Archangelsk, deine Holzhäuser

Die russische Holzarchitektur ist weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt. Besonders viele Zeugnisse dessen, was vergangene Jahrhunderte hervorgebracht haben und teilweise bis heute bewohnt ist, finden sich in Nord­russland. Drei Beispiele aus der Großstadt Archangelsk.

Hier heißt es Augen auf: Das Tschudinow-Haus auf der „Tschumbarowka“ ist alte Schule. (Foto: Jekaterina Listowa/Wikimedia Commons)

Das Schaufenster: Tschumbarow-Lutschinskij-Prospekt

Wer Ortsansässige fragt, was es in Archangelsk wohl zu sehen gebe, wird mit ziemlicher Sicherheit zum Tschumbarow-Lutschinskij-Prospekt geschickt. Diese Flaniermeile im Herzen der Stadt wurde 2009 nach aufwendiger Rekonstruk­tion für den Verkehr gesperrt. Sie ist nicht so sehr für ihre Souvenirläden und Restaurants an sich beliebt als vielmehr für die Tatsache, dass alle diese touristenfreundlichen Einrichtungen in sehenswerten Holzhäusern untergebracht sind. Einige stehen an ihrem angestammten Platz, andere wurden aus verschiedenen Stadtvierteln hierher verpflanzt und wieder andere nach alten Zeichnungen neu gebaut. Zusammen sollen sie einen Eindruck vom Archangelsk des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts vermitteln. Die Entscheidung dazu fiel noch in den 1980er Jahren.

Eine Zierde dieses Archangelsker Arbats ist beispielsweise das Tschudinow-Haus. Auf der „Tschumbarowka“ trägt es die Nummer 30. Errichtet 1904 im Stile des Eklektizismus, wurde der reich verzierte  Holzbau 1989 von der Uferstraße der Nördlichen Dwina an seinen heutigen Standort versetzt. Sein ehemaliger Besitzer Andrej Tschudinow hatte nicht lange Freude an dem Schmuckstück. Der Stadtverordnete und Holzfabrikant setzte sich 1919, als Archangelsk nach der Oktoberrevolution noch von den Weißen gehalten wurde, nach Frankreich ab. Seine Firmen und Häuser wurden alsbald nationalisiert. Es heißt, Tschudinow wäre gern in seine Heimat zurückgekehrt, starb aber schließlich in der Fremde.

Haus Nummer 19 auf dem Tschumbarow-Lutschinskij-Prospekt: Nachbau eines Holzhauses von 1913, das einem Anwalt gehörte (Foto: sk/Wikimedia Commons)

Die Schatztruhe: Freilichtmuseum Malyje Korely

Der größte Feind der Holzarchitektur ist die Zeit. Noch Ende des 19. Jahrhunderts schrieb der Architekt und Forscher Wladimir Suslow nach einer Expedition in den russischen Norden, dass es ein Verbrechen wäre, die Erforschung dieser Bauten aufzuschieben, da sie bald verschwinden würden. Mehr als 100 Jahre später leidet der verbliebene Bestand aber immer noch unter einem Mangel an Aufmerksamkeit. In der Region Archangelsk ist allein in den letzten 20 Jahren etwa ein Dutzend Denkmäler der Holzarchitektur abgebrannt.

Umso wunderbarer, dass das Freilichtmuseum Malyje Korely  – eines der größten seiner Art in Russland – authentische Bauzeugnisse in ihrer ganzen Vielfalt bewahrt. Eröffnet wurde es bereits 1964 und mit der Zeit erweitert. Heute beträgt die Ausstellungsfläche 140 Hektar, auf denen sich in einer Waldlandschaft mehr als 100 Gebäude aus dem 16. bis 19.  Jahrhundert verteilen: Hütten, Scheunen, Windmühlen, Kirchen und dergleichen mehr. Sie entstammen der gesamten Region. Teilweise wurden sie für den Transport zerlegt und danach wieder aufgebaut.

Nordrussische Holzarchitektur im Museum Malyje Korely (Foto: Maria Bolschakowa)

Das Museum 25 Kilometer außerhalb von Archangelsk ist in vier Bereiche unterteilt, die durch spektakuläre Holztreppen und Brücken miteinander verbunden sind. Jeder Bereich steht für einen anderen Landstrich der Region Archan­gelsk. So werden Besuchern die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Architektur nahegebracht. Zu sehen sind zum Beispiel massive Häuser, in denen sich Wohnraum und Scheune unter einem Dach befinden, damit im kalten Winter die Notwendigkeit entfiel, hin und her durchs Freie laufen zu müssen.

Aus Holz sind im Freilichtmuseum nicht nur die Häuser. (Foto: Maria Bolschakowa)

Generell zeichnet sich die Baukunst des Nordens historisch durch ihre Strenge und Einfachheit aus. Die Bauten verschmelzen förmlich mit der sie umgebenden Natur zu einem Ganzen. Wachtürme und Wehrmauern aus Kiefernholz sind für diese raue Gegend ebenso charakteristisch geworden wie Wälder, Seen, Flüsse und Felsen. Die Bilder von mächtigen Festungen als Symbole der Ruhe und Sicherheit waren für die „Nordländer“ von tiefer Bedeutung und beeinflussten auch ihren künstlerischen Geschmack und ihre Ideale.

Die Erhaltung der volkstümlichen Holzarchitektur in Nord­russland ist weitgehend auf dessen isolierte Lage zurückzuführen. Herrliche Denkmäler der alten Architektur, vergessen und verlassen, verbrachten hier relativ unbehelligt ihre Tage in der Stille kleiner Städte und Klöster, in abgelegenen Dörfern zwischen undurchdringlichen Wäldern und Mooren, fernab der großen Handelswege und kulturellen Zentren des Landes.

Das Krisengebiet: Wohnviertel aus Sowjetzeiten

Von sich reden macht Archangelsk von Zeit zu Zeit auch mit anderen Holzhäusern, die Besucher vielleicht nur auf der Fahrt zum Flughafen wahrnehmen. Es handelt sich um Wohnbaracken aus der Zeit der sowjetischen Industrialisierung, die häufig in einem beklagenswerten Zustand sind. Am Stadtrand gibt es ein ganzes Viertel davon, den sogenannten Mikrorajon der Ersten Fünfjahrespläne. Gebaut in den 1930er Jahren für die Arbeiter eines Sägewerks und einer Zellstofffabrik, boten diese zweistöckigen Typenbauten für damalige Verhältnisse einen durchaus soliden Wohnkomfort. Äußerlich verraten Schnitzereien und Muster noch heute eine erstaunliche Liebe zum Detail.

Die Holzbaracken aus der Sowjetzeit sind manchmal noch recht gut in Schuss, häufig aber eigentlich unbewohnbar. (Foto: Peter von Fircks/Pixelio.de)

Doch nun verfallen die Baracken zusehends. Die Hälfte ist baufällig, die Wasserversorgung unregelmäßig und manchmal fällt die Heizung aus. Das Beste wäre, sie in der einen oder anderen Form für die Nachwelt zu erhalten, aber die Bewohner umzusiedeln. Pläne der Regionalregierung sehen vor, zu diesem Zweck bis 2025 Dutzende neuer Wohnhäuser zu bauen. Man kann sich ja auch nicht um das kulturelle Erbe kümmern, ohne sich um die Menschen zu kümmern.

Maria Bolschakowa

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