Sowjetsoldaten in der DDR: „Freunde“, die keine sein konnten

Sie waren Besatzer, daraus wurden mit der Zeit „Waffenbrüder“ und „Freunde“: Fast 50 Jahre gehörten sowjetische bzw. russische Soldaten zum (ost)deutschen Alltag. Ein Vierteljahrhundert nach ihrem Abzug wirft nun eine Ausstellung im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst einen Blick hinter die Kulissen dieser Parallelwelt. Die MDZ sprach mit Kurator Christoph Meißner.

Exerzierausbildung sowjetischer Soldaten in Elstal nördlich von Potsdam © Wladimir Borissow / Museum Berlin-Karlshorst

Herr Meißner, die Ausstellung trägt den Titel „Alltag – Politik – Kampfauftrag. Sowjetische Truppen in Deutschland 1945-1994“. Können Sie uns eine Vorstellung davon vermitteln, welche Größenordnung die sowjetische Militärpräsenz hatte?

Auf dem Gebiet der DDR befanden sich rund 770 sowjetische Kasernen, 50 sowjetische Militärflugplätze und 120 sowjetische Truppenübungsplätze. Die Truppenstärke variierte. Für 1945 gehen wir von 1 bis 1,5 Millionen aus. Bis 1946 halbierte sich das etwa. Ab 1950 lag die Zahl zwischen 350.000 und 550.000. Das war deutlich mehr, als die NVA der DDR hatte.

Welchen Status hatte die Gruppe?

Zunächst gab es einen Besatzungsauftrag. Für die Sowjetunion ging es darum, das politische Geschehen und den Wiederaufbau nach dem Krieg zu kontrollieren. Das war also eine innenpolitische Ausrichtung, die sich mit der Zeit zu einer außenpolitischen wandelte. 1954 verschwand das Wort „Besatzung“ aus der Bezeichnung der Gruppe. 1955 wurde der Kriegszustand zwischen der Sowjetunion und der DDR aufgehoben und ein Freundschaftsvertrag unterzeichnet, 1957 ein Stationierungsabkommen. Ein Kampfauftrag löste den Besatzungsauftrag ab. Speziell mit der Verschärfung des Kalten Krieges wurden die sowjetischen Truppen zur Speerspitze des Warschauer Pakts an der Nahtstelle der Systeme. Zusammen mit der NVA sollten sie die erste Front bei einem angenommenen Angriff aus dem Westen bilden. 

Wie war das Verhältnis der DDR-Führung zur GSSD?

Die Gruppe bekam ihre Weisungen aus Moskau. Und die DDR-Führung hat bis in die späten 1980er Jahre eigentlich nie hinterfragt, was die sowjetischen Truppen im Lande trieben. Die führten ein Eigenleben, waren ein Staat im Staate. Man hatte nicht viel miteinander zu tun.

Bei der Bevölkerung herrschten gemischte Gefühle vor. Das reichte von Neugier über Mitleid bis Angst.

Die DDR-Bevölkerung lebte mit den „Waffenbrüdern“ oder „Freunden“, wie man damals sagte, Seite an Seite, wirklich nahe kam man sich aber nicht.

Offiziersfamilie in Halberstadt © Wladimir Borissow / Museum Berlin-Karlshorst

Es wurde deutsch-sowjetische Freundschaft propagiert, ohne dass sie in diesem Falle je gegriffen hätte. Die Garnisonen waren nach außen hin abgekapselt. Wenn die Soldaten mal rausdurften, dann zu organisierten Ausflügen oder zu Freundschaftsabenden, die aber eher offiziellen Charakter trugen. Freundschaften zu Deutschen waren zwar nicht verboten, aber nicht gern gesehen. Da spielte auch die Angst vor Geheimnisverrat eine Rolle. Es gab nicht wenige Fälle, wo Sowjetsoldaten in die Heimat zurückgeschickt wurden, nachdem sie sich mit Deutschen getroffen hatten. Und so herrschten auch bei der Bevölkerung gemischte Gefühle vor. Das reichte von Neugier über Mitleid bis Angst. Man hörte von Vergewaltigungen, von Verkehrsunfällen. Bei Militärübungen wurde schon mal der Acker in Mitleidenschaft gezogen. Oder es flogen Granaten in einen Kindergarten. Das Verhältnis war also sehr ambivalent.

Man erzählte sich seinerzeit von den rauen Sitten in der Truppe, der strengen Disziplin, den schweren Strafen. Wie hart war das Los eines Sowjetsoldaten in der DDR?

Definitiv hart. Die meisten waren ja zwischen 16 und 18 Jahre alt. Die kamen fern der Heimat in eine abgeschlossene Welt. Freizeit hatten sie am Tag zwischen einer halben und einer Stunde, in der Zeitunglesen, Briefeschreiben oder einfach Ausruhen angesagt war. Man muss aber zwischen den Soldaten und den Offizieren unterscheiden.

Inwiefern?

Während die Soldaten in Schlafsälen für bis zu 100 Leute untergebracht waren, gingen die Offiziere nach dem Dienst nach Hause. Sie wohnten nicht in der Kaserne, sondern hatten eine Wohnung außerhalb. Und es stand ihnen zu, ihre Familie mit nach Deutschland zu bringen, wenn sie eine hatten. Deshalb gab es in den Garnisonen auch Kindergärten und Schulen.

Die Offiziere haben einen doppelten Sold bekommen – in Rubel und in DDR-Mark, dazu kamen noch Lebensmittelkarten. Sie konnten sich also einiges leisten, ganz zu schweigen von der Zeit nach der Wende. Da hat man dann vom Auto bis zum Fernseher eingekauft und diese Dinge mit in die Sowjetunion genommen, wo sie ein Vermögen wert waren und exorbitante Tauschwerte darstellten.

Wenn man in Russland auf ehemalige Angehörige der GSSD – in der Regel damalige Soldaten – trifft, dann schwärmen die geradezu von ihrem Dienst in der DDR. Können Sie sich das erklären?

Mich würde interessieren, ob die das zu ihrer Dienstzeit auch so empfunden haben. Aber Fakt ist, dass die GSSD als bestausgerüstete Truppe der Sowjetarmee galt. Man hatte immer die neueste Technik, jeder Soldat wurde einmal neu eingekleidet.

Was die Offiziere betrifft, die kamen in DDR, weil sie gut waren. Das war eine Auszeichnung. Später schloss sich daran meist auch eine höhere Verwendung an. Alle Oberkommandierenden des Warschauer Paktes hatten vorher die GSSD durchlaufen. Manche sind bis in die höchsten Ämter im sowjetischen Verteidigungsministe­rium aufgestiegen.

Gorbatschows Credo war, man müsse eine Neutralität Deutschlands herstellen. Dann hätten alle Truppen das Land verlassen müssen, auch die der Nato.

Schlafsaal in der Kaserne der Berlin-Brigade 1994 © Detlev Steinberg / Museum Berlin-Karlshorst

Wie glücklich darf sich Deutschland schätzen, dass sich die Sowjetunion unter Gorbatschow nach dem Mauerfall dem Truppenabzug nicht verweigert hat?

Ich würde behaupten, dass es ansonsten keine Wiedervereinigung gegeben hätte. Gorbatschows Credo war, man müsse eine Neutralität Deutschlands herstellen. Dann hätten alle Truppen das Land verlassen müssen, auch die der Nato. Aber mit dieser Forderung  konnte er sich in den 2+4-Verhandlungen nicht durchsetzen.

Der Abzug der Westgruppe der Streitkräfte, wie die Truppen ab 1989 hießen, sollte zunächst innerhalb von vier Jahren abgewickelt werden. Später einigte man sich darauf, dass die Frist nicht am 31. Dezember 1994, sondern bereits am 31. August endet.

Dass das letztlich auch gelungen ist, war eine logistische Meisterleistung der russischen wie der deutschen Seite. Schließlich mussten rund 550.000 Militärangehörige und Zivilisten sowie 2,5 Millionen Tonnen Gerät und Munition abtransportiert werden. Deutschland hat das Ganze mit 15,5 Milliarden D-Mark finanziert. Man wusste um die schwierige finanzielle Lage in der Sowjet­union, für die das Angebot wohl deshalb auch verlockend war. Von dem Geld entfiel mehr als die Hälfte auf ein Wohnungsbauprogramm zu Gunsten der heimkehrenden Truppen, ein kleinerer Betrag floss in ein Umschulungsprogramm für Offiziere.

Wie ist es 25 Jahre später um die früheren sowjetischen Truppenstandorte in Deutschland bestellt?

Die etwas mehr als 1100 Liegenschaften sind seinerzeit alle in Bundeshand übergegangen. Zum Teil wurden sie in der Zwischenzeit renoviert, dort sind Konversionsflächen, Wohnhäuser, Museen und private Vereine entstanden oder es gibt eine Nachnutzung durch die Bundeswehr. Manches gammelt aber auch vor sich hin. Große Flächen sind kontaminiert. Dazu muss man allerdings einschränkend sagen, dass nicht restlos klar ist, wer die Schuld an diesen Umweltschäden trägt, weil es sich oft um Gelände handelt, dass auch zu Wehrmachts- oder Kaiserzeiten militärisch in Gebrauch war. Im Sommer hört man permanent, dass es irgendwo brennt und die Feuerwehr nicht löschen kann, weil Munition und andere Dinge im Boden liegen.

Was leistet die Ende August in Ihrem Museum eröffnete Ausstellung?

Uns geht es nicht so sehr um Einzelschicksale, sondern darum, einen größeren Bogen zu schlagen und zu zeigen, wie diese Welt funktioniert hat. Wir versuchen, die Dinge im Zusammenhang, im historischen Kontext zu betrachten. Die Ausstellung läuft bis zum 19. Januar 2020 und ist Teil eines größeren Projekts, zu dem auch eine Online-Datenbank zu den ehemaligen Standorten der sowjetischen bzw. russischen Truppen gehört. Zum jetzigen Zeitpunkt umfasst sie mehr als 13.000 Dokumente.

Woher stammen die Informa­tionen, auf denen die Ausstellung basiert?

Wir haben viel über die Stasiunterlagenbehörde in Erfahrung gebracht und über das Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg, wo die Akten der NVA liegen. Zudem wurden Interviews in Russland geführt, vornehmlich mit ehemaligen Offizieren der GSSD, und in Deutschland mit Ex-Angehörigen der NVA und Zivilpersonen über ihre Erfahrungen mit den sowjetischen Truppen. Nicht unerwähnt lassen möchte ich den Veteranenverband der GSSD, der für uns ein wichtiger Partner ist und Kontakte vermittelt hat. Teilweise sind uns auch Dokumente und andere Fundstücke zugespielt worden, die in den Garnisonen zurückgeblieben waren. Für so etwas sind wir natürlich sehr dankbar.

Das Interview führte Tino Künzel.

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