Mit Schwermut zum Erfolg

Düsterer Sound, Texte über triste Städte, Melancholie und Depression. "Doomer"-Musik aus dem russischsprachigen Raum erlebt im Westen einen großen Hype. Was macht das Phänomen aus und woher kommt die Beliebtheit?

Ein sogenanntes "Dommer" Meme aus einer der YouTube Poaylists, die russischen Post-Punk kuratieren.
Fatalismus an der Hauswand: „Niemand liebt niemanden“ (Youtube: „Fict“)

Ein kühler Synthesizer-Akkord dröhnt aus den Lautsprechern. Ein hämmerndes Bass-Riff, dazu spielt eine verzerrte Gitarre eine düstere, eingängige Melodie. Was ein wenig an Post-Punk-Bands der 1980er Jahre wie Joy Division oder The Cure erinnert, wird mit dem Einsatz des Sängers zu etwas speziell Russischem: „Unter den Rädern der Autos liegt Schnee / Hier sind Autos alles und der Mensch nichts / Leichen in grauen Häusern empfangen den Ersten Kanal / Diese Stadt ist tot, diese Stadt ist müde“.

So der rus­sische Text des Songs „Gorod ustal“ der Nowosibirsker Band Ploho. „Sibirien hat unseren Sound geprägt, unsere Einstellung zum Leben“, erklären die Künstler gegenüber der MDZ. Die Depression und der Fatalismus, die in diesen Zeilen liegen, ziehen sich wie ein roter Faden durch die Stücke moderner russischer Post-Punk-Bands, die oft auch als „Doomer-Bands“ bezeichnet werden. Mal zeichnen die Texte ein Bild von grauen verfallenen Plattenbausiedlungen, mal geht es darum, wie man sich in einer klaren, kalten Nacht gemeinsam mit Alkohol wärmt.

Düstere Kunst

Die Tristesse des russischen Alltags wird kunstvoll verarbeitet und ästhetisiert. So auch in den Begleitbildern der beliebten Doomer-Musik-Playlists auf dem Videoportal YouTube. Hier prangt meist das Bild des namensgebenden „Doomers“. Dabei handelt es sich um ein Meme, also ein immer wieder verwendetes Symbolbild aus den Tiefen des Internets, das einen traurig-verwahrlosten jungen Mann zeigt. Aus grauen Wohnblöcken im Hintergrund scheint grelles, kühles Licht, während der Doomer meist rauchend oder weinend davorsteht und aus müden Augen in die Ferne blickt. Die maximal bedrückenden Bilder harmonieren hervorragend mit der Musik, welche dieselbe Kälte und Melancholie ausstrahlt.

Auch Pawel Schachtorin, Sänger und Gitarrist der Post-Punk-Band Soczewica aus dem etwa 400 Kilometer nördlich von Kasan gelegenen Kirow, zieht seine Inspiration aus den Umständen seines Alltags. „Alle meine Texte handeln von meinem persönlichen Leben, meinen Sorgen und Problemen“, erklärt er der MDZ. Auch sein Wohnort spiele eine Rolle. „Kirow ist eine recht deprimierende Stadt. Mit der Arbeit gibt es Probleme, genau wie mit dem Klima“, führt Schachtorin aus.

Weltweites Online-Phänomen

Der Doomer selbst ist allerdings kein rein russisches Phänomen, sondern zirkuliert global durch das Internet. Sein Name kommt vom englischen Wort „doom“, welches so viel wie Untergang bedeutet. In verschiedenen online auffindbaren Definitionen schreibt man ihm den Charakter eines nihilistischen Anfang- bis Mittzwanzigers zu. Er schwimmt in globalen und persönlichen Problemen. Die drohende Klimakatastrophe, fehlende soziale Kontakte und Drogenprobleme machen der Figur zu schaffen. Aufgrund dieser Umstände glaubt der Doomer, dass die Welt, oder zumindest er persönlich, dem Untergang geweiht ist.

Wie das Meme ist auch die Musik der russischen Doomer global erfolgreich. Videos auf YouTube werden millionenfach aufgerufen. Seit etwa 2019 erscheinen auf der Plattform Zusammenstellungen russischsprachiger Post-Punk-Musik. Dabei sind auch alte Bekannte wie die sowjetischen Rock-Legenden von Kino. Doch zum Großteil sind die Playlists gefüllt mit zeitgenössischen Musikern aus dem postsowjetischen Raum.

Beliebtheit im Ausland

Einige Gruppen aus der russischen Post-Punk-Szene, die schon länger bestanden, seien seitdem durch das Doomer-Phänomen auch im Ausland bekannt geworden, erklärt Schachtorin. Auch seine Band ist in den Playlists vertreten. Die wohl erfolgreichste Gruppe, Molchat Doma aus Belarus, tourte ihrerseits bereits durch Westeuropa und die USA. Auch Schachtorin erzählt von internationaler Fanpost: „Wir haben Zuhörer in den USA, Europa und in Mexiko“. Oft erreichen ihn Nachrichten wie: „Ich verstehe überhaupt nichts von dem, was ihr singt, aber die Musik die ihr spielt, gefällt mir sehr“.

Auf Konzerten in Berlin oder Leipzig tummeln sich größtenteils Zuschauer im Alter von Mitte bis Ende zwanzig. Dort hat man den Eindruck, die russischen Doomer ziehen vor allem kunstinteressiertes Publikum mit Hang zu Subkulturen an. In Russland sieht das anders aus. Die Fans sind hier um einiges jünger. Bei Molchat Domas letztem Konzert in Moskau waren viele Besucher kaum volljährig. Schachtorin bestätigt diesen Eindruck und erzählt sogar von 14-jährigen Fans seiner Band. Doch warum die Musik in verschiedenen Ländern bei so unterschiedlichen Altersgruppen so beliebt ist, könne er nicht sagen.

Woher kommt der Zeitgeist?

Wagt man doch eine Interpretation, scheint vor allem eine These plausibel. Russische und westeuropäische Zuhörer leben unter sehr unterschiedlichen Gegebenheiten. Die Melancholie und der Pessimismus der Musik spricht in Russland junge Menschen an, die mit diesem Lebensgefühl vertraut sind. Sie leben teilweise selbst in grauen Plattenbausiedlungen oder haben große Geldsorgen. Dass sowohl die visuelle als auch die akustische Ästhetik des Doomer-Phänomens jungen Russen nahegeht, ist wenig verwunderlich. Zumal Kunst, die sich online diesen Themen annimmt, in Russland derzeit generell Konjunktur hat.

In westlichen, ökonomisch stabileren Gesellschaften sind solche akuten Ängste seltener. Doch ganz unähnlich sind sich beide Hörergruppen nicht. Auch viele junge Leute im Westen blicken pessimistisch in die Zukunft, wenngleich oft wegen abstrakterer Sorgen. Vielen bereitet der Klimawandel oder das Erstarken antidemokratischer Kräfte großes Kopfzerbrechen. Vielleicht deshalb trifft auch bei ihnen die traurige und melancholische Stimmung der russischen Doomer einen Nerv. Selbst wenn sie die Texte nicht verstehen.

Von Emil Herrmann

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    2 Responses to “Mit Schwermut zum Erfolg”
    1. Ich find die Musik auch super cool

      • Ich bin 16 und höre Molchat Doma täglich. Irgendwie hilft es mit Alltagssorgen klar zu kommen. Dieser leicht Depressive Vibe hat halt was.

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