Transsibirische Eisenbahn: Populäre Irrtümer aufgeklärt

Die Transsibirische Eisenbahn ist Reisen bis zum Horizont und darüber hinaus. Mit uns können auch Sie heute Ihren Horizont erweitern, und zwar ohne überhaupt losgefahren zu sein. Denn über die Transsib, wie sie kurz genannt wird, sind zahlreiche falsche Vorstellungen in Umlauf. Der Reiseblogger Gerhard Liebenberger aus Österreich stellt an dieser Stelle die am häufigsten gehörten davon richtig.

Ein Linienzug steht in Wladiwostok, am östlichen Ende der Transsibirischen Eisenbahn, zum Einsteigen bereit. © Tino Künzel

Die Transsibirische Eisenbahn ist ein Touristenzug von Moskau nach Wladiwostok.

Nein, die Transsibirische Eisenbahn ist kein Zug, sondern die längste Bahnstrecke der Welt, auf der die verschiedensten Züge auf Teildistanzen oder auch über die gesamten 9288 Kilometer verkehren. Touristenzüge befahren die Strecke mehrmals im Jahr. Populär ist die Route von Moskau bis Ulan-Ude und über die Transmongolische Eisenbahn bis nach Peking in China. Nur wenige Touristenzüge fahren von Ulan-Ude weiter in den Fernen Osten nach Wladiwostok. Einer der bekanntesten Sonderzüge ist der „Zarengold“. Bei solch einer Reise müssen sich die Fahrgäste um nichts kümmern. Sightseeing bei den Stopps, Verpflegung und Reise­informationen sind hier inklusive.

In den Regelzügen steht der Reisende zunächst vor der Entscheidung: Großraum-Schlafwagen, Vierer- oder Zweierabteil? Das Ticket muss selbst besorgt werden, auch unter Berücksichtigung möglicher Zwischenstopps auf der Strecke. Schon allein die Reisevorbereitung bietet jedoch spannende Einblicke in die Reiseländer. Wer auf diese Weise reist, kann auch seinen Reise­plan völlig frei bestimmen.

Da es sich bei der Transsibirischen Eisenbahn um eine Sehenswürdig­keit von Weltruf handelt, reist man als ausländischer Fahrgast zusammen mit vielen anderen Ausländern (und kann sich deshalb auch ohne Weiteres auf Englisch verständigen).

Ich wünsche jedem Transsib-Reisenden, dass er mit Russen und nicht mit anderen Touristen in einem Abteil untergebracht ist. Sonst würde er nämlich viel versäumen. Mir hat die gemeinsame Reise die ersten näheren Kontakte zu den Menschen in Russland ermöglicht. So wird die legendäre russische Gastfreundschaft schnell erlebbar. Miteinander die Zeit im Abteil zu verbringen, zu essen und zu trinken, gehört zu einer Transsib-Reise einfach dazu. Ich denke gerne an schöne Begegnungen zurück.

Die Kommunikation fiel mir nicht immer leicht. Mit Englisch kam ich meist nicht weiter. Ich freute mich darüber, dass manche Abteilnachbarn einige Wörter Deutsch sprachen. Das motivierte mich, auch ein paar Wörter Russisch zu lernen. Die kyrillischen Buchstaben lesen zu können, hilft ebenfalls weiter. Es ist relativ einfach: Innerhalb von 90 Minuten sind die kyrillischen Schriftzeichen zumindest so weit gelernt, dass man Wörter schon langsam lesen kann.

Einer der Sonderzüge, die auf der Strecke verkehren, ist der „Imperial Russia“, stilecht mit Dampflokomotive. Hier kurz nach der Abfahrt vom Kasaner Bahnhof in Moskau. © Tino Künzel

Die Mahlzeiten nimmt man im Speisewagen zu sich.

Ich liebe es, im Speisewagen zu sitzen und draußen die Landschaft vorbeiziehen zu sehen. Die Realität im Bahnreisealltag sieht in Russland aber häufig anders aus. Ein Großteil der Reisenden bringt seinen Proviant mit. Gegrillte Hühnerschenkel oder Pelmeni hat so manche Familie im Gepäck. Alternativ wird aus Instant-Nudelsuppen mit dem heißen Wasser aus dem Samowar in wenigen Minuten eine warme Mahlzeit zubereitet.

Auch auf den Bahnsteigen versorgen sich die Fahrgäste bei längeren Stopps mit Lebensmitteln. Heute werden sie hauptsächlich in Kiosken gekauft. Die Babuschki mit Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten und frisch gekochten Speisen sind leider fast völlig verschwunden. An manchen Bahnhöfen werden aber noch Spezialitäten angeboten, zum Beispiel Räucherfisch. Nach so einem Stopp wird die Luft im Abteil ziemlich dick.

Da es durch Russland geht, muss man ständig Wodka mit den Russen trinken.

Bei meiner ersten Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn habe ich mich darauf schon gefreut. Vor meinem geistigen Auge sah ich eine gesellige Runde im Eisenbahnabteil. Mein Gegenüber im „Rossija“-Express wollte dann aber so gar nicht zu diesem Klischee passen. Er entpuppte sich als Antialkoholiker. Als ich ihn auch mit meinen aus Österreich mitgebrachten Schweinswürsten nicht begeistern konnte, wurde mir klar, dass er Muslim ist. Er reiste mit dem Zug von Tschetschenien bis nach Wladiwostok.

Auch in den nächsten Zügen wollten sich die Mitreisenden nicht von ihrer trinkfreudigen Seite zeigen. Erst als ich ein Jahr später auf Swetlana und Anatolij traf, die mit ihrem Sohn Ruslan von Irkutsk Richtung Osten unterwegs waren, floss der Wodka im Abteil. Wir teilten Essen und Getränke und hatten jede Menge Spaß. Ich wusste: Wenn Swetlana mit Zeige- und Mittelfinger an den Hals schlägt, kommt wieder der Wodka ins Spiel. Anatolij teilte großzügig aus, ich musste ihn jedes Mal mit einem beherzten „tschut-tschut – nur ein bisschen“ bremsen.

Der Zug Nr. 100 von Moskau nach Wladiwostok bei einem seiner ersten Zwischenhalte in Kostroma. Für die gesamte Distanz braucht er knapp sieben Tage und hält dabei an über 140 Stationen. Ein Ticket im Großraum-Schlafwagen (Plaztzkart) kostet umgerechnet ca. 110 Euro. © Tino Künzel

Böse Blicke der Schaffnerin erntete ich bei einer Reise im Jahr 2017, als ich es mir mit einer Flasche Bier im Abteil gemütlich machte. Ich erfuhr, dass in russischen Zügen  mittlerweile Alkoholverbot herrscht. Alkoholische Getränke dürfen nur noch im Speisewagen konsumiert werden. Auch auf dem Bahnhof werden sie nicht  mehr verkauft, zumindest theoretisch. In der Praxis sieht man vor allem nachts einige Fahrgäste mit „unauffälligen“ schwarzen Plastiktüten zum Zug zurückkehren. Und hinter verschlossenen Abteiltüren wird weiterhin auf die Gesundheit angestoßen.

Weil so ein Zug ja einen öffentlichen Ort darstellt, sollte man sich entsprechend gepflegt kleiden.

Wer weite Strecken mit dem Zug reist, sollte bequeme Kleidung im Gepäck haben. Die meisten Reisenden machen es sich im Zug in Sweater und Jogginghose bequem und bleiben bis zum Aussteigen im gemütlichen Gewand. Im Sommer sind T-Shirt und kurze Hose die Favoriten der Reisenden. Auch bei längeren Zwischenhalten vertreten sich die Fahrgäste so leger gekleidet die Füße auf dem Bahnsteig.

Anders sieht es im Winter aus. Bei frostigen Außentemperaturen müssen sich die Reisenden fürs Luftschnappen warm anziehen. Die Abteile sind oft überheizt, Temperaturen von bis zu +30 Grad im Zug sind keine Seltenheit. Der Temperaturunterschied zu draußen kann dann leicht 50-60 Grad betragen.

In der Dritten Klasse (Platzkart) geht es relativ beengt, aber auch ungezwungen zu. Wer mit Russen ins Gespräch kommen will, ist hier am besten aufgehoben. © Tino Künzel

Die Fahrkarte kauft man am besten im Reisebüro zu Hause, denn die Buchung ist bestimmt sehr kompliziert.

Eine Agentur kann einiges an Arbeit bei der Reiseplanung abnehmen und unterstützend zur Seite stehen, außerdem auch Tickets weiter in die Mongolei und nach China besorgen, was derzeit online nicht möglich ist. Für diese Dienstleistung wird in der Regel ein Bearbeitungsentgelt berechnet.

Die Ticketbuchung ist aber auch direkt über die Website der Russischen Eisenbahn (pass.rzd.ru) und über die App möglich. Beides funktioniert nun auch in Englisch und bietet sofort einen Überblick über die Reisemöglichkeiten. Die Preise können je nach Zug, Klasse und Reisetag sehr unterschiedlich sein.

 

Zur Person: Gerhard Liebenberger

Der Salzburger Gerhard Liebenberger hat die Transsibirische Eisenbahn bisher viermal auf verschiedenen Strecken bereist, zuletzt im vergangenen Winter. Gleich seine erste Fahrt 2009 blieb nicht ohne Folgen. Im Jahr darauf schmiss Liebenberger seinen Managerjob im Citymarketing, um wieder auf große Reise zu gehen – und wieder mit der Transsibirischen Eisenbahn. Von seinen Reiseerlebnissen in Russland, aber auch anderen Ländern berichtet er in seinem Blog www.andersreisen.net. Seit diesem Herbst tourt er mit seiner Multimedia-Show „#Transsibi­rien – Wie unendliche Weite mein ganzes Leben veränderte“ (­www.transsibirien.com) durch diverse Städte in Österreich und Deutschland.

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