Nicht wegen Nawalny allein

Sie decken Polizisten mit Schneebällen ein und schwenken Klobürsten aus Protest: Viele junge Russen demonstrieren gegen den Umgang des Kremls mit Oppositionspolitiker Alexej Nawalny. Eine Studie beschreibt nun, was sie antreibt.

Junge Protestierende fordern in Moskau Freiheit für Alexej Nawalny. (Foto: Birger Schütz)

Landesweite Proteste, eine beispiellose Welle von Festnahmen, aufgebrachte Demonstranten: Seit der Rückkehr und dem anschließenden Urteil gegen Alexej Nawalny erlebt Russland aufwühlende Zeiten. In mehr als 100 Städten gingen Bürger auf die Straßen, um ihrer Empörung über den Umgang mit Russlands bekanntestem Oppositionspolitiker Luft zu machen.

Erste Umfrage über neue Protestierende

Doch wer sind die Menschen, die da so laut ihren Unmut herausschreien? Erste Antworten auf diese Frage gibt eine Umfrage, welche die Sozialwissenschaftler Alexander Archipow und Alexej Sacharow Ende Januar unter Moskauer Protestierenden durchführten. Bemerkenswerter Befund der Studie: 42 Prozent der Demons­trierenden nahmen zum ersten Mal überhaupt in ihrem Leben an einer Protestveranstaltung teil. Die Zahl entspreche einem bereits seit längerem anhaltenden Trend, erklärte der Soziologe Lew Gudkow gegenüber dem Radiosender Echo Moskwy. Schon bei den Protesten nach den Moskauer Kommunalwahlen 2019 sei der Anteil der Erstteilnehmer auf etwa 30 Prozent gestiegen, so der Chef des Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum. Bei den Bolotnaja-Protesten im Jahr 2012 lag diese Quote noch bei 17 Prozent.

Ins Auge sticht zudem das verhältnismäßig niedrige Alter der Protestierenden. Dieses bewegt sich bei 66 Prozent der Teilnehmer in einer Spanne zwischen 25 und 35 Jahren. Der durchschnittliche Protestierende ist 31 Jahre alt, nur 15 Prozent waren älter als 51 Jahre. Dies bedeutet, dass es die massenhafte Teilnahme von Minderjährigen und Schülern, vor der das staatliche Fernsehen zuvor eindringlich warnte, so nicht gab. Nur vier Prozent der Demon­stranten waren minderjährig.

TikTok und die Nawalnys Popularität

Die gegenwärtig im sozialen Netzwerk TikTok kursierenden Nawalny-Memes und -Clips seien daher eher Neugier an einem aktuellen Trend, ordnete Gudkow die Bekanntheit Nawalnys unter russischen Schülern ein. Eine mobilisierende Wirkung habe TikTok nicht entfaltet. Aufschlussreich ist auch der soziale Hintergrund der Demonstranten. „Dies sind die aktivsten und gebildetsten Gruppen der Bevölkerung“, urteilt Gudkow gegenüber Echo Moskwy. Die Protestierenden seien vor allem im privaten Sektor, dem Bildungsbereich und der Wissenschaft beruflich tätig und zeichneten sich durch hohe Geschäftstüchtigkeit und Eigeninitiative aus. Von staatlichen Arbeitgebern hingen nur wenige ab.

In der Gruppe brodele die Unzufriedenheit, erläutert Gudkow die Motive für die Proteste. In der Wahrnehmung junger Berufstät­iger befinde sich das Land seit mehr als zehn Jahren in der Stagnation. Ein allgemeines Gefühl der Ausweglosigkeit und Verarmung habe sich breitgemacht. So seien beispielsweise die Einkommen in der vergangenen Dekade um etwa 13 Prozent gesunken. Die Pandemie habe vielen dann noch zusätzliche finanzielle Einbußen beschert.

Gefühl der Ausweglosigkeit

Vor diesem Gefühl des allgemeinen Stillstandes hätten Nawalnys Enthüllungen über den angeblichen Luxus-Palast von Wladimir Putin wie ein Trigger gewirkt, und die Unzufriedenen auf die Straße gebracht. Dies bedeute jedoch nicht, dass die Protestierenden automatisch hinter Nawalnys politischen Ansichten stünden.

Eine wichtige Rolle bei der Mobilisierung der jungen Empörten spielte das Internet. Im Gegensatz zu älteren Russen beziehen die 25- bis 35-Jährigen ihre Nachrichten nicht mehr aus dem Fernsehen und staatlichen Propagandasendungen, sondern überwiegend aus den sozialen Medien. Vom Kreml abweichende Sichtweisen und alternative Interpretationen der politischen Lage seien unter ihnen daher weit verbreitet, so Gudkow.

Kein Interesse an Eskalation

Die zum Teil harten Ausein­andersetzungen mit der Polizei erklärt der Soziologe mit der Empörung, die deren oft rigoroses Vorgehen auslöst. Im Gegensatz zur noch in der Sowjetunion aufgewachsenen Generation hätten viele Jüngere bisher keine direkte Erfahrung mit staatlicher Gewalt gemacht. Daher seien viele durch das harte Durchgreifen der Spezialeinheit OMON geschockt – und reagierten teilweise mit Wut und Gegenwehr.
Gleichwohl seien die Demonstranten nicht an einem Umsturz oder einem Eskalieren der Proteste interessiert, so Gudkow. Hierin teilten sie die Revolutionsmüdigkeit der meisten Russen.

Birger Schütz

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