
Der Roman „Die Legende und die heldenhaften, fröhlichen und ruhmreichen Abenteuer von Ulenspiegel und Lamme Goedzak“ von Charles De Coster war in der Sowjetunion recht bekannt. Er wurde mehrfach übersetzt und herausgegeben, und an einer der Ausgaben arbeitete sogar Ossip Mandelstam. In der UdSSR wurde das Werk als die Geschichte des Kampfes des revolutionären Volkes gegen seine Unterdrücker wahrgenommen. Dieser Rezeption ist ein Abschnitt der Ausstellung „Der König der Narren und Toren“ gewidmet.
Nach dem Konzept der Kuratoren ist die Geschichte von Till Eulenspiegel und seinem Einfluss auf die Kultur, einschließlich der sowjetischen, in vier Teile unterteilt. „Um den Besuchern Eulenspiegel vorzustellen, der für sowjetische und postsowjetische Kulturschaffende zwar bedeutend, aber nicht unbedingt naheliegend ist, haben wir beschlossen, eine Ausstellung zu gestalten – eine parodistische Monografie über einen Helden, der als Dichter und Künstler auftritt. In der Logik der fiktiven Figuren, die von Konzeptkünstlern erschaffen wurden, gelangt der Besucher in verschiedene biografische Abschnitte. In jedem Abschnitt setzt sich das Porträt Eulenspiegels wie ein Puzzle zusammen. An seiner Entstehung wirken Texte mit, von Schwänken bis hin zu Gedichten von Andrei Wosnessenski“, erzählt einer der Kuratoren der Ausstellung, Sergej Hatschaturow.
Im Keller der Geschichte
Die Reise durch die Ausstellung beginnt im Kellergeschoss mit der Geschichte der Saturnalien – Feste, bei denen Sklaven für eine Zeit lang in ihre Herren schlüpfen konnten. Hier kann man Buchgrafiken betrachten – Werke von Bruegel, Jordaens, Goltzius. Und eigentlich beginnt hier die Geschichte des Helden Till Eulenspiegel, des Karneval-Menschen, der alles auf den Kopf stellt.
Es ist anzumerken, dass die Ausstellung sehr literarisch ist und man sie ohne Führer nur schwer betrachten kann. Daher besteht die Möglichkeit, an einer Führung mit dem Kurator teilzunehmen (diese finden nicht täglich statt) oder gemeinsam mit einem Mediator durchzugehen, mit dem man dann diskutieren kann, was der Künstler wohl gemeint hat. Das ist eine tolle Option!

Wenn der Narr zum Spiegel wird
Der zweite Teil der Ausstellung zeigt, wie im Mittelalter und in der Neuzeit die Mechanismen von Lachen, Spiel und Parodie funktionierten. Hier wird Eulenspiegel zum Spiegel der Welt und gerät selbst in den Spiegel verschiedener künstlerischer Traditionen. Die Kuratoren sind der Ansicht, dass Rembrandt die Maske Eulenspiegels aufgesetzt hatte, daher ist in diesem Abschnitt seine Grafik zu sehen.
Ein höchst interessanter Abschnitt trägt den Titel „Kostjor“ (Es handelt sich um ein Wortspiel mit dem russischen Wort für Feuerstelle „Kostjor“ und dem Nachnamen des Schriftstellers De Coster.) Till erhält hier eine Biografie, einen Charakter und eine neue Heimat – die UdSSR. Dank des belgischen Schriftstellers Charles de Coster wird Eulenspiegel zum Helden der Revolutionsepoche, zum Symbol des Kampfes und des romantischen Widerstands. Bei De Coster erhält Till tatsächlich eine heldenhafte Biografie, obwohl er in den Volkssagen dem Guten wie dem Bösen gegenüber gleichgültig war. Der Schriftsteller strich seine negativen, tricksterhaften Züge, um das Bild eines neuen Robin Hood zu schaffen, eines Kämpfers für Gerechtigkeit, eines Beschützers der Erniedrigten und Unterdrückten, eines Helden der Befreiungsbewegung der Niederlande vom spanischen Joch. Der Abschnitt umfasst legendäre Ausgaben von de Costers Roman sowie sowjetische Illustrationen von Alexej Krawtschenko, Leonid Sussman und Jewgenij Kibrik – Künstler, die für mehrere Lesergenerationen das kanonische Bild Tills schufen.
Im letzten Saal der Ausstellung kann man Ausschnitte aus Auftritten von Andrei Wosnessenski, Ausschnitte aus dem Stück „Till“ von Mark Sacharow und Grigori Gorin sowie Videoperformances von Timur Nowikow und Sergei Kurjochin sehen – Künstler der Perestroika-Zeit. Sie alle sprengten die gewohnten Grenzen von Genres, Bedeutungen und Institutionen. In diesem Fall ist Till Eulenspiegel nicht länger eine Figur eines Buches: Er ist eine Methode, eine Art des künstlerischen Handelns.
Die Ausstellung ist bis zum 17. Mai geöffnet.
Ljubawa Winokurowa


