der Nähe des Saweljowsker Bahnhofs im Nordwesten Moskaus. Zwei weitere Gebäude des ehemaligen Kompressorenwerks aus dem späten 19.  Jahrhundert sollen ihm bald folgen.

Seit vier Jahrzehnten ist es das erste Mal, dass in der russischen Hauptstadt historische Gebäude verschoben werden, um sie zu erhalten. Auf dem Gelände des einstigen Werks, das ab 1889 von dem deutschen Unternehmer Gustav List errichtet worden war, entsteht die Wohnanlage „Scheremetjewskij“. Erste Rohbauten sind bereits zu sehen.

Denkmalpfleger sieht einen Präzedenzfall

Die drei nun geretteten Industriegebäude sollen künftig Büros und Kultureinrichtungen beherbergen. Dass die Entwicklungsgesellschaft PIK sich zum Erhalt der historischen Bauten entschlossen hat, ist mehr als ungewöhnlich. Sie hatten keinen Schutzstatus, das Unternehmen hatte keinerlei Verpflichtungen dazu. Und generell ist Moskau nicht gerade für einen zimperlichen Umgang mit historischer Bausubstanz bekannt, gerade wenn es um Industrie- oder Verkehrsbauwerke geht.

Konstantin Michailow, Chefredakteur der Website „Bewahrer des Kulturerbes“, sieht hierin nichts weniger als einen Präzedenzfall. „Vor zehn Jahren wäre der Turm einfach abgerissen worden“, schreibt er. Erst kürzlich sei es ähnlichen Bauten nicht anders ergangen. Doch von den Gebäuden des einstigen Kompressorenwerks würde nun eine Signalwirkung für Moskau ausgehen: Es ist möglich, historische Bauten zu erhalten, wenn denn der Wille da ist, ungeachtet technischer Schwierigkeiten und Kosten. Die Verschiebung der drei Gebäude soll, so Michailow, immerhin 550 Millionen Rubel (ca. 6,3 Millionen Euro) gekostet haben.

Beginn einer Trendwende?

Der Impuls zum Erhalt der Bauten ging laut Konstantin Michailow von den Architekten des Projekts aus. Der Denkmalschützer will erfahren haben, dass sich die Entwicklungsgesellschaft PIK unter anderem deshalb für die kostspielige Aktion entschieden habe, weil sie die Konfrontation mit der mittlerweile sehr kritischen Öffentlichkeit vermeiden wollte. Ist man möglicherweise daran interessiert, das angekratzte Image aufzupolieren? Gesellschaften wie PIK oder Ingrad stehen bei Denkmalschützern schon länger in der Kritik, weil sie bei der Errichtung riesiger Wohnanlagen keinerlei Rücksicht auf historische Bausubstanz nehmen.

Die Entscheidung zum Erhalt der Gebäude löste in der Szene zumindest Verwunderung aus. Ob es sich wirklich um den Beginn einer Trendwende handelt, wird sich bei kommenden Bauprojekten zeigen.

Jiří Hönes

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