Gouverneurs-Roulette: Große Chance für neue Elite

Ein Ruck geht durch Russland, und nicht nur einer: Seit Anfang des Jahres treten nacheinander sechs Gouverneure zurück. Der Kreml formiert eine neue Elite. Als Fundament für die Präsidentschaftswahlen 2018.

Medienprognosen warnten vor einem „Rundumschlag“ des Kremls, der bis zu einem Dutzend Landeschefs absetzen könnte. Bisher traf es sechs: die der Gebiete Perm, Burjatien, Nischnij Nowgorod, Rjasan, und Karelien. In Tomsk bleibt der Bisherige bis zu den Wahlen im September Interimsgouverneur.

Wechsel muss sein: Fünf Ex-Gouverneure und ihre letzte Audienz bei Putin. / RIA Novosti

Wechsel muss sein: Fünf Ex-Gouverneure und ihre letzte Audienz bei Putin. / RIA Novosti

Aus den Provinzen nichts Neues? 

Das Prinzip ist nicht neu, wirkt aber dennoch erstmal bedrohlich: Im Januar gab es schon einen Wechsel an der Spitze der Kaukasusrepublik Adygeja. Im Juli vergangenen Jahres hatte Putin in Kaliningrad, Jaroslawl, Kirow und Sewastopol auf ein Mal vier Gouverneure entlassen, außerdem drei Leiter der Großregionen Sibirien, Nordkaukasus und Nordwest. Davor mussten sich bereits die Chefs der Gebiete Komi, Sachalin und Twer von ihren Posten verabschieden.

Damals war von einer möglicherweise „drohenden Palastrevolte“ die Rede gewesen. Im Blitzlichtgewitter standen Korruptionsvorwürfe wie im Fall Komi. Aber diese Gouverneure wollten, wenigstens offiziell, selbst gehen. Wenige Monate vor den nächsten Regionalwahlen. Und wurden von eher unbekannten, aber vor allem jungen Politikern aus Moskau und dem näheren Umfeld Putins ersetzt.

Das Durchschnittsalter der Nachfolger liegt bei 43 Jahren, hat die Zeitung „Wedomosti“ errechnet. Die Abgänger waren durchschnittlich 64 Jahre alt.

Junges Blut macht Mut

Als Putin die zuletzt Entlassenen in den Kreml einlud, erklärte er: „Rotation ist ein völlig natürlicher Prozess, etwas ganz Selbstverständliches.“ 

Aber wie kommt es, dass beispielsweise ein gerade einmal 37-jähriger Maxim Reschetnikow aus der Wirtschaftspolitik der Moskauer Stadtverwaltung plötzlich das ganze Permer Gebiet über- nehmen soll? Und in Burjatien ein 41-jähriger Alexej Zydenow aus der Fachkräftereserve des Präsidenten?

Eine Tendenz zeichnet sich ab: Jung und kremlnah sollen die Neuen sein. Ihre Karrieren wuchsen hauptsächlich „unter“ Putin, sie sind das System gewohnt und stehen ihm loyal gegenüber. Eine seit 2002 heranwachsende Elite soll Verantwortung übernehmen, ihr Gelerntes um- und weniger verlässliche Ältere ersetzen.

Ob Daumen hoch oder runter, entschied vor allem ein neu überarbeitetes Rating-Verfahren mit Fokus auf Wirtschaftlichkeit und Wählbarkeit. Kurz: Wer Geld und Wählerstimmen bringt, bleibt. Noch kürzer: Stabilität.

Eine Jahres-Bilanz

In Twer war vor einem Jahr Andrej Scheweljow, ehemaliger Militär aus der Gegend, zurückgetreten. Sein Nachfolger Igor Rudenja ist studierter Agrar-Manager und kommt aus dem Präsidentenapparat. Die Regionalwahlen im Herbst 2016 bestätigten den Interimschef als Gouverneur.

Denn mit ihm kamen auch Verjüngungen: So wurde nicht nur das Amt eines Tourismusministers neu geschaffen, sondern auch noch mit dem gerade einmal 33-jährigen Iwan Jegorow besetzt, auch er Absolvent von Bildungsprogrammen des Kremls. Eine Hand voll Minister wurde ausgetauscht, mit möglichst themenvertrauten Einheimischen besetzt.

Statt „Schülern“ des Raubtierkapitalismus der 90er sitzen nun die der Putinschen Zeit in den Chefsesseln. Eine neue Elite, die die Wahlen 2018 stützen und den Menschen vermitteln kann, was jene an ihrem Präsidenten schätzen und von ihm erwarten: Stabilität.

 

Peggy Lohse

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