Über die Mauern der Gesellschaft: Psychosquash will Welten verbinden

Menschen mit Behinderungen leben in Russland oft abgeschottet von der Außenwelt. Drei Künstler aus Moskau wollen das ändern und haben die Sportart Psychosquash erfunden, die Behinderte und Nichtbehinderte zusammenführt.

Psychosquash

Die „Wilden Tiger“ in Aktion /Foto: Iwan Krasnow

Für Menschen mit Behinderung ist das Leben in Russland oft nicht leicht. Viele von ihnen verbringen ihr gesamtes Leben in Psychoneurologischen Wohneinrichtungen, in denen sie kaum Kontakt zur Außenwelt haben. Und diese ist größtenteils froh über diese Abschottung und  zeigt kaum Interesse an dem, was hinter den Mauern der Wohneinrichtungen geschieht. „Es herrscht der Glaube, dass es den Menschen dort gut geht“, erklärt der Künstler und Aktivist Michail Lewin. Gemeinsam mit Wladimir Kolesnikow und Katrin Nenaschewa wehren sie sich gegen die Ausblendung behinderter Menschen und erfanden den Sport Psychosquash, bei dem Menschen mit und ohne Behinderungen miteinander spielen.

Die Mauer wird zum Mittel der Kommunikation

Psychosquash sei ein Kampf mit der gesellschaftlichen Realität. Man könne diese zwar nicht fundamental verändern, aber kleine Schritte unternehmen, meint Kolesnikow. Ihren Sport verstehen die Initiatoren als ein Mittel der Verbindung zwischen den verschiedenen Welten. Die Mauer, die die Wohneinrichtungen umgibt und die Menschen am Umgang miteinander hindert, durchläuft beim Psychosquash eine Bedeutungstransformation. Sie verschwindet zwar nicht, wird aber von einem Mittel der Abgrenzung zu einem Mittel der Kommunikation.

Um ihren Sport zu verbreiten gründeten die Aktivisten die Vereinigung für Psychosquash und registrierten diese offiziell. Potentielle Spielorte für Psychosquash gibt es in Moskau einige. In der Stadt befinden sich über 30 Psychoneurologischer Wohneinrichtungen. Doch einzig die Mitarbeiter der Wohneinrichtung Nr. 18 gaben den Aktivisten die Erlaubnis, mit den Bewohnern Psychosquash zu spielen. Doch auch das dauerte einige Zeit. Zunächst liefen die Spiele im Geheimen ab, ein Team stand auf der Seite der Außenwelt, während die andere Mannschaft sich in der Wohneinrichtung befand.

Zu Anfang habe man einfach nur mit Bällen gespielt, die über die Mauer geworfen wurden, erzählt Lewin, dann sei ein Mitglied der Gruppe auf das Gelände der Wohneinrichtung gegangen und habe an die Spieler Schläger, den Heiligen Gral des Psychosquash, verteilt. Sehen konnten sich die Spieler der beiden Teams während der Spiele kaum. In der Mauer der Anstalt gab es lediglich ein kleines Loch. Dies war gerade groß genug, um seine Finger hineinzustecken und mit den Fingerspitzen den Gegenüber zu berühren, so Kolesnikow.

Die Heimleitung wehrte sich zunächst

Als die Leitung der Wohneinrichtung Wind von der Sache bekam, führte dies zunächst zu einem Konflikt. Letztendlich konnte man sich einigen, dass die Spiele fortan auf dem Gelände der Wohneinrichtung stattfinden können. Die erste Saison, die im letzten Jahr gespielt wurde, bestand aus sechs Spieltagen. Dabei hat sich unter den Bewohnern der Einrichtung eine feste Mannschaft, die „Wilden Tiger“, gebildet, die sich gegen die Spieler der Außenwelt tapfer schlug und einige Erfolge erringen konnte.

Psychosquash

Psychosquash ist voller Körpereinsatz /Foto: Iwan Krasnow

Für die diesjährige zweite Saison hat sich die Vereinigung für Psychosquash neue Regeln gegeben. Gespielt wird jetzt ausschließlich auf dem Gelände der Wohneinrichtung und die Teams bestehen aus gemischten Spielern.

Am dritten Spieltag dieser Saison, der im Rahmen der Eröffnung der „Schule ohne Grenzen“ stattfand, gab es eine weitere Neuerung. Da es mehr  potentielle Mitspieler gab, als in die Wohneinrichtung hineingelassen werden (Ausländern ist der Zutritt generell untersagt), wurde das Spiel live in den „Raum für Kunst“ in der Innenstadt Moskaus übertragen. Die ein Dutzend dort versammelten Personen wurden zu „Cyber-Psychosquaschern“. Gemeinsam waren sie nicht nur Zuschauer, sondern griffen auch direkt in das Spielgeschehen ein, indem sie in jeder der fünf Runden die Regeln neu festlegten und Verstöße als kollektiver Schiedsrichter ahndeten. Nach Ende des Spiels, das Unentschieden endete, sammelten Psychosquascher und Cyber-Psychosquasher verschiedene Gegenstände, die, mit einer Botschaft versehen, anschließend als Geschenk an die jeweils andere Welt überreicht wurde.

Daniel Säwert

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