Pakt gegen das Vergessen

Sasha Filipenko ist das literarische Sprachrohr des modernen und jungen Russlands. In „Rote Kreuze“ begibt sich der Autor in die dunkle Vergangenheit des Landes und fragt, ob es Parallelen zu heute gibt. Jetzt ist der Roman auf Deutsch erschienen.

Der dreißigjährige Alexander ist gerade nach Minsk gezogen, um mit seinem bisherigen Leben abzuschließen. Seine krebskranke Frau ist gestorben, das Töchterchen erst drei Monate alt. Die Maklerin hatte ihm eben noch seine neue Wohnung mit dem Vorzug einer einzigen altersschwachen Nachbarin auf derselben Etage verkauft, da malt diese Nachbarin ihm ein rotes Kreuz an die Tür.

Was er für einen schlechten Scherz hält, stellt sich als Folge einer Alzheimer-Erkrankung heraus. Die neunzigjährige Tatjana Alexejewna bedient sich dieser Kreuze, um den Weg nach Hause zu finden. Sie wird bald alles vergessen, „weil Gott Angst hat vor mir. Zu viele unbequeme Fragen kommen da auf ihn zu.“ Und bevor dies geschieht, bevor die Krankheit all ihre Erinnerungen gelöscht hat, will sie Alexander in ihr Schicksal einweihen, eine Art Beichte ablegen. Ihm, der hierher kam, um zu vergessen, beichtet die alte Frau, bevor sie alles vergisst. Zeit ihres Lebens fühlt sie sich schuldig, einen Unschuldigen in Schwierigkeiten gebracht zu haben. Dass sie sich dabei bitter geirrt hatte, erfährt sie zum Glück nie.

1910 in London geboren, siedelt Tatjana mit ihrem Vater nach Russland über, der an die Zukunft des Landes nach der Revolution glaubt, an den „neuen Menschen“. Später wird sie rekrutiert und arbeitet dank ihrer Fremdsprachenkenntnisse als Sekretärin im NKID (Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten). Die Arbeit gefällt ihr, tausende interessante Dokumente gehen durch ihre Hände. Während des Zweiten Weltkrieges wird sie Zeugin des Austauschs zwischen dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes und Moskau.

Das ist der dokumentarische Teil des Romans und Sasha Filipenko hat einige originale Nachweise ins Buch aufgenommen. Dafür reiste er in die Archive des Roten Kreuzes nach Genf, weil ihm die Archive in Russland keinen Zutritt zu den Akten dieser wenig ruhmreichen Geschichte gewährten: Das Rote Kreuz gab damals Listen von Kriegsgefangenen nach Moskau durch, wohl ohne zu ahnen, dass Stalin diese armen Männer als Verräter in Lager steckte oder umbringen ließ.

Filipenko trägt die tragischen Ereignisse der Vergangenheit in die Gegenwart.

Eines Tages entdeckt Tatjana auf einer dieser Listen des Roten Kreuzes den Namen ihres Mannes, der in rumänische Kriegsgefangenschaft geraten ist, und weiß, dass sie sofort handeln muss: Als seine Angehörige und eine, die im Ausland geboren wurde, wird sie höchstwahrscheinlich zur Todesstrafe verurteilt werden. Also streicht sie den Namen ihres Mannes, dupliziert einen Namen aus der Liste und hofft, dass dies als Tippfehler niemand bemerkt.

Im Juli 1945, als Tatjana bereits mit der Rückkehr ihres Mannes rechnet, wird sie verhaftet und für zehn Jahre ins Lager geschickt. Ihre Tochter kommt ins Heim und verhungert dort. Dass ihr Mann als Verräter erschossen wird, erfährt Tatjana später. Wozu also noch am Leben bleiben? Diese Frage stellt sie sich auch, und eine Antwort lautet: Um den Mann zu finden, dessen Namen sie doppelt aufgelistet hatte und dessen Familie deshalb wohl besonders leiden musste. Also sucht sie nach ihm, dreißig Jahre lang, und als sie ihn findet, stellt sie überrascht fest, dass es ihm und seinen Angehörigen gut ergangen war, Stalinauszeichnungen inklusive.

Mit der Figur dieses Denunzianten und anderen Nebenakteuren schlägt Filipenko, ein junger, produktiver russischer Autor, der in Sankt Petersburg lebt und von dem nun erstmals ein Roman ins Deutsche übersetzt wurde, die Brücke in die Gegenwart. Auch zur Frage, ob vielleicht ganz Russland heute an Alzheimer erkrankt ist. Vaterländische Nostalgie und Vergangenheitsbeschönigung klingen an, aber Filipenko setzt die Akzente bedacht und angemessen. In einem Interview stellt er fest: „Man kann die Angst und Brutalität, die unter Stalin in den dreißiger Jahren herrschten, nicht mit der heutigen Politik vergleichen.“ Aber die Menschen lassen sich wohl zu allen Zeiten zu viel gefallen, sie vergessen leicht. Das macht es schwer, aus der Vergangenheit zu lernen.

Irina Kilimnik

Sasha Filipenko

Sasha Filipenko wurde 1984 in Minsk geboren. Nach seinem Studium in St. Petersburg begann er als Journalist, Drehbuchautor, Gag-Schreiber und Moderator zu arbeiten. Filipenko kooperiert mit Literaturzeitschriften aus Moskau und St. Petersburg. Seine Texte schreibt er auf Russisch und Belarussisch. „Rote Kreuze“ ist die erste Veröffentlichung auf Deutsch.

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