Sechs Antworten auf eine Frage: Wie erleben Sie die Isolation?

Auch in Russland ist der Alltag vieler Menschen gerade auf den Kopf gestellt. Wir haben uns von Einheimischen aus verschiedenen Regionen erzählen lassen, wie sich ihr Leben verändert hat. Stimmen aus dem kollektiven Stubenarrest.

Der große Stillstand: Auf dem Flughafen von Rostow am Don, einem der größten außerhalb Moskaus, ist kaum noch Betrieb. (Foto: Sergej Piwowarow/RIA Novosti)

Mehr Zoff in den Familien

Sergej Migunow (42), Polizist
Werchnjaja Tojma, Region Archangelsk

Ich komme gerade von der Arbeit. Auf dem Polizeirevier nehme ich Meldungen und Anzeigen auf. Ich würde nicht sagen, dass es weniger sind als sonst. Die Leute sitzen zwar den ganzen Tag zu Hause, aber damit gibt es auch häufiger Krach in den Familien, vor allem wenn Alkohol im Spiel ist.

Sergej Migunow (Foto: VKontakte)

Im Freien sind kaum Menschen zu sehen, Ältere schon gar nicht. Aber wir haben bei uns im Dorf jetzt viele junge Leute, die wieder bei Mama und Papa wohnen, weil ihr Studium in der Großstadt ausgesetzt ist. Die sieht man schon ab und zu in Grüppchen zusammenstehen oder durch die Gegend ziehen. Unsere Streifen in den Straßen sollen dafür sorgen, dass die Quarantänebestimmungen eingehalten werden. Beim ersten Mal belässt man es bei einer Ermahnung, im Wiederholungsfall droht eine Geldstrafe zwischen 1000 und 30.000 Rubel (ca. 12 bis 370 Euro).

Meine Frau arbeitet bei der Gemeindekasse. Die zahlt mir sozusagen das Gehalt. In diesen Zeiten kann sicher von Glück reden, wer im Staatsdienst ist und sich keine Sorgen um seine Einkünfte zu machen braucht.

Weil die Schulen geschlossen sind, passt zu Hause unser älterer Sohn auf den jüngeren auf. Wir sind bereits informiert worden, dass das Schuljahr diesmal nicht Ende Mai endet wie üblich, sondern in den Juni hinein verlängert wird.

In den nächsten zwei Wochen sind wir jetzt erst einmal von der Außenwelt abgeschnitten. Unser Ort liegt an der Nördlichen Dwina, die Fernstraße nach Archangelsk und zu anderen Städten auf der anderen Seite. Im Winter kann der Fluss übers Eis passiert werden, vom Frühjahr bis zum Herbst mit der Fähre. Aber in den Übergangszeiten, so wie während der Eisschmelze, werden wir praktisch zu einer Insel. In medizinischen Notfällen können Patienten per Hubschrauber in größere Krankenhäuser eingeliefert werden. Eine gewisse Erstversorgung leistet auch unser eigenes Krankenhaus.

Zurück im alten Kinderzimmer

Pawel Tulajew (20), Student
St. Petersburg

Ich studiere Sport an der Lesgaft-Uni in St. Petersburg, wo ich zum Trainer ausgebildet werde. Seit Mitte März ist unser Studium auf Fernunterricht umgestellt. Ich bin sogar noch ein paar Tage früher nach Hause geflogen und habe wieder mein altes Kinderzimmer bei den Eltern in Syktywkar bezogen. Es fühlte sich alles nicht mehr richtig an: die Metro mit ihren Menschenmassen, das Wohnheim, wo es damals den ersten Verdachtsfall auf eine Coronavirusinfektion gab. Ich habe verfolgt, was sich in der Welt so tut, besonders in China, und mir war klar, dass der Kelch nicht einfach an uns vorübergehen wird. Zumal wenn man bedenkt, dass die Menschen in China sich gesundheitlichen Kontrollen unterziehen, wenn es ihnen gesagt wird, aber unsere russische Mentalität so ist, dass einem schon fast das Bein abfallen muss, bevor man einen Arzt in Anspruch nimmt.

Pawel Tulajew (Foto: Privat)

Der Online-Studienbetrieb hat sich inzwischen langsam eingespielt. Es finden Video-Konferenzen statt und wir liefern auch schriftliche Arbeiten ab. Ich wende im Schnitt vielleicht zwei Stunden am Tag für das Studium auf. Daneben lese ich gerade „Der Meister und Margarita“, zum zweiten Mal nach der Schulzeit.

Die ganze Situation ist nicht besonders erfreulich, aber nun mal notwendig, deshalb habe ich Verständnis dafür. Aus dem Haus gehe ich selten, höchstens mal zum nächstgelegenen Laden, auch wenn ich eigentlich gar nichts brauche. Aber ab und zu muss man einfach an die Luft, sonst brummt einem ja der Schädel.

So, wie es im Moment aussieht, wird dieses Studienjahr im Fernunterricht zu Ende gebracht. Ich werde also wohl erst im September nach St. Petersburg zurückkehren.

Bittere Medizin auf dem Dorf

Alexej Smirnow (37), Kleinunternehmer
Lessnoje, Region Twer

Ein Monat arbeitsfrei bei vollem Lohn – da hat sich unser Präsident etwas Schönes einfallen lassen. Nur wie das gehen soll, das hat er leider nicht gesagt. Nehmen Sie mich: Ich handele mit Autoersatzteilen. Mein Geschäft musste ich schließen, weil es nicht als lebensnotwendig gilt. Dementsprechend habe ich auch keine Einnahmen, aber weiterhin Kosten. Dass die Steuern gestundet wurden – okay, aber irgendwann müssen sie ja doch entrichtet werden. Ich habe einen Mitarbeiter, den ich natürlich bezahlen möchte. Leichtfertig wird bei uns auch niemand entlassen. Unser Ort hat weniger als 2000 Einwohner, die Jungen laufen uns davon, deshalb wird um jede Arbeitskraft gekämpft. Aber ich habe auch selbst eine Familie zu ernähren, bin unlängst zum zweiten Mal Vater geworden. Und ein Geschäft zu betreiben, hat nur Sinn, wenn man daran etwas verdient.

Alexej Smirnow (Foto: VKontakte)

Ich bin hier aufgewachsen und will auch gar nicht weg. Aber um ehrlich zu sein, sterben die Dörfer langsam aus. Während sich Moskau und die großen Städte ent­wickeln, geht es bei uns in die entgegengesetzte Richtung. Krank werden darfst du hier ohnehin nicht. Wenn mir etwas fehlt, dann fahre ich nach Twer zum Arzt, das sind 200 Kilometer. Das Krankenhaus bei uns im Ort verdient den Namen nicht. Wenn hier jemand einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleidet, dann wird er mit der Notambulanz über 100-150 Kilometer in eine der nächstgrößeren Städte gebracht, und das bei unseren Straßenverhältnissen, die jeder Beschreibung spotten. Bei Verdacht auf eine Corona­viruserkrankung könnte man hier nicht mal getestet werden. Und so wie uns geht es dem halben Land.

Stadtflucht und Schaschlyk-Duft

Tatjana Lukaschewa (42), Verkäuferin
Lipowka, Region Saratow

Tatjana Lukaschewa (Foto: Tino Künzel)

Bei uns im Dorf kann von Selbst­isolation keine Rede sein. Ganz Saratow ist jetzt aufs Land gezogen. Die Kinder spielen draußen, Schasch­lyk-Duft liegt in der Luft. Sogar unsere lutherische Kirchenruine lockt weiterhin Schaulustige an.

Auf den Balkon zum Durchatmen

Anatolij Bostan (12), Schüler
Wyborg, Leningrader Region

Mir reicht es jetzt schon mit der Quarantäne, dabei hat sie ja gerade erst angefangen. Sonst spiele ich jeden Tag Fußball. Meine Mannschaft heißt Favorit, wir sind Meister in der Leningrader Oblast. Trainiert wird bei uns fünf Mal in der Woche und am Wochenende sind Wettkämpfe. So lange wie jetzt war ich in meinem ganzen Leben noch nie ohne Fußball, außer als ich mir den Arm gebrochen hatte. Zum Glück haben wir eine Vier-Zimmer-Wohnung, weil wir zu Hause zu fünft sind, es ist also genug Platz, um mit meinem kleinen Bruder herumzutoben, uns Bälle um die Ohren zu schießen oder Ver­stecken zu spielen.

Anatolij Bostan (Foto: VKontakte)

Einmal am Tag schickt uns unsere Mama an die frische Luft – auf den großen, verglasten Balkon. Die Wohnung verlassen habe ich seit Beginn der Quarantäne nicht mehr. Das hat uns auch unser Trainer verboten und gesagt, dass darauf hohe Strafen stehen, wenn man uns draußen erwischt.

Wir sitzen jetzt vor- und nachmittags in der Familie zusammen und spielen Karten, Domino, Schach und andere Sachen. Aber weil ich mich viel weniger bewege als im Alltag, habe ich schon in den ersten drei Tagen zwei Kilo zugenommen. Deshalb mache ich auch Sport: Liegestütze, Klimmzüge, Hanteltraining und Ähnliches. Ich trete sogar auf dem Heimtrainer in die Pedale, den meine Eltern vor anderthalb Jahren für mich gekauft haben und den ich bis jetzt nie benutzt hatte.

Eine Stunde am Tag lese ich. Dabei kann ich Lesen eigentlich nicht leiden. Von der Schule haben wir für die Quarantäne eine ganze Liste mit Lektüre bekommen, wie sonst in den Sommerferien. „Robinson Crusoe“ und so. Aber ich lese stattdessen ein Buch über Maradona. Der ist mein Lieblingsspieler und der Grund, weshalb ich mit dem Fußballspielen begonnen habe, als ich fünf Jahre alt war. Da hat meine Mama ein Video vom Spiel Argentinien gegen England bei der WM 1986 angeschaut, mit Maradona in der Hauptrolle. Als ich ihn spielen gesehen habe, wollte ich unbedingt auch Fußballer werden. So hat das alles angefangen. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich später gern zu einem großen europäischen Klub wechseln – und am liebsten zum FC Neapel, wo Maradona seine beste Zeit hatte.

Protestler wollen nicht weichen

Irina Kostina (51), Umweltaktivistin
Schijes, Region Archangelsk

Ich bin seit fast einem Jahr die meiste Zeit in Schijes. (Anm. d. Red.: An der Bahnstation Schijes mitten in der Taiga soll eine Deponie für Müll aus dem 1200 Kilometer entfernten Moskau errichtet werden, was nicht nur in der näheren Umgebung auf heftigen Widerstand stößt. Protestiert wird unter anderem direkt vor Ort.) Unser Lager wird weiter betrieben, wir gehen dort nicht weg, solange der Wachdienst nicht abzieht und nicht alles beräumt wird, was man bereits in die Landschaft gesetzt hat. Natürlich sind auch wir vorsichtiger geworden, bei uns ist weniger Kommen und Gehen als sonst. Die meisten halten aber auch schon so lange die Stellung, dass sie keine Kontakte nach außerhalb hatten.

Irina Kostina (Foto: VKontakte)

Wir haben schon viel erreicht. Dass zuletzt die Gouverneure der Region Archangelsk und der benachbarten Komi-Republik zurückgetreten sind, ist auch unser Verdienst. Sie waren für den Deponie-Bau in Schijes und nicht zuletzt deshalb weithin unpopulär. Wenn das Volk hinter ihnen gestanden hätte, dann wären sie noch im Amt. Jetzt kommt es darauf an, dass an ihre Stelle nicht Leute vom selben Schlage treten. Da müssen wir Druck machen. Unser Kampf ist noch nicht zu Ende.

Zusammengestellt von Tino Künzel

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