Ukraine: Russisch wird zur Fremdsprache

In der Ukraine ist ein umstrittenes Gesetz zum Schutz der ukrainischen Sprache beschlossen worden. Es beendet die faktische Zweisprachigkeit des Landes, indem es das Russische ausschließlich ins Private abdrängt.

Aktion von Bewürfwortern des neuen Sprachgesetzes in Kiew © Reuters / PIXSTREAM

Andrej Parubij riss die Arme hoch. Der Vorsitzende des ukrainischen Parlaments, der Werchowna Rada, hatte die Abgeordneten wiederholt aufgefordert, für das neue Sprachgesetz 5670-d zu stimmen. Oder mit seinen Worten: „für den Sieg der Ukraine“.

Und nun wurde das Ergebnis auf dem großen Display im Sitzungssaal angezeigt: Von 348 Abgeordneten hatten 278 mit Ja votiert. Parubij, der „Kommandant“ des Euro-Maidans und Unterstützer von Noch-Präsident Petro Poroschenko, strahlte. Dann sprang er auf und rief in den Saal: „Ruhm der Ukraine!“ Von dort antwortete man: „Den Helden Ruhm!“ Die Grußformel der ukrainischen Nationalisten, die im Zweiten Weltkrieg an der Seite der Deutschen gegen die Sowjetarmee kämpften, gilt seit dem Maidan als Ausweis patriotischer Gesinnung und ist inzwischen bei Armee und Polizei offizieller Standard.

Abgrenzung von Russland

Zu guter Letzt sangen die Abgeordneten die Nationalhymne. Im ukrainischen Parlament, wo es deutlich folkloristischer zugeht als anderswo, waren an diesem 25. April einige in Nationaltracht erschienen, einige in thematischen T-Shirts. Draußen vor der Tür demonstrierten Befürworter des Gesetzes, das mit viel Pathos ein letztes Mal in der Rada diskutiert worden war. Erneut wurde der entgültige Bruch der Ukraine mit dem „russischen Imperium“ proklamiert. Der Autor des Sprachgesetzes, der Journalist Nikolaj Knjaschizkij, fand auch bei der großen Hungersnot in der Sowjetunion Anfang der 30er Jahre, noch sprachliche Wurzeln. Er verstieg sich zu der Behauptung, Moskau habe das, was in der Ukraine mit dem Begriff Holodomor bezeichnet wird, damals bewusst inszeniert, um die Reihen der Ukrainischsprechenden zu dezimieren.

Das Sprachthema war in den letzten Jahren ein Vehikel dafür, die kulturelle und politische Zweiteilung des Landes in einen –  vereinfacht gesagt – europaorientierten Westen und einen russlandorientierten Osten auch mit der sprachlichen Dualität zu erklären. Protagonisten des Gesetzes erklären, es werde die Ukraine einen. Und wer Russisch sprechen wolle, der könne das ja auch weiterhin tun, dürfe künftig nur eben das Ukrainische nicht mehr ignorieren. Kritiker warnen dagegen im Gegenteil vor einer weiteren Verschärfung der inneren Gegensätze, zu der die „totale Ukrainisierung“ führe.

„Regionalsprachen“ revidiert

Das ebenfalls umstrittene Vorgängergesetz stammte aus dem Jahre 2012, als noch der später nach Russland geflohene Viktor Janukowitsch an der Macht war. Es etablierte sogenannte „Regionalsprachen“: Damit waren Sprachen gemeint, die in einer Region von mindestens zehn Prozent der Bevölkerung als Muttersprache betrachtet wurden. Sie sollten in dieser Region der Staatssprache Ukrainisch gleichgestellt werden. Das sorgte dafür, dass Russisch in 13 von 27 ukrainischen Regionen einen offiziellen Status erhielt, ebenso wie Ungarisch, Rumänisch und Krimtatarisch in jeweils einer Region.

Nach dem Maidan setzte die Rada in einer ihrer ersten Amtshandlungen das Gesetz außer Kraft und befeuerte damit den Widerstand in der Ostukraine gegen die neuen Verhältnisse. Obwohl Interimspräsident Alexander Turtschinow die Entscheidung mit seinem Veto kurz darauf blockierte, waren die russischsprachigen Mehrheiten im Donbass bereits vor den Kopf gestoßen. 2018 wurde das Gesetz dann überhaupt für verfassungsfeindlich erklärt und annulliert.

Der jetzt beschlossene Nachfolger verdrängt das Russische weitgehend aus dem öffentlichen Leben. Es wird sogar schlechter gestellt als Englisch, Krimtatarisch, Ungarisch und Rumänisch, für die als Sprachen der „indigenen Völker“ oder EU-Sprachen im Einzelfall gewisse Ausnahmen gelten, die allerdings auch nicht verhindern konnten, dass speziell die ungarische Minderheit in Transkarpatien an der Grenze zu Ungarn Sturm gegen das Gesetz lief und die Beziehungen zu Ungarn massiv belastet wurden.

Aus Kiew wird Kyjiw

Was besagt das Gesetz? Unterrichtssprache im gesamten Bildungswesen darf künftig nur noch Ukrainisch sein, anderssprachige Schulen sind damit tabu. Öffentliche Veranstaltungen wie Theateraufführungen oder Konferenzen sind ebenfalls auf Ukrainisch abzuhalten. Der gesamte Dienstleistungssektor bis hin zum Gesundheitswesen und zur Gastronomie wird auf die ukrainische Sprache verpflichtet. Filme dürfen nur noch auf Ukrainisch gedreht werden, einzelne fremdsprachige Passagen sind erlaubt, wenn sie untertitelt werden. Bei Internetseiten muss die Startseite immer auf Ukrainisch sein. Wohl das Aus für russischsprachige Printmedien: Sie sollen künftig mindestens die Hälfte ihrer Auflage als ukrainischsprachige Version herausgeben. Im Fernsehen rückten die Abgeordneten im letzten Moment von einer 90-Prozent-Quote für Ukrainisch ab, es bleibt damit bei 75 Prozent.

Eher kurios: Nicht-Ukrainischsprechende werden sich auch an neue geografische Bezeichnungen gewöhnen müssen. Denn die sind fortan aus dem Ukrainischen zu transliterieren, anstatt den jeweiligen historischen Gepflogenheiten zu folgen. Die ukrainische Hauptstadt heißt damit nicht mehr Kiew wie im Russischen (und Deutschen), sondern Kyjiw, der größte Fluss der Ukraine nicht mehr Dnjepr, sondern Dnipro. Natürlich kann diese Forderung nur innerhalb der Ukraine gelten. Trotzdem dürfte es interessant werden, wie deutsche Medien es mit „Kyjiw“ und „Dnipro“ halten. In der Vergangenheit waren ja auch andere Bezeichnungen aus dem Ukrainischen übernommen worden, etwa Lwiw (russisch Lwow, deutsch Lemberg) oder Luhansk (russisch Lugansk).

Das Sprachgesetz tritt zwei Monate nach seiner Unterzeichnung durch den Präsidenten in Kraft. Für bestimmte Normen gelten Übergangsfristen. Poroschenko hat angekündigt, seine Unterschrift unter das Papier setzen zu wollen, bevor er von Wahlsieger Wolodimir Selenskij abgelöst wird. Der Komiker, dessen Muttersprache Russisch ist und der zwar Ukrainisch spricht, aber lange nicht so gut wie Russisch, war im Vorfeld der Präsidentschaftswahl auf das Gesetz angesprochen worden und hatte sich gewohnt vage geäußert. Er sei zwar dafür, dass Ukrainische zu fördern, aber das Gesetz – dessen Entwurf bereits seit vorigem Jahr diskutiert wurde – müsse erst noch erörtert werden. Dazu dürfte es nun wohl kaum kommen.

Randnote: Auf der traditionell überwiegend russischsprachigen Krim, die 1954 auf Beschluss der sowjetischen Regierung aus der russischen Sowjetrepublik in der ukrainische transferiert wurde, hatte in der später unabhängigen Ukraine eine Sprachpolitik, die Ukrainisch zur einzigen Staatssprache machte, für viel Verdruss und Protest gesorgt. Seitdem die Krim 2014 wieder die Seiten gewechselt hat, gibt es dort drei Staatssprachen: Russisch, Ukrainisch und Krimtatarisch.

Tino Künzel

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