Wladimir Wyssozki: Der letzte Auftritt des Barden

Eigentlich wollten ihn die Behörden schnell und ohne großes Aufsehen unter die Erde bringen. Doch mit Tausenden Teilnehmern wurde die Beerdigung von Wladimir Wyssozki zur größten inoffiziellen Trauerfeier der sowjetischen Geschichte. Denn der charismatische Sänger mit der verrauchten Reibeisenstimme war das Idol einer ganzen Generation.

Lyrisch, exzessiv und rebellisch: Der Sänger und Schauspieler Wladimir Wyssozki (Foto: stihi.ru)

Sie halten Blumensträuße in den Händen, stehen dicht an dicht auf Mauern und Fensterbrettern und warten. Einige besonders Wagemutige sind sogar auf Kioskdächer und Bäume geklettert, um einen besseren Blick zu bekommen: Was am 28. Juni 1980 vor dem Moskauer Taganka-Theater geschieht, war im Drehbuch der Mächtigen so nicht vorgesehen.

Nur zwei winzige Meldungen hatten Zeitungen zuvor über das Ereignis gebracht. Denn eigentlich sollte die ganze Aufmerksamkeit den Olympischen Spielen gelten, die seit wenigen Tagen in der sowjetischen Hauptstadt stattfanden. Generalstabsmäßig hatte sich die Führung auf das sportliche Großereignis vorbereitet, Alkoholiker, Herumtreiber und politisch Andersdenkende aus der Stadt verbannt. Nichts sollte von den Wettkämpfen ablenken, schon gar nicht inoffizielle Großveranstaltungen.

Die größte Trauerfeier seit Stalins Tod

Doch dann starb Wladimir Wyssozki – und die Moskauer scherten sich um keine ideologischen Vorgaben. Zu Tausenden strömten sie zum Taganka-Theater, in dessen Räumen der frenetisch verehrte Schauspieler und Sänger aufgebahrt wurde. Mehrere Kilometer weit zog sich die Schlange der Trauernden, die Abschied nehmen wollten. Rund 700 Milizionäre hatte man abkommandiert, um die Ordnung rund um die Spielstätte zu garantieren.

Zur anschließenden Beisetzung Wyssozkis auf dem Wagankowskoje Friedhof kamen mehr als Hunderttausend Menschen, trauerten, weinten und sangen nachts seine Lieder. Die Bestattung geriet zur größten sowjetischen Trauerfeier seit dem Tod Josef Stalins. Fernsehen und Radio war das Geschehen allerdings keine Nachricht wert.

Die Beerdigung war die größte sowjetische Trauerfeier. (Foto: back-in-ussr.com)

Das Verschweigen hatte Tradition. Denn der von seinem Volk inbrünstig geliebte Künstler war dem Regime immer ein Dorn im Auge gewesen. Ob die Lederjacke und die Jeans, die wilden Fahrten mit seinem Mercedes und einer Kippe im Mundwinkel durchs nächtliche Moskau oder die Heirat mit der schönen französischen Schauspielerin Marina Vlady: Der Mann mit der heiseren Reibeisenstimme war Rebellion und passte nur schwer in die muffigen 70er-Jahre. Dass er außerdem vom Alkohol und – wie man spätestens seit dem Spielfilm „Wyssozki – Danke für mein Leben“ (2011) weiß – den Drogen nicht lassen konnte, machte den charismatischen Künstler in den Augen von Leonid Breschnew und Co nicht gerade zu einem Vorbild für allseits entwickelte sozialistische Persönlichkeiten.

Schauspieler, Dichter und Barde

Doch Wyssozki war mehr als ein Krawallmacher. Zwischen Exzess und Delirium zählte er auch zu den produktivsten Künstlern seiner Zeit. Er schrieb Gedichte, feierte als preisgekrönter Hamlet-Darsteller am Taganka große Publikumserfolge und wirkte ab Ende der 1960er Jahre in einer Reihe sowjetischer Spielfilme mit. In der fünfteiligen Krimi-Reihe „Mesto wstretschi ismenitj njelsja“ (Deutscher Titel: Die schwarze Katze) spielte Wyssozki einen hemdsärmeligen Ermittler im Moskau der ersten Nachkriegsjahre. Die Serie galt als Kult, der Generationen von Zuschauern prägte.

Geliebt und bewundert wurde Wyssozki aber vor allem für seine über 500 Lieder und Balladen. Mit heiserer Stimme und Gitarre sang er von den großen Themen Liebe, Tod und Leben. In seinen Texten setzte sich der Sänger aber auch mit Alkohol, Verbrechen, Prostitution, Antisemitismus und den nach wie vor existierenden Lagern auseinander. Probleme, die es laut offizieller Lesart eigentlich überhaupt nicht geben durfte.

Den sowjetischen Alltag nahm Wyssozki auf manchmal bitterböse, aber oft auch urkomische Weise auseinander. So verspottete er engstirnige Bürokraten, machte sich mit witzig gereimten Versen über die Frühgymnastik im sowjetischen Radio lustig und verulkte in einem rasanten Stück die staatliche Fluglinie Aeroflot, deren Stewardessen sich wie Prinzessinnen aufführten und bei der die Passagiere ewig auf den Abflug warten müssen.

Immer Ärger mit den Behörden

Besonders eindringlich waren Wyssozkis Lieder über den Krieg. Fernab von staatlich verordnetem Pathos und Heldentum sang er von einem verzweifelten Soldaten, dessen Freund nicht aus der Schlacht zurückgekommen ist, von der nagenden Todesangst der Matrosen eines Unterseebootes oder von den Massengräbern, in denen Millionen sowjetischer Soldaten unter Granitplatten anonym verscharrt wurden. Der Sänger beschrieb Not und Leiden der Kämpfer in so eindringlicher Weise, dass selbst ehemalige Soldaten sicher waren, dass Wyssozki selbst gekämpft haben müsse. In den Redaktionen häuften sich Briefe von Panzersoldaten, Infanteristen und Kampfpiloten, die mit dem Sänger angeblich in einer Einheit gedient hatten. Doch Wyssozki war zu Beginn des Krieges gerade mal drei Jahre alt.

Tausende wollten sich im Taganka-Theater von Wyssozki verabschieden. (Foto: back-in-ussr.com)

Bei den Offiziellen kam die Musik des stimmgewaltigen Freidenkers gar nicht gut an. Wyssozkis Lieder konnte man nicht im Radio hören und nur selten durfte der Künstler Konzerte geben. Das staatliche Melodija-Label presste zwar einige der harmloseren Stücke auf Schallplatte – doch die Tonträger waren rar und oft nur mit äußerst guten Beziehungen zu bekommen. Dass Wyssozki trotzdem zu den am meisten gehörten russischen Künstlern des 20. Jahrhunderts gehörte, verdankte er den zahlreichen inoffiziellen Mitschnitten seiner Auftritte und wenigen Konzerte.

Zu Tausenden wurden die Aufnahmen auf Tonbänder und Kassetten so lange weiter überspielt, bis die Stimme des Barden nur noch mit viel Mühe unter dem ganzen Kratzen und Rauschen auszumachen war. Der Beliebtheit der Tonträger tat die meist miese Qualität allerdings keinen Abbruch. Die Aufnahmen wurden im Bekanntenkreis herumgereicht oder für einige Rubel weiterverkauft. Selbst Politbüromitlgieder sollen in stillen Stunden den Liedern des Barden gelauscht haben.

Drogen, Alkohol und ein zu früher Tod

Wyssozkis Leben zwischen Kino, Theater und Untergrundauftritten war exzessiv – und sollte nicht ohne Folgen bleiben. Um sein anspruchsvolles Pensum zu bewältigen, griff der Künstler immer öfter zur Flasche. Den anschließenden Kater und die Entzugserscheinungen bei seinen regelmäßigen Abstinenzversuchen bekämpfte der schwer Alkoholkranke mit immer stärkeren Dosen an Morphium, Beruhigungsmitteln und anderen Psychopharmaka. Der Drogenmissbrauch schwächte Wyssozki zusehends, dazu kamen Herzschmerzen. Mit nur 42 Jahren verstarb der Barde, dessen Lieder bis heute Millionen Russen bewegen.

Birger Schütz

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