Reiseveranstalter mit Russlandfokus: Langer Atem gefragt

Manche tragen die Wolga, den Baikal oder eben Russland schon im Namen: In Deutschland gibt es zahlreiche Reiseveranstalter, die sich auf Russland spezialisiert haben. Erst hat ihnen Corona kräftig in die Suppe gespuckt. Und jetzt geht beim Russland­tourismus eigentlich gar nichts mehr. Die MDZ hat bei den Firmen nachgefragt, ob und wie sie sich über Wasser halten.

Das „Fischerdorf“, ein Stück stilisierte Altstadt, ist eine Besucherattraktion in Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg. (Foto: Tino Künzel)

Russland war nie ein einfaches Reiseland. Schon wegen der Sprache. Schon wegen der Visumpflicht. Aber Russland, das klang für viele Deutsche immer auch nach einem einmaligen Abenteuer. Die Transsibirische Eisenbahn, eine Wolga-Kreuzfahrt, der Baikalsee – wohl nichts für Zufallsreisende, für manche aber ein Lebenstraum. Wenn sie sich für eine Reise entscheiden, dann aus voller Überzeugung.

Gebucht werden kann nicht nur bei den großen Generalisten, die Urlaub in allen möglichen Ecken der Welt im Programm haben, sondern auch bei Spezialisten, deren Angebot sich auf Russland und vielleicht noch die angrenzenden Länder beschränkt. Oft werden diese Firmen von Russlanddeutschen oder Russen geleitet, die in die Waagschale werfen können, sich in der betreffenden Region – ihrer ehemaligen Heimat – besonders gut auszukennen.

Vor Corona florierte das Geschäft

Natalia Romanova zum Beispiel, die Chefin von Russland Reisen Romanova in Hamburg, wurde in Moskau geboren. „In demselben Stadtteil, in dem Ihre Zeitung ihren Sitz hat“, schreibt sie in einer Mail. Romanova ist in Kaliningrad aufgewachsen, hat dort Literaturwissenschaft studiert. In den 1990er Jahren folgte sie einer Einladung nach Hamburg, wurde schnell heimisch, arbeitete für verschiedene Reiseveranstalter und gründete vor 15 Jahren ihren eigenen.

Das kleine Unternehmen lebt ausschließlich von Russland-Reisen. Der Schwerpunkt liegt auf Studien- und Lesereisen. Kaliningrad ist ein bevorzugtes Ziel. Oder soll man sagen war? „Vor Corona florierte das Geschäft“, doch mit den Grenzschließungen geriet es völlig außer Tritt. Bis heute sind die russischen Landgrenzen für EU-Bürger nicht wieder geöffnet worden, die Einreise ist lediglich per Flugzeug möglich – und seit der russischen „Sonderoperation“ nur noch auf Umwegen. Denn die EU und Russland haben ihren Luftraum gegenseitig gesperrt.

Jetzt schon lange Warteliste

Große Reiseveranstalter haben Russland daraufhin kurzerhand aus dem Programm genommen. Doch so einfach ist es für Romanova und ihresgleichen nicht. Ihre Firma habe in der Pandemie „ganz erhebliche Einbußen“ erlitten, das sei ein „herber Einschnitt“ gewesen, erzählt sie. Man sei an den Rand der Wirtschaftlichkeit geraten. Staatliche Hilfen hätten immerhin einen Teil der Verluste aufzufangen geholfen. „Die Büromiete und noch einige weitere Kosten ließen sich damit decken.“

Nun seien jedoch touristische Reisen nach Russland „praktisch nicht mehr möglich“. Schnelle Lösungen erwartet Romanova nicht. „Ich gehe davon aus, dass es noch Jahre dauern wird, bis man wieder ohne Weiteres nach Russland reisen darf. Aber erstaunlicherweise bekomme ich täglich Anrufe, wie es um die Einreise bestellt ist und ob man ein Visum beantragen kann.“ Für die Zeit, wenn der Reiseverkehr irgendwann wieder anspringe, habe sie jetzt schon eine lange Warteliste.

„Können ein paar Jahre überbrücken“

Bis dahin plant sie ein paar Reisen mit russischem Akzent, aber in Deutschland, Estland und Georgien. Auch wolle sie zunehmend Reisen nach Polen und Litauen vermitteln. Etwaы Geld kommt auch mit Visaaufträgen in die Kasse. Viel ist es aber nicht: „Nach Russland fliegt im Moment so gut wie niemand.“

Ein Russlandspezialist ist auch Kompass Tours aus Berlin. Wie geht man dort mit aktuellen Situation um? Es gebe derzeit keine Anfragen, so Hendrik Heimer von Kompass Tours. „Eine Anreise über Drittstaaten ist für die meisten Gäste zu beschwerlich. Wir brauchen also zuerst wieder direkte Flugverbindungen. Dann wird es auch wieder Tourismus geben, da bin ich überzeugt. Unsere Gäste schätzen Russland auch weiterhin und werden wieder nach Russland reisen, sobald es möglich ist.“ Die Firma sei so aufgestellt, dass sie „ein paar Jahre überbrücken“ könne.

Immer noch Anfragen

Go Russia teilt auf Anfrage mit, man hoffe zunächst einmal aufrichtig, „dass der Konflikt sehr bald endet und eine friedliche Lösung gefunden wird, dies ist eine Tragödie für die ganze Welt“. Prognosen seien schwierig. Man gehe jedoch davon aus, dass es auch weiter Interesse an Russlandreisen geben werde. „Viele unserer Kunden sind bereit, ihre Reisen auf 2023 zu verschieben. Wir erhalten immer noch einige Anfragen von Kunden, die im Jahr 2022 reisen möchten. Wir haben Kunden, die gerade mit uns in Russland reisen, wir haben Buchungen auch für Juni.“

Einige Kunden entschieden sich für eine Umbuchung auf andere Reiseziele. Andere hätten ihre Russlandreise schon lange gebucht und wegen Corona nicht antreten können. Die nähmen nun sogar einen Flug mit Umsteigen in der Türkei in Kauf. „Wir tun unser Bestes, um etwaige zusätzliche Kosten so gering wie möglich zu halten.“

Tino Künzel

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