
Der Grünen-Politiker Janosch Dahmen bezeichnet die aktuelle Visapolitik Berlins als „zu nachsichtig“ und fordert ein Ende der Ausstellung von Touristenvisa an Russen. Zur Begründung führt er an, die Bundesregierung könne angeblich nicht genau beziffern, auf Grundlage welcher Visakategorien Zehntausende russische Bürger seit Kriegsbeginn nach Deutschland gelangt seien.
Statistik
Doch eine Analyse der auf der Webseite des Auswärtigen Amts sowie in Berichten des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) veröffentlichten Daten zeigt: Es liegt sehr wohl eine detaillierte Statistik vor. Und dieser zufolge hat sich die Struktur der Migrationsströme in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt.
Addiert man alle an Russen vergebenen Visa für den Zeitraum 2022 bis 2025 – sowohl Schengen- als auch nationale Visa, ergibt sich eine Gesamtzahl von 163.496 erteilten Dokumenten. Diese Zahl liegt deutlich über den 91.000 Einreisen, von denen der „Spiegel“ berichtet.
Zugegeben: Hier werden unterschiedliche Messgrößen verglichen. Die Statistik des Auswärtigen Amts erfasst die Visaerteilungen, während die vom Magazin zitierten Daten des Innenministeriums tatsächliche Grenzübertritte zählen. Ein mehrfaches Schengen-Visum kann für mehrere Einreisen genutzt werden, zählt in der Erteilungsstatistik jedoch nur einmal. Hinzu kommt, dass nicht jeder Visuminhaber auch tatsächlich reist: Schätzungen zufolge bleiben 15 bis 30 Prozent der Visa ungenutzt. Zudem gibt es einen zeitlichen Versatz: In die Einreisestatistik für 2022 bis 2025 können auch Personen einfließen, die ihr Visum noch vor Februar 2022 erhalten haben, aber erst später eingereist sind.
Ein weiterer Befund: Laut Angaben des Bundesverwaltungsamtes (BVA) wurden im Jahr 2024 in Deutschland 2397 Personen aus Russland als Spätaussiedler oder als deren Familienangehörige registriert. Diese Zahl übersteigt die Anzahl der in Russland im selben Jahr erteilten Visa dieser Kategorie (728) deutlich.
Trends
Blickt man auf kurzfristige Schengen-Visa, spricht die Entwicklung für sich: Im krisenfreien Jahr 2019 erteilten die deutschen diplomatischen Vertretungen in Russland noch 337.000 solcher Visa. 2025 waren es lediglich 24.690. Fast alle Anträge wurden in Moskau bearbeitet: Drei deutsche Konsulate waren 2023 geschlossen worden, das Personal in St. Petersburg reduziert. Zwar können Visaunterlagen weiterhin in den VisaMetric-Büros in St. Petersburg, Jekaterinburg und Nowosibirsk eingereicht werden, doch die Wartezeiten haben sich verlängert. Dies bedeutet: Die Behauptung eines massiven, unkontrollierten Touristenstroms entspricht nicht den Tatsachen – die Hürden für eine Einreise sind so hoch wie nie.
Jede dritte nationale Visaerteilung im Jahr 2025 entfiel auf Spätaussiedler und ihre Angehörigen. Weitere 27 Prozent gingen auf Familiennachzug. Auch das Interesse an einer Ausbildung in Deutschland bleibt stabil: Mehr als 1200 Russen (18 Prozent) reisten 2025 zum Studium ein. Die Arbeitsmigration, die 2022 ihren Höhepunkt erlebte, zeigt derzeit einen Rückgang: Im Jahr 2025 erhielten rund 1070 Personen (15 Prozent) ein Arbeitsvisum. Dies korreliert mit den Zahlen der erteilten „Blauen Karten EU“: Der Anteil russischer Staatsbürger unter den Inhabern dieses Status sank von 18,8 Prozent im Jahr 2023 auf 9,9 Prozent im Jahr 2024. Die Welle der kurzfristigen Relokation qualifizierter Fachkräfte ist abgeebbt und macht einer planmäßigeren Migration Platz.
Olga Silantjewa


