Kreuzfahrt für die Wissenschaft: Expedition zu russischen Arktisinseln

Sie haben der Arktis den Puls gefühlt: Ein internationales Forscherteam untersuchte im äußersten Norden Russlands die Auswirkungen des Klimawandels. Jetzt beginnt die Auswertung der Daten.

Flaggschiff der russischen Polarforschungsflotte: die Akademik Trjoschnikow (Jón Björgvinsson/Swiss Polar Institute)

Vier Wochen waren sie auf dem Eisbrecher Akademik Trjosсhnikow in abgelegenen Regionen der russischen Arktis unterwegs. Anfang September kehrten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen von der Expedition „Arctic Century“ in den Hafen von Murmansk zurück. Über ihre Forschungsfahrt haben sie nun in Moskau berichtet.

Die Expedition war ein Gemeinschaftsprojekt des Schweizerischen Polarinstituts (SPI), des russischen Arktis- und Antarktis-Forschungsinstituts (AARI) und des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung in Kiel. Forscher und Forscherinnen aller drei Einrichtungen gaben Mitte Oktober bei einer Veranstaltung in der Schweizer Botschaft Einblicke in ihre Mission. Sie hatten in der Kara- und Laptewsee sowie auf Franz-Josef-Land und Nowaja Semlja untersucht, wie sich der menschengemachte Klimawandel auf die eurasische Arktis auswirkt, die dafür besonders anfällig ist.

Temperaturanstieg dreimal so hoch

Heidemarie Kassens vom GEOMAR, wissenschaftliche Leiterin der Expedition, wies darauf hin, dass in der Arktis die durchschnittliche Temperatur dreimal so schnell steige wie im Rest der Welt. Das Eis gehe stark zurück, 75 Prozent des Eisvolumens seien bereits verloren. In 20 Jahren werde die Arktis im Sommer voraussichtlich eisfrei sein.

An „Arctic Century“ waren Forscher und Forscherinnen aus verschiedenen Disziplinen beteiligt. Sie sammelten an Land, auf dem Eis, in der Atmosphäre und im Ozean Proben und erhoben Daten, deren Auswertung nun beginnt. Dabei waren die Gebiete, in die sie kamen, nicht immer nur eisig. Gabriela Schaepman-Strub vom SPI nahm mit einem Team die Pflanzenwelt auf den kargen Inseln des Archipels Sewernaja Semlja unter die Lupe.

Forscher aus 17 Ländern

Die 59 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen an Bord des Forschungsschiffs kamen aus 17 Ländern. 30 von ihnen – Studierende, Doktoranden und frühe Postdocs – gehörten zum wissenschaftlichen Nachwuchs. Das sei ein echter Mehrwert für die Forschungsarbeit, wie Kassens betonte. „Es ist unsere Aufgabe, junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in unsere Arbeit einzubinden. Die Ausbildung der nächsten Generation ist wichtig, wenn man den Einfluss von globaler Erwärmung ernsthaft erforschen will.“

Die Klimaerwärmung könnten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Expedition nicht aufhalten, so Kassens. „Aber was wir tun können, ist, die Menschen zu informieren.“ Eine Prognose, wie der wissenschaftliche Diskurs über die Arktis in einigen Jahren aussehen werde, sei schwierig, sagte Schaepman-Strub. Klar sei, dass die Arktis sich in den kommenden Jahren verändern werde. Es müsse eine Diskussion geben zwischen indigenen Völkern, Wissenschaftlern und Regierungen, wo es am sinnvollsten sei, noch unversehrte Gebiete zu bewahren. „Am liebsten würden wir alles bewahren, aber das ist unrealistisch. Wir müssen uns die Frage stellen, welche Gebiete wir schützen wollen. Dafür brauchen wir eine wissenschaftliche Basis.“

Anna Finkenzeller

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