Krasnoturjinsk: durch Zwangsarbeit entstanden

Die Industriestadt Krasnoturjinsk im Nordural entstand unter Einsatz meist russlanddeutscher Zwangsarbeiter. Nach dem Krieg blieben viele von ihnen hier und der Ort wurde ihnen zur Heimat. Bis heute blüht hier deutsches Kulturleben.

Das Bogoslowsker Aluminiumwerk ist die Keimzelle der Stadt. (Foto: Jiří Hönes)

Von der anderen Seite der aufgestauten und noch gefrorenen Turja grüßt das Bogoslowsker Aluminiumwerk. Dampfwolken steigen in den sonnigen, doch noch kühlen Frühlingshimmel. Diesseits ragt ein graues Steinkreuz in die Höhe. Es mahnt an die Zwangsarbeiter, die beim Bau des Werks im Großen Vaterländischen Krieg unter menschenunwürdigen Bedingungen zum Einsatz kamen. Ein Großteil von ihnen waren Deutsche aus der Wolgagegend und aus der Ukraine. Rund ein Fünftel von ihnen hat die Schinderei nicht überlebt, so schätzen Historiker.

Wir sind in Krasnoturjinsk, einer Industriestadt im Nordural mit rund 55 000 Einwohnern, gut 400 Kilometer nördlich der Gebietshauptstadt Jekaterinburg. Die Entstehung der Stadt geht direkt auf das Aluminiumwerk zurück. Dass noch heute fast ein Zehntel der Einwohner Deutsche sind, ebenso. Rund 4500 sind es, wie Olga Smyschljajewa sagt. Sie ist Vorsitzende der Gesellschaft der Russlanddeutschen „Wiedergeburt“ und engagiert sich für die Pflege der deutschen Kultur in der Stadt.

Stadtgründung in Kriegszeiten

Gegründet wurde Krasnoturjinsk am 27. November 1944, mitten im Krieg. Zuvor hatte es hier lediglich die kleine Bergbausiedlung Turjinskije Rudniki gegeben. Den Namen haben sowohl die Stadt als auch die Vorgängersiedlung von dem Fluss Turja. Die Sozialisten gaben dem Namen noch den Zusatz „Krasno“ für rot. Schon im 18. Jahrhundert hatte es hier Kupferminen gegeben. Später kam der Abbau von Eisenerz und Gold hinzu. Im benachbarten Bogoslowsk, heute Karpinsk, entstand eine Kupferhütte.

Den Anstoß zum Bau des Aluminiumwerks und zur Gründung einer Stadt gab jedoch die Entdeckung von Bauxitlagerstätten in der Region im Jahr 1931. Es dauerte noch neun Jahre, bis der Entschluss gefasst wurde, das Erz direkt vor Ort zu verarbeiten. Dann kam der Krieg. Noch im Jahr 1941 wurden Ausrüstungen aus Aluminiumwerken in der Region Leningrad und in der Ukraine hierher evakuiert, um sie nicht den Truppen des faschistischen Deutschlands in die Hände fallen zu lassen. Im Jahr 1945 konnte das Bogoslowsker Aluminiumwerk, wie es bis heute heißt, seinen Betrieb aufnehmen.

Zwangsarbeiter bauten Stadt und Werk

Unter dem Namen Bogoslowlag wurde während des Kriegs in der Nähe ein Lager für Zwangsarbeiter eingerichtet. Sie sollten beim Bau des Werks sowie der Stadt helfen. Die Deutschen der Sowjetunion waren mittlerweile der Kollaboration mit dem Naziregime beschuldigt und nach Sibirien und Kasachs­tan deportiert worden. Über die Arbeitsarmee kamen sie auch nach Krasnoturjinsk.

Einer von ihnen war Iwan Weiss. Er wurde 1924 im wolgadeutschen Dorf Bettinger geboren und wurde als Jugendlicher im Herbst 1941 mit seiner und anderen Familien in das Gebiet Krasnojarsk in Sibirien deportiert. Im Jahr darauf wurde er zur Arbeitsarmee eingezogen und nach Krasnoturjinsk gebracht. Im Keller eines Gemüseladens hauste er, hinter Stacheldraht und unter den Augen von Wachhunden. Er wurde zunächst beim Bau des Aluminiumwerks sowie eines Kraftwerks eingesetzt. Im Winter 1943 versetzte man ihn zu einer Einheit, die Gebäude in der entstehenden Stadt baute. Mit Ratten und Ungeziefer lebten die Zwangsarbeiter in kalten Baracken. Das Glück von Iwan Weiss war es, dass er 1944 in eine Einheit versetzt wurde, die sich mit Vermessungsarbeiten befasste.

Ein Denkmal für die Opfer

Wie viele der deutschen Zwangsarbeiter blieb er nach dem Krieg in Krasnoturjinsk und gründete hier eine Familie. Nach dem Ende der Sowjetunion schloss er sich mit anderen zur Gesellschaft der Russlanddeutschen „Wiedergeburt“ zusammen, die Teil der Föderalen Nationalen Kulturautonomie der Russlanddeutschen (FNKA) wurde. Das Schicksal der Zwangsarbeiter im Bogoslowlag wurde zur Berufung von Iwan Weiss und er machte sich daran, ihre Geschichte zu erforschen. Acht Jahre forschte er in Archiven, sein Buch nennt die Namen von 3462 Menschen, die die Einsätze in der Arbeitsarmee nicht überlebt haben.

Doch das sichtbarste Werk des Mannes ist das Denkmalkreuz gegenüber dem Aluminiumwerk, dessen Errichtung er zusammen mit Alexander Eisenach vorantrieb. Der war der erste Vorsitzende der Gesellschaft „Wiedergeburt“. Nach dessen Tod übernahm Iwan Weiss dieses Amt. Er starb im vergangenen Jahr im stolzen Alter von 97 Jahren.

Die deutsche Kultur lebt

Und heute steht Olga Smy­schljajewa der Vereinigung vor. Sie berichtet von den vielfältigen kulturellen Aktivitäten. Zusammen mit der Gründung der Gemeinschaft wurde der Deutsche-Liederchor „Hoffnung“ ins Leben gerufen – und er existiert bis heute. „Die Leiter haben im Lauf der Jahre gewechselt, aber die Liebe zum deutschen Lied, zur deutschen Kultur und die Treue zu den deutschnationalen Traditionen sind unverändert geblieben“, schwärmt Olga Smyschljajewa.

Gedenken an die Opfer der Arbeitsarmee. In der Mitte in schwarz: Iwan Weiss (Foto: Wiedergeburt)

Das Ensemble nimmt an allerlei Festen im Stadtleben und darüber hinaus teil. So gewannen sie beim 6. regionalen Festival der Sänger und Interpreten „Klänge der Volksmusik“ in Werchnjaja Pyschma den Preis „Für die Treue zu nationalen Traditionen“. Ein Höhepunkt des Jahres in der Stadt ist stets das Fest „Multinationales Krasnoturjinsk“, bei dem Vertreter aller hier lebenden Volksgruppen mit Musik und traditioneller Küche vertreten sind.

Auf den Spuren der Geschichte

Für Schüler hat die „Wiedergeburt“ zudem einen Gedichtrezitationswettbewerb „Auf den Wogen der deutschen Poesie“ ins Leben gerufen und die Kinder der Stadt nehmen regelmäßig am gesamtrussischen Deutschwettbewerb „Tolles Diktat“ teil.

Außerdem, so erzählt Olga Smyschljajewa, widmet sich die Vereinigung der Erforschung der Geschichte der Russlanddeutschen in der Region. „Da geht es meist um Familiengeschichten sowie Biografien berühmter Menschen unserer Stadt. Die Projekte werden von Studenten auf verschiedenen wissenschaftlichen Konferenzen präsentiert.“

Man sieht, die Menschen sind hier heimisch geworden, auch wenn sie nicht freiwillig in den Norden des Urals gekommen sind. „Russlanddeutsche sind Kinder von zwei Kulturen. Trotz ihres langen Aufenthalts in einem anderen Kulturkreis haben sie viele nationale Merkmale beibehalten“, sagt Olga Smyschljajewa. „Wir hoffen, dass wir auch weiterhin die deutsche Kultur als Teil der Kultur unserer multikulturellen Stadt unterstützen können.“

Jiří Hönes

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