Im Reich der untoten Betriebe

Beinahe jeder siebte Betrieb in Russland ist ein Zombie und kostet die öffentliche Hand viel Geld. Trotzdem produzieren sie weiter, damit die Menschen vor Ort etwas zu tun haben.

Eine Fabrik hüllt das sibirische Kemerowo in Rauch. Viele russische Städte hängen von Werken ab, die absolut nicht konkurrenzfähig sind. (Foto: Jiří Hönes)

Russlands Wirtschaft zählt nicht unbedingt zu den wettbewerbsfähigsten der Welt. Viele Fabriken mussten seit dem Ende der Sowjetunion schließen, weil sie weder bei der Qualität noch beim Preis mit der Konkurrenz aus Fernost oder dem Westen mithalten konnten. Und es gibt Fabriken, die wider jeglicher ökonomischer Vernunft bis heute weitermachen und jeden Rechnungsprüfer in den Wahnsinn treiben. Zwischen 10 und 15 Prozent aller russischen Werke sind Zombies, wie die Moskauer
Higher School of Economics in einer Untersuchung herausgefunden hat.

Dabei handelt es sich um ineffektive, verlustreiche Wirtschaftsunternehmen, die sich am Rande des Bankrotts befinden und nicht konkurrenzfähige Produkte herstellen, für die es so gut wie keine Nachfrage gibt. Manche davon sind Teil riesiger staatlicher Konglomerate wie Rostec oder Roskosmos. Die bestehen aus vielen kleineren Unternehmen, die einzelne Komponenten produzieren. Zwei von drei dieser Unternehmen würden mit Verlusten arbeiten, erklärte Witalij Mankjewitsch, Direktor der Russisch-Asiatischen Wirtschafts- und Unternehmervereinigung der Fachzeitschrift „Sekret firmy“. Demnach gibt es Bereiche mit 66 Prozent Zombies.

Zombies gibt es vor allem in Monostädten

Die meisten Zombie-Unternehmen befinden sich in Monostädten, die einst für das Werk gebaut wurden oder nahezu komplett von ihm abhängen. Ungefähr 300 gibt es davon in Russland und in der Hälfte davon sollen die Betriebe irgendwo im Graubereich zwischen Leben und Tod schweben. Auch im Wirtschaftsministerium kennt man das Problem. Es sei jedoch billiger den Standort (auch juristisch) weiterhin zu betreiben als alles zu liquidieren. Man könne die Objekte nicht einfach „nehmen und schließen“, heißt es dort.

Denn die Zombie-Werke arbeiten oft im Staatsauftrag und erfüllen an ihren Standorten auch viele soziale Aufgaben. Sie sind nicht nur größter Steuerzahler und Arbeitgeber im Umkreis, sondern bieten auch viele kommunale Dienstleistungen an. „Wir haben in den 90ern eine Menge Betriebe geschlossen, das endete in einer sozialen Krise und dem Verfall der wirtschaftlichen Infrastruktur“, mahnt Mankjewitsch in Erinnerung an die dunkle Episode der jüngeren russischen Geschichte. Würde man jetzt alle Zombie-Werke dichtmachen, stünden eine Million Menschen ohne Arbeit da und das Bruttoinlandsprodukt würde um drei bis vier Prozent fallen, so der Wirtschaftsvertreter.

Und so hängen die Zombie-Unternehmen vielerorts am Tropf der Gemeinde. Die verpflichtet auch Banken dazu, den unwirtschaftlichen Werken Kredite zu gewähren. So wird auch der Bankensektor in die Zwischenwelt der Zombies hineingezogen, heißt es in der HSE-Untersuchung. Allerdings seien die Betriebe nicht die Hauptschuldigen an ihrer untoten Situation, ist der Business-Ombudsmann Boris Titow überzeugt. „Die Mehrheit dieser Unternehmen sind Opfer der Wirtschaftspolitik des Staates und keine Folge eines ineffektiven Managements“, sagte er „Sekret firmy“. Gemeint ist damit das Steuersystem. Betriebe müssen außerhalb ihres Kernbereichs teilweise so hohe Steuern zahlen, dass sie überhaupt nicht konkurrenzfähig agieren können, moniert Titow.

Ganz normal im internationalen Vergleich?

Kritik an der HSE-Untersuchung kommt vom Ökonomen Nikita Kritschewskij. Auf seinem Telegram-Kanal schreibt er, dass es in den USA und Europa genauso viele Zombie-Unternehmen gibt, ohne dass deswegen jemand ein Fass aufmacht. Die Situation sei „haargenau die gleiche“ echauffiert sich Kritschewskij. Und außerdem sei das größte Zombie-Unternehmen bis vor Kurzem noch der Elektroauto-Bauer Tesla gewesen. Der habe nämlich nach jahrelangen tiefroten Zahlen erst 2020 einen Gewinn erwirtschaftet. Auch Co-Präsident der Organisation „Delowaja Rossija“ Anton Danilow-Daniljan sieht die Zahlen nicht unbedingt als Schreckmoment. Er glaubt nicht, dass die Zombies die russische Wirtschaft bremsen. Auch den aussichtslosesten Fällen kann man neues Leben einhauchen, wenn man die Produktion umstellt, gibt er sich gegenüber der „Wedomosti“ kämpferisch. Dafür müsste aber die Politik mitspielen und vernünftige finanzielle Rahmenbedingungen schaffen. Auch eigene Einrichtungen müssten in Russland geschaffen werden. Das ist die schließlich die Formel, mit der China zur „Werkbank der Welt“ wurde, resümiert Mankjewitsch.

Daniel Säwert

Kommentare

Kommentare

Newsletter

    Wir bitten um Ihre E-Mail: