(K)ein „Vorposten“: Das Russische Haus in Berlin

In verschiedenen Medien wurde über einen Wechsel an der Spitze des Russischen Hauses der Wissenschaft und Kultur in Berlin berichtet. Doch welche personellen Umbesetzungen auch immer erfolgen mögen: Das Russische Haus, wie es inoffiziell genannt wird, und die Haltung unterschiedlicher Gruppen zu ihm werden sich wohl kaum ändern. Welches Erbe übernimmt die neue Leitung?

Das Russische Haus
Kinderaktivitäten im Russischen Haus sind immer gefragt. (Foto: Russisches Haus in Berlin)

Kritik in Deutschland

Es besteht kein Zweifel daran, dass das Russische Haus auch weiterhin erheblichem Druck ausgesetzt sein wird. Kein Wechsel an der Spitze, welche Gründe auch immer dahinterstecken mögen, wird die gewachsene Wahrnehmung verändern: Diejenigen, die die Schließung des Zentrums fordern, halten es für alles Mögliche, nur nicht für ein Haus der Wissenschaft und Kultur.

Ein Ausschnitt dieser Stimmung wurde in einem jüngeren Artikel von Andreas Fritsche in der „nd“ anschaulich dargestellt. Darin ging es um eine Podiumsdiskussion im Pilecki-Institut. Die Veranstaltung wurde von den Grünen organisiert und hatte folgende Botschaft: Das Russische Haus wird durch die Brille der russischen Staatspolitik betrachtet, weshalb immer wieder die Frage nach seiner Schließung gestellt wird. Doch genau hier taucht ein Problem auf. Eine solche Sichtweise kann den politischen Hintergrund erklären, beschreibt aber nicht, was jeden Tag im Inneren des Gebäudes geschieht.

„Die zweite Botschaft“

Das Gebäude in der Friedrichstraße, entworfen von Karl-Ernst Swora, dem Autor einer ganzen Reihe markanter Bauten in Berlin, wurde 1984 als Haus der sowjetischen Wissenschaft und Kultur eröffnet. Aufgrund seiner Größe und seiner Lage im Zentrum Ost-Berlins erhielt der siebenstöckige Komplex mit einer Fläche von rund 29.000 Quadratmetern und mit Wohnaufgängen für sowjetische Kulturmitarbeiter schnell den inoffiziellen Ruf einer „zweiten Botschaft der UdSSR“. Heute ist er weiterhin Teil der russischen diplomatischen Mission, aber ganz anders organisiert: Im Unterschied zur Botschaft, zur Konsularabteilung oder zur Handelsvertretung kann man hier während der Öffnungszeiten aus ganz unterschiedlichen Anlässen frei hineingehen.

Keine Etiketten

Das Problem besteht jedoch darin, dass es den Kritikern des Russischen Hauses in Berlin oft nicht gelingt, etwas wirklich Substanzielles vorzubringen. Die meisten von ihnen waren nie in diesem Zentrum. Auch Andreas Fritsche schreibt darüber in seinem Artikel und gibt die Argumentation des damaligen Direktors des Russischen Hauses, Pavel Izvolskiy, wieder.

Auf die Frage der MDZ, warum manche Deutsche das Russische Haus als einen „russischen Vorposten“ im Zentrum Berlins wahrnehmen könnten und ob diese Einschätzung zutrifft, schlug der inzwischen ehemalige Direktor vor, auf solche Etiketten zu verzichten. „In den letzten Jahren wurden in Presse und öffentlicher Debatte zahlreiche Begriffe für das Russische Haus verwendet, die meiner Ansicht nach die Realität eher vereinfachen, als sie verständlich zu machen.“ Dem lässt sich schwer widersprechen. Einerseits bleibt es ein staatliches Kulturzentrum und damit ein Gegenstand politischer Aufmerksamkeit. Andererseits besteht gerade dort weiterhin eine Infrastruktur, die nicht von einem Staat, sondern von konkreten Menschen gebraucht wird.

Pavel Izvolskiy selbst, der das Russische Haus seit 2017 leitete, beschreibt es so: „Das Russische Haus ist vor allem das Russische Haus.“ Darunter versteht er einen „kulturell-bildungsbezogenen Ort und einen Treffpunkt für Menschen mit ganz unterschiedlichen Ansichten, Interessen und Berufen“. Und so ist es im Großen und Ganzen auch.

Brücke zu russischen Universitäten

Die Bildungsfunktion des Russischen Hauses umfasst gleich zwei Richtungen: Sprachkurse, also das, was in Russland in Bezug auf die deutsche Sprache das Goethe-Institut leistet, und das, was in Russland der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) tat, bis er im Februar 2026 als unerwünscht eingestuft wurde und sein Büro in Moskau schloss.

Das Russische Haus in Berlin informiert über Studienmöglichkeiten an russischen Universitäten im Rahmen der Quote der russischen Regierung. Es geht um Bachelor-, Spezialisten-, Master- und Promotionsprogramme sowie um berufliche Weiterbildung, einschließlich Sommersprachschulen. Die Bewerber registrieren sich auf dem Portal „Education in Russia“, und die erste Auswahlphase ist in der Regel mit russischen Organisationen im Ausland verbunden. Im Gespräch mit der MDZ merkte Pavel Izvolskiy an: „Jedes Jahr gehen mehr als fünfzig Menschen aus Deutschland über dieses Programm zum Studium an russische Universitäten.“

„Dom Pionerow“ und „Dom Knigi“

Die Sprachkurse werden vor allem von russischen Familien gefragt, die möchten, dass ihre Kinder auch in Deutschland ihre Muttersprache weiterhin lernen. Doch es geht nicht nur um Sprache: Eltern bringen ihre Kinder auch zu Kursen und Freizeitangeboten.

Solche Formate sind fester Bestandteil jedes „Zentrums für Kinderkreativität“ (in den sowjetischen Zeiten „Dom Pionerow“, „Haus der Pioniere“) – ein Konzept, das Eltern aus Moskau, der russischen Provinz oder dem Ausland gut kennen. Und im Russischen Haus in Berlin kann man in diese Atmosphäre eintauchen. Man betritt einen „russischen Vorposten“, und dort warten Eltern, Großmütter und Großväter auf ihre Kinder, um sie nach dem Unterricht abzuholen. Einige dieser Kurse sind auch für Passanten in den großen Schaufenstern des Erdgeschosses einsehtbar, besonders am Abend: Hinter dem Glas kann man den Unterricht des Sprachklubs „Russisch an der Spree“ und des vor Kurzem eröffneten Töpferateliers beobachten.

Oder man verbringt die Zeit im Café mit russischer Küche. Der Betreiber, Ruslan, erzählte der MDZ, dass hier nicht nur Mütter mit Kindern einkehren, sondern auch Angestellte aus den umliegenden Büros sowie Touristen, die gezielt wegen der russischen Küche anreisen. Russen, Deutsche, Ukrainer – sie alle treffen hier aufeinander. „Alle sitzen gelassen zusammen und tauschen sich aus.“ Bei Google liegt die Bewertung bei 4,9 von 5. Ein Teil des positiven Feedbacks dürfte sicher der originellen Einrichtung geschuldet sein: Über 100 Samoware aus aller Welt zieren das Lokal, sodass „der Besuch fast wie in einem Museum“ wirkt.

Das Russische Haus
Samoware im „Russischen Hoff“ (Foto: Ruslan Gimaev/Russischer Hoff)

Der Buchladen ist ebenfalls einfach ein Buchladen. „Mnogoknig“, im Dezember 2023 an der Stelle eines Juweliergeschäfts eröffnet, erinnert in Größe und Sortiment an eine kleine Filiale der Moskauer Geschäfte „Biblioglobus“ oder „Dom Knigi“; ein Berliner Pendant wäre Dussmann. Verkauft werden hier Brettspiele, Kinderwaren und Bücher in russischer Sprache, sowohl von russischen als auch von ausländischen Verlagen. Es wäre kaum zutreffend, ihn als Sprachrohr russischer Propa­ganda und russischen Einflusses zu bezeichnen.

Das Prinzip der Gegenseitigkeit

Mit dem Wechsel an der Spitze des Russischen Hauses in Berlin wird wohl kaum eine neue Etappe im Leben dieses Kulturzentrums beginnen. Insgesamt ist bezeichnend, dass im Russischen Haus aus dieser Personalentscheidung kein großes Aufheben gemacht wird und niemand es eilig hat, Pressekonferenzen zu organisieren. Das Leben geht einfach weiter, alles läuft wie gewohnt.

Über die Bedeutung der Fortsetzung dieser Arbeit sagte Pavel Izvolskiy: „Jeder Anlass zur Erhaltung von Kontakten, jedes gemeinsame Projekt, jedes Bildungsprogramm, jede Ausstellung, jedes Konzert oder jede wissenschaftliche Diskussion hat heute einen besonderen Wert. Solche Initiativen helfen, gegenseitiges Verständnis zu bewahren, und lassen das Fundament des Vertrauens, das über Jahrzehnte geschaffen wurde, nicht endgültig zerbrechen.“

Jede Hoffnung auf positive Entwicklungen liegt derzeit auf menschlichen Kontakten. „Alltägliche Verbindungen zwischen Menschen, freundschaftliche Beziehungen, berufliche und kreative Kontakte lassen sich nicht durch offizielle Erklärungen oder zwischenstaatliche Dokumente ersetzen. Gerade deshalb ist es heute besonders wichtig, all das behutsam zu bewahren, was Menschen auf beiden Seiten der Grenzen verbindet.“

Tatsächlich ist auf beiden Seiten der Grenzen nicht mehr so viel geblieben. Es gibt das Russische Haus in Berlin, es gibt das Goethe-Institut in Moskau. Im Regierungsabkommen über die Tätigkeit von Kultur- und Informationszentren aus dem Jahr 2011 werden diese Institutionen als gegenseitige Elemente der humanitären Präsenz beider Länder betrachtet. Eine Schließung des Russischen Hauses würde fast zwangsläufig die weitere Arbeit des Goethe-Instituts in Russland infrage stellen – ein Umstand, den Kritiker oft vergessen.

Gleichzeitig darf man nicht übersehen, dass sowohl in Deutschland als auch in Russland ein Bedarf an der Fortsetzung des kulturellen Dialogs besteht. Und dafür braucht es Orte, an die Menschen weiterhin einfach gehen können.

Mikhail Tyagusov

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