Das Ende der Marschrutka

Eine neue Verordnung der städtischen Transportbehörde führt zum Lizenzentzug zahlreicher Fahrer und zu einer historischen Reform des Moskauer Straßenverkehrs. Es herrschen gemischte Gefühle.

Marschrutka

Abgeschafft: private Busse mit reichlich Werbung / Tino Künzel

Einfach mal so mitten auf der Straße die Hand rausgestreckt und schon hielt ein winziger, aberwitziger und vollkommen mit Werbung bedeckter Minibus geradezu genau vor den eigenen Füßen – eines der ältesten und markantesten Transportmittel Russlands funktionierte bis vor kurzem nach einem einfachen Prinzip.

Seit dem 15. August gilt nun ein neues Gesetz, das den Charakter der  Minibusfahrt grundlegend ändert. Zunächst gelten in den Marschrutkas die gleichen Zahlungsbedingungen wie in Bus und Metro: Neben den Einzelfahrscheinen können „Troikas“ benutzt werden. Der Einzelticketpreis erhöht sich außerdem von 40 auf 50 Rubel. Jegliche Werbung auf Minibussen ist von nun an verboten. Jede ungemeldete Marschrutka illegal.

Das Interessante an den teilweise recht engen Vehikeln war bis dato die für europäische Verhältnisse recht unübliche Zahlungsmethode. Ein paar Münzen an den Vordermann, und schon schlängelt sich das klingende Metall über ein Dutzend Hände an den Fahrer, der auch nicht wirklich nachzuzählen schien. Die schier endlosen Marschrutkas im Ameisenhaufen Moskau verkehrten meist geradewegs die Straße hinunter – die genauen Transportwege jedoch waren Langansässigen bekannt. Bis jetzt zumindest. Denn die Zeiten der guten alten Marschrutka sind nun vorüber. Die Reform soll laut „Mosgortrans“ effektivere Verkehrswege und eine gerechtere Bezahlung der Fahrer garantieren. Die unzähligen Minibusse wurden nach zahlreichen Unfällen in den letzten Jahren außerdem zu einer echten Gefahr für die ohnehin schon überladenen Straßen der Hauptstadt.

Die Reform sorgt für reichlich Verwirrung bei einigen Ur-Moskauern, die sich über Jahre hinweg viel zu sehr daran gewöhnten. Auf der „Mosgortrans“-Webseite gibt es unzählige Meldungen, täglich werden neue Transportrouten kreiert. „Ich wusste am Anfang gar nicht, was eigentlich vorgeht“, sagt Wiktor Chabusow. Der Werktätige fuhr jahrelang mit der Marschrutka von seiner Wohnung bis zur Metro. So sparte er 15 Minuten seiner knappen Zeit. „Ich bin einfach nur überrascht. Irgendwie gehört das doch zu Moskau dazu“, sagt Jewgenij Kolegow aus dem Bezirk Kunzewskaja melancholisch. So ganz unerwartet kam die Entscheidung jedoch nicht. Die Anzahl der Marschrutkas hatte sich seit April konstant verringert. 2015 gab es nur noch 500, im ersten Halbjahr 2016 unter 400. Nun gibt es nur noch 211 Marschutkas.

Nun wurde eine Hotline eingerichtet, über die illegale Minibusse gemeldet werden können. Diese bleibt an dieser Stelle jedoch verschwiegen. Aus Nostalgie.

Christopher Braemer

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