„Bei euch herrschte schon Kommunismus“ – Die DDR in Erinnerungen von Sowjetsoldaten

Die bessere Sowjetunion: In den Erzählungen vieler Russen ist der deutsche Arbeiter- und Bauernstaat ein tolles Land

1994 endeten 49 Jahre sowjetischer Militärpräsenz in Deutschland. Zum Abschluss des Abzugs dirigierte in Berlin der damalige russische Präsident Boris Jelzin in feucht-fröhlicher Stimmung ein Armeeorchester. Doch die Veteranen der Truppe reden bis heute überschwänglich von ihrer Dienstzeit – und dem Land, in dem sie waren.

Von Tino Künzel

Ich komme aus einem Land, das vor langer Zeit untergegangen ist. Es hatte, um im Bild zu bleiben, zu viele Lecks und Risse und Brüche, die der Fäulnis von innen Vorschub leisteten, auch wenn seine Machthaber, die mit dem Abdichten nicht nachkamen, bei jeder Gelegenheit behaupteten, es sei optimal verarbeitet. Oder zumindest „immer optimaler“. Nun liegt es schon viele Jahre auf einem Meeresgrund an Erinnerungen. Und wer die besten daran sucht, der sollte nicht auf Tauchstation gehen, sondern sich nach Russland begeben. Nirgendwo sonst hat dieser Staat, mit dem sich vermeintlich so wenig Staat machen ließ und über dem immer ein Grauschleier zu liegen schien, einen so guten Ruf. Satt, reich, ein Einkaufsparadies gar – das höre ich immer wieder, nicht etwa von alten oder neuen kommunistischen Parteikadern, sondern von Zufallsbekanntschaften, die eines gemeinsam haben: Sie waren zu Sowjetzeiten auf deutschem Boden stationiert. Alle, ALLE, schwärmen sie noch heute: Ein tolles Land war das, diese DDR.

Deutsch-sowjetische Begegnung 1976 in Eberswalde. / nazadvgsvg.ru

Deutsch-sowjetische Begegnung 1976 in Eberswalde. / nazadvgsvg.ru

Zum Beispiel Vitalij, der in Moskau als Wachmann arbeitet. Seine zwei Jahre sowjetischen Wehrdienst leistete er Ende der 80er in der DDR ab, wurde als Fahrer eingesetzt. „Das Erste, was mir aufgefallen ist, war der hervorragende Zustand der Straßen bei euch“, sagt er. Wenn man weiterfragt, wird nicht nur in diesem Falle klar: Die Lobpreisungen erzählen meist mehr über die Verhältnisse in der Sowjetunion, vor deren Hintergrund die DDR so glänzend abschnitt, wie es deren Bewohnern, die sich eher mit Westdeutschland verglichen, nie vorgekommen ist. „Bei euch herrschte ja schon Kommunismus“, meint Vitalij. „In den Läden gab es alles. Und dann natürlich die deutsche Kultur: Ordnung und Sauberkeit, wo man hinschaute. Beeindruckend!“

Auch Viktor, ein 53-jähriger Kleinunternehmer aus Scharja im Gebiet Kostroma, hat „ausschließlich positive Erinnerungen“ an seine Zeit in der DDR, wo er in deren letzten Jahren als Schweißer für die Sowjetarmee arbeitete, mehr Freiheiten genoss als die Militärangehörigen und nicht in einer Garnison untergebracht war, sondern in einem Wohnheim am Bahnhof von Dessau. Umso mehr Umgang hatte er mit den Deutschen. „Wir wussten natürlich, dass wir ihnen gewisse Unannehmlichkeiten bereiten, aber sie haben uns das nie spüren lassen und sich immer korrekt verhalten, selbst dann, wenn sich der eine oder andere Soldat mal danebenbenommen hat“, sagt er. In der DDR wurde auch Viktors Tochter geboren – in einem zivilen Krankenhaus. „Es gab ein Hospital auf dem Militärgelände, aber die Bedingungen im städtischen Krankenhaus waren besser. Und man hat meine Frau anstandslos dort entbinden lassen.“

Aufmarsch im ehemaligen Olympischen Dorf von 1936. / nazadvgsvg.ru

Aufmarsch im ehemaligen Olympischen Dorf von 1936. / nazadvgsvg.ru

Den Vitalijs und Viktors in Russland zu begegnen, ist nahezu unvermeidlich. 8,5 Millionen Menschen haben zwischen 1945 und 1994 in der sogenannten Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSWG) als Soldaten, Offiziere oder Wirtschaftskräfte gedient. Über die kleine DDR waren 777 sowjetische Garnisonen verstreut. Zu dem Zeitpunkt, als 1990 die Vereinbarung über den Abzug der Sowjettruppen – seit 1989 als Westgruppe bezeichnet – unterzeichnet wurde, hatten sie mehr als eine halbe Million Angehörige.

Der Zusammenhalt der Veteranen der Truppe ist groß. In Internetforen mit Namen wie „Zurück in die GSWG“ (nazadvgsvg.ru) und in sozialen Netzwerken schwelgen sie in Erinnerungen, tauschen Anekdoten aus ihrer Dienstzeit aus, posten Fotos und suchen Kameraden von damals. Manche berichten, wie es heute an den ehemaligen Standorten der Sowjetarmee aussieht, etwa im Olympischen Dorf von 1936 westlich Berlins, wo nach dem Krieg die roten Sieger einzogen und wo heute Führungen abgehalten werden. Jedes Jahr am 9. Juni, dem Tag, an dem nach der deutschen Kapitulation 1945 aus der ersten Weißrussischen Front die Gruppe der Sowjetischen Besatzungsstreitkräfte in Deutschland gebildet wurde, verabreden sich Veteranen zu Treffen, bei denen auch die DDR-Fahne nicht fehlen darf. Ein populärer Treffpunkt ist der Siegespark in Moskau.

Veteranen der Truppe bei einem Treffen am 9. Juni, dem „Geburtstag“ der Sowjetstreitkräfte in Deutschland, im Moskauer Siegespark. / Wikipedia

Veteranen der Truppe bei einem Treffen am 9. Juni, dem „Geburtstag“ der Sowjetstreitkräfte in Deutschland, im Moskauer Siegespark. / Wikipedia

Die Präsenz der Sowjetarmee in der DDR war nicht nur die größte unter allen Staaten des Ostblocks, sondern auch die mit der besten Ausrüstung, weil sie sich an der Nahtstelle der Systeme befand. Sogar die Uniform machte mehr her als in der Sowjetunion selbst. Das verlieh dem Dienst ein besonderes Prestige, abgesehen von ganz praktischen Vorteilen: Der Sold wurde in DDR-Mark ausgezahlt. „Diese 25 Mark im Monat haben wir gespart und dann Sachen mit nach Hause gebracht, die es bei uns nicht gab, wie etwa Jeans“, sagt Michail, der Ende der 70er Jahre in Werder an der Havel als Funker diente. In der DDR hat es ihm „sehr gefallen“, wenn er auch nicht allzu viel von ihr gesehen hat: ein paar Exkursionen nach Berlin und Potsdam, Fahrten zu Übungen, das eine oder andere Bier in der Gaststätte.

Doch das reichte, um sich ein Bild zu machen: „Das Lebensniveau bei euch war deutlich höher als in der Sowjetunion.“ Allerdings ließ allein schon die Tatsache, ins Ausland geschickt worden zu sein, viele Härten des Dienstes vergessen. „Das waren ja die Zeiten des Eisernen Vorhangs, normalerweise ließ man uns nicht raus.“ Er würde das Land gern noch einmal wiedersehen, sagt er zum Abschied.

Aus dem Erinnerungsalbum eines in Deutschland stationierten Sowjetsoldaten. / nazadvgsvg.ru

Aus dem Erinnerungsalbum eines in Deutschland stationierten Sowjetsoldaten. / nazadvgsvg.ru

In der DDR-Bevölkerung kursierten häufig Gerüchte über strenge Bestrafungen der sowjetischen Soldaten für beliebige Vergehen, beispielsweise Unfälle im Straßenverkehr. Oft empfand man Mitleid mit den kahlgeschorenen Burschen, die man hinter den hohen Mauern erspähen konnte. Kontakt mit ihnen hatte man kaum, und wenn, dann in offi­zieller Form.

Doch wer die damaligen Armeeangehörigen heute mit solchen gemischten Gefühlen konfrontiert, erntet verständnislose Blicke. Die Moskauer Rentnerin Larissa, Witwe eines Majors der Sowjetarmee und seinerzeit als Verkäuferin in einem Garnisonsladen in Potsdam beschäftigt, wo Deutsche sich russischen Konfekt besorgten, sagt: „Wir waren jung, vielleicht muss man das in Rechnung stellen. Jedenfalls ist es so: Egal, wen Sie fragen, für uns war die DDR ein Paradies und unser Aufenthalt dort ein Märchen.“

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