Kleine Regelkunde für den Siegestag

Es gibt gerade für Deutsche keinen besseren Tag, sich in Russland aufzuhalten, als den 9. Mai. Man sollte allerdings einige Regeln befolgen.

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Oberstes Gebot für Ausländer ist es, sich am 9. Mai unters Volk zu mischen. Wenn Sie diesen Tag in Russland verbringen, dann gehen Sie raus, besuchen Sie die Festveranstaltungen und schauen Sie den Einheimischen beim Feiern zu! Das kann sehr lehrreich sein, hört man doch in Deutschland oft genug, der Siegestag sei mit militaristischen Stimmungen aufgeladen, es würden neue Feindseligkeiten geschürt.

Doch gerade wer sich als Deutscher zu erkennen gibt oder erkannt wird, erlebt ganz andere Reaktionen. Die Russen feiern ihren Sieg und gedenken der Opfer, doch von Hass- und Rachegefühlen sind sie weit entfernt. Seien Sie darauf gefasst, dass man Sie herzlich einlädt, mit Ihnen Freundschaft schließen und mit Ihnen darauf anstoßen möchte, dass die Schrecken des Weltkrieges für immer der Vergangenheit angehören mögen. Ihren Gastgebern wird es ein Bedürfnis sein, zum Ausdruck zu bringen, wie sehr man die Deutschen schätzt und dass man doch gut miteinander auskommen sollte.

Und für alle Fälle: Ja, in Russland gibt es Witzbolde, die es lustig finden, wenn sie in sozialen Netzwerken oder auf ihre Autos schreiben, man könne den Vormarsch auf Berlin bei Bedarf gern „wiederholen“. Aber sie bekommen in der Regel ihr Fett von den eigenen Leuten weg.

Der Moskauer Siegespark ist einer der zentralen Veranstaltungsorte am 9. Mai. © Tino Künzel

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Die große Siegestagsparade um 10 Uhr auf dem Roten Platz wird am besten vor dem Fernseher verfolgt. Es ist nämlich eine geschlossene Veranstaltung, zu der nur geladene Gäste Zutritt haben. Das gilt allerdings nur für Moskau. Wenn Waffentechnik ohnehin nicht Ihr Fall ist, dann können Sie sich gleich auf den Gedenkmarsch „Unsterbliches Regiment“ konzentrieren, bei dem die Russen Schilder durch die Straßen tragen, die Angehörige zeigen, die im Krieg gekämpft oder im Hinterland ihren Mann gestanden haben. In Moskau beginnt der Marsch um 15 Uhr (und wird ebenfalls live im Fernsehen übertragen), anderswo meist schon am Vormittag, sobald  die Moskauer Parade vorbei ist.

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Die besten Adressen für den Rest des Tages sind die Moskauer Parks, speziell der Siegespark, aber auch Sokolniki oder der Gorki-Park. Tun Sie es den Einheimischen gleich und freuen Sie sich des Lebens – an einem Tag, der symbolisch auch dafür steht, dass keiner mehr in den sicheren Tod geschickt werden musste.

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Lassen Sie alles stehen und liegen, wenn irgendwo „Den Pobedy“ (Siegestag) gespielt wird, das bittersüße Lied zum Fest. Wenigstens einmal sollten Sie dem Refrain andächtig gelauscht haben: „Dieser Siegestag riecht nach Pulverrauch. Er ist ein Festtag der ergrauten Schläfen. Er ist Freude mit Tränen in den Augen. Den Pobedy!“

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Das Festtagsfeuerwerk steigt um 22 Uhr an verschiedenen Stellen in Moskau. Den besten Blick hat man von den Sperlingsbergen, vom Siegespark und vom Park Sarjadje aus.

Tino Künzel

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