Anastasia-Bewegung: Grüne Wiesen, braune Gedanken

Sie geben sich esoterisch und wollen im Einklang mit der Natur leben. Die in Russland entstandene Anastasia-Bewegung findet auch im Ausland immer mehr Anhänger. Besonders stark vertreten ist sie in Deutschland, wo sie zum Anziehungspunkt für völkische Siedler wird.

Anastasia
Die Anastasia-Bewegung sieht sich selbst als naturverbundene Siedler. (Foto: VK/ zkr_anastasia_megre)

Ein Mann im Leinenhemd gräbt in der Nachmittagssonne ein Feld um, im hohen Gras spielen Kinder zwischen Löwenzahn Fangen. Eine Frau mit Blumenkranz und langem Kleid erntet Erdbeeren, umgeben von blühenden Wiesen. In einer Holzhütte reihen sich eingemachte Lebensmittel auf Spitzendeckchen. So idyllisch und naturnah präsentieren sich die Mitglieder der Anastasia-Bewegung in einem Werbevideo für die Siedlung Miljonki südwestlich von Moskau. Hier in Russland wurde die sektenartige und esoterische Bewegung in den 1990er Jahren gegründet und hat sich seitdem auch international verbreitet.

Anastasia: erotisch und übersinnlich

Die Anastasia-Ideologie basiert auf einer zehnbändigen Romanreihe des russischen Autors und Unternehmers Wladimir Megre. Die Erzählung beginnt damit, wie Megre auf einer Reise in Sibirien der Schlüsselfigur Anastasia begegnet. Er beschreibt sie als junge Frau von außergewöhnlicher Schönheit mit langem, goldblondem Haar und ebenmäßigen Zügen, die nichts trägt, außer ein leichtes, weißes Kleidchen. Anastasia lebt unbefangen allein im Wald der Taiga, die Natur gibt ihr alles, was sie zum Leben braucht. Gleichzeitig ist sie allwissend und hat übernatürliche Fähigkeiten. Sie betont, dass jeder Mensch diesen vollkommenen Zustand erreichen kann, wenn er sich an ihre Lehren hält. Anastasia propagiert ein antiquiertes Frauenbild und spricht von dunklen Kräften, die die Menschen von einem erfüllten Leben abhalten. Zentrales Motiv sind die sogenannten Familienlandsitze. Auf einem Hektar Land mit Wasserquelle sollen Siedlerfamilien als Selbstversorger heimisch werden.

Rechte Siedler in Deutschland

In Deutschland findet die Idee, nach dem Vorbild Anastasias zu siedeln, immer mehr Anhänger. Nach Medienrecherchen soll es zwischen Brandenburg und Bayern bereits über 20 Ableger geben. Die Siedlungen tragen Namen wie „Weda Elysia“, „Goldenes Grabow“ oder „Oase Goldhammer“. Und auch in Österreich wird bereits gesiedelt. Ein vereinbartes Telefongespräch mit dem „Anastasialand“ aus St. Radegrund kommt bis zum Redaktionsschluss nicht zustande. Die Siedlungen ziehen naturverbundene Esoteriker an, die ökologisch landwirtschaften wollen – und zu völkisch-nationalistischen Ansichten neigen. Entsprechende Ideologien sind explizit in den Anastasia-Bänden enthalten.

„Als ein großes Feindbild zieht sich durch die Bücher das Judentum und jüdische Menschen, die vermeintlich die Weltherrschaft an sich gerissen hätten und alles unter Kontrolle haben“, erklärt Anna Meier, Expertin der Amadeu Antonio Stiftung für völkische Siedler im Interview mit „Spiegel TV“. „Im Prinzip wird alles, was mit der modernen demokratischen Gesellschaft zu tun hat, also Pressefreiheit, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, Demokratie und Menschenrechte, verneint“, fasst sie zusammen.

Dass es in der Bewegung auch Menschen gibt, die solche Inhalte nicht bemerken und nur von spirituellen und ökologischen Aspekten angezogen werden, glaubt Matthias Pöhlmann, Sektenbeauftragter der bayerischen Landeskirche nicht: „Ein bisschen Anastasia-Idylle geht nicht, man hat eben auch dieses antisemitische und antidemokratische Gedankengut“, so der Experte. Immer wieder konnten Medien wichtigen Köpfen der Bewegung Verbindungen in die rechtsradikale Szene nachweisen.

Wie zum Beispiel Frank Ludwig, der unter dem Namen „Urahnen­erbe Germania“ pseudowissenschaftliche Rassenlehren verbreitet und über Blut-und-Boden-Ideologie referiert, wie Aufnahmen des BR-Magazins „Kontrovers“ zeigen.

Breites Netzwerk in Russland

An ihrem Ursprungsort in Russland hat die Bewegung ein breites Netzwerk aufgebaut. Über 400 Familienlandsitze sollen die „Ringenden Zedern Russlands“, wie sie hier heißen, haben. Wie Anastasia-Anhänger im Netzwerk Vkontakte schreiben, werde in den Büchern die nationale Idee Russlands formuliert, die das Land zu einem wissenschaftlichen und kulturellen Weltzentrum mit höchstem Lebensstandard machen werde. Die Anthropologin Julia Andrejewa, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Petersburger Museums Kunstkammer zeichnet ein weniger idealistisches Bild der Bewegung.

„Fast immer waren die Bewohner der Familiensiedlungen in gewissem Maße von Megres Büchern fasziniert, planten den Aufbau einer alternativen, harmonischen Gesellschaft, scheiterten aber an der Umsetzung und verweigerten irgendwann die Teilnahme an den meisten kollektiven Projekten“, erläutert sie der MDZ. Es handele sich bei den Siedlungen keineswegs um landwirtschaftliche Gemeinden. Die Menschen könnten oft nicht von ausschließlich Selbstangebautem leben und seien für Arbeit und Versorgung auf die Stadt angewiesen.

Generell seien die Behörden und russischen Bürger der Bewegung gegenüber argwöhnisch. Die orthodoxe Kirche und die Anti-Kult-Bewegung versuchten, auf die lokale Verwaltung einzuwirken, um die Siedler daran zu hindern, Grundstücke zu kaufen und bereits bestehende Siedlungen auszubauen. „Anders als in Deutschland wird die Bewegung in der russischen Gesellschaft kaum mit einer rechtsextremen Bewegung oder Ängsten vor nationalistischen Ideen in Verbindung gebracht“, beschreibt Andrejewa die Unterschiede zum deutschen Ableger. „Die Bewegung stützt sich zweifellos auf antiwestliche Gefühle, die ebenso wie konservative Familienwerte, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus in Russland viel stärker zum Mainstream gehören als in Deutschland.

In Russland ist Anastasia antiwestlich

Den Reiz der esoterischen Lehren erklärt die Anthropologin mit dem Misstrauen russischer Bürger in staatliche Institutionen, die alternatives Wissen vor den Menschen verbergen würden. Warum die Bewegung auch international so begehrt ist, kann sie schwer sagen. „Ich denke, das hat in jedem Land andere Gründe, denn die Bücher stellen keine einheitliche und geordnete Erzählung dar, sondern man kann in ihnen völlig unterschiedliche Ideen finden.“

Mit dieser Anschlussfähigkeit hat die Bewegung Erfolg. Auch in Deutschland steht sie auf Expansionskurs, im Allgäu sollte im vergangenen Jahr mit der „Lebensoase“ ein neuer Standort entstehen. Das Projekt platzte, als sich Bürgermeister und Eigentümer der Flächen, die die Bewegung kaufen wollte, distanzierten. Die Gruppe wird nun wohl weitersuchen nach Orten für Niederlassungen, an denen nicht nur harmlose Esoterik einen Platz hat.

Anna Finkenzeller

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