
Mit Flagge und Hymne ohne Diskriminierung
Die Strategie umfasst sechs Abschnitte und 61 konkrete Maßnahmen. Laut Regierungsplan sollen innerhalb von elf Jahren 95 Prozent der Einwohner über ein ausgeprägtes staatsbürgerliches Selbstbewusstsein verfügen. Bereits 2021 definierte der russische Staatschef Wladimir Putin diesen Begriff als „die Solidarität der Menschen, das Gefühl der Verbundenheit mit dem Schicksal des Vaterlandes sowie die Verantwortung für dessen Gegenwart und Zukunft“. Wichtig sei dabei, dass das staatliche Identitätsgefühl nicht im Widerspruch zur ethnischen Identität stehen dürfe.
Die Prägung dieses Bewusstseins bei Kindern und Jugendlichen soll vor allem durch die Präsenz staatlicher Symbole – Hymne, Wappen und Flagge – in allen Bereichen des öffentlichen Lebens erfolgen. Ergänzt wird dies durch Festveranstaltungen und die Vermittlung lokaler Geschichte, um „ein Gefühl der Gemeinschaft und der Zugehörigkeit zur Geschichte des Landes und seinen Errungenschaften“ zu schaffen.
Gleichzeitig strebt der Staat an, dass mindestens 85 Prozent der Bürger die Beziehungen zwischen verschiedenen Nationalitäten positiv bewerten. 80 Prozent sollen mit der „Befriedigung ihrer ethnisch-kulturellen Bedürfnisse“ zufrieden sein, und 90 Prozent sollen von der Abwesenheit nationaler und sprachlicher Diskriminierung überzeugt sein. Der Anteil derer, die das Entstehen schwerwiegender ethnischer Konflikte für möglich halten, soll unter 15 Prozent liegen. Derzeit bezeichnet die Regierung die interethnischen Beziehungen als „stabil“.
Staatenbildende Kraft
Die Strategie betont zudem die „innere Stabilität, die harmonische Entwicklung und den Wohlstand der Völker“ sowie die Stärkung der Einheit als „Grundlage eines eigenständigen Staates und einer eigenständigen Zivilisation“. In einem separaten Dekret wird die „vereinigende Rolle des russischen Volkes“ hervorgehoben, die durch verschiedene Projekte sowie durch die Unterstützung von Volkskunstgruppen gefördert werden soll.
Russland möchte international als demokratischer Rechtsstaat wahrgenommen werden. Konkrete Maßnahmen dazu nennt die Strategie jedoch nicht. Stattdessen listet sie ihre „Hauptaufgaben“ auf: den Kampf gegen Neonazismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Russophobie sowie gegen „Versuche, die Geschichte zu verfälschen, um Konfrontation und Revanchismus in der Weltpolitik zu schüren“. Besonders im Fokus steht dabei der Zweite Weltkrieg, insbesondere die „Verhinderung einer Revision seiner Ergebnisse“ und der Schutz vor einer „Herabwürdigung der Heldentaten des sowjetischen Volkes“.
Sprache als Brücke und Grenze
Als Gegenmittel wird die russische Sprache gestärkt, die künftig als „Sprache der interethnischen Kommunikation“ gefördert und geschützt werden soll. Jugendliche sollen zur Verwendung der russischen Literatursprache ermutigt, der Fremdwörtergebrauch reduziert und das Interesse an der russischen Geschichte geweckt werden. Zudem gelte es, „die traditionellen russischen geistigen, moralischen und kulturell-historischen Werte“ zu bewahren.
Seit 2025 gilt eine Regelung, nach der Kinder von Migranten obligatorische Russischprüfungen ablegen müssen, um in die Schule aufgenommen zu werden. Um den Test zu bestehen, sind 9 von 10 möglichen Punkten nötig. Laut Angaben der Staatsduma schafften dies 2024 nur 13 Prozent der angemeldeten Kinder. Ziel der Maßnahme, so die offizielle Migrationsstrategie, sei es, „die Zahl der Migranten zu reduzieren, die mit ihren Familien kommen“.
Doch nicht nur Migranten stoßen an diese Grenze: Auch Repatriierte, also russischstämmige Familien, die aus dem Ausland zurückkehren, sowie Kinder ausländischer Diplomaten scheitern oft am Test. Letztere müssen entweder teure Privatschulen besuchen oder bis zu drei Monate auf eine Wiederholungsprüfung warten. In Einzelfällen seien Familien sogar gezwungen, ins Heimatland zurückzukehren, berichtet ein Mitarbeiter des russischen Außenministeriums gegenüber der MDZ unter der Bedingung der Anonymität.
Xenija Melnikowa


