
Die Ersetzung des Gulag-Museums durch das Museum der Erinnerung hat eine Vorgeschichte. Am 14. November 2024 wurde das Museum der Geschichte des Gulag auf unbestimmte Zeit für Besucher geschlossen. Dies geschah auf Beschluss des Zentrums für Bauexpertise, dessen Fachleute bei der Besichtigung des Gebäudes Verstöße gegen den Brandschutz festgestellt hatten.
Am 13. Januar 2025 gab die Moskauer Kulturbehörde die Entlassung des Direktors des Gulag-Museums, Roman Romanow, bekannt. Er leitete das Museum seit 2012. Eine Woche nach Romanows Entlassung versuchte der Vorsitzende des Menschenrechtsrats beim russischen Präsidenten, Waleri Fadejew, die Öffentlichkeit zu beruhigen: „Ich habe mit der Moskauer Führung gesprochen. Es gibt keine Pläne, das Museum zu schließen.“
Doch in der Folge blieben positive Signale aus. Im Gegenteil: Im Dezember 2025 wurde Romanow per Präsidialerlass aus dem Menschenrechtsrat ausgeschlossen, dessen Mitglied er seit 2018 gewesen war.
Den Schlusspunkt in dieser Geschichte setzte der 20. Februar 2026. Auf der Webseite des Gulag-Museums erschien eine kurze Mitteilung: „In Moskau wird ein Museum der Erinnerung eröffnet. Es wird dem Gedenken an die Opfer des Genozids am sowjetischen Volk gewidmet sein. Die Ausstellung wird alle Etappen der Kriegsverbrechen der Nazis während des Großen Vaterländischen Krieges umfassen.“
Auf der Webseite des Moskauer Bürgermeisters finden sich detailliertere Angaben: „Die Besucher des Museums erfahren von Erscheinungsformen des Nationalsozialismus, von Tests biologischer Waffen an sowjetischen Bürgern, durchgeführt von den Japanern, von der Befreiungsmission der Roten Armee, von Prozessen gegen nazistische Verbrecher, vom Projekt ‚Ohne Verjährungsfrist‘.“ Genannt wird auch die Adresse des neuen Museums: 1. Samotetschnyj-Gasse, Haus 9, Gebäude 1. Das bedeutet: Die neue Ausstellung wird im Gebäude des ehemaligen Gulag-Museums untergebracht.

Das Thema der intensiven Erforschung der Verbrechen der Nazis an sowjetischen Bürgern ist derzeit allgegenwärtig. Und kein Historiker, kein Experte und auch kein einfacher Bürger hat etwas dagegen, Dokumente und Zeugnisse im Rahmen eines modernen, großen Museums zusammenzutragen. In Moskau sollte zweifellos Platz für eine derartige Ausstellung sein. Doch die „Museums-Rochade“ wirft Fragen auf und provoziert Protest – und das keineswegs nur bei Liberalen. So brachte der keineswegs oppositionelle Publizist Jewgeni Norin das zum Ausdruck, was viele sagen würden – und sagen: „Ich halte die Idee, anstelle des Gulag-Museums und an dessen Standort ein Museum des Genozids am sowjetischen Volk zu errichten, für zutiefst verfehlt. Der nazistische Genozid ist real. Doch der Gulag war nicht weniger real und stellte tatsächlich ein massenhaftes Schlachten von Menschen dar. Von sowjetischen Bürgern, wohlgemerkt. Ein sorgsamer Umgang mit der eigenen Geschichte ist für uns nicht deshalb nötig, um auf irgendeiner hypothetischen Leistungsschau zivilisierter Nationen gut dazustehen. Dies ist Teil unserer Geschichte, in der es unter anderem auch düstere Abgründe des Leidens gab. Nicht ‚Liberale‘ haben die 111.000 Todesurteile wegen Spionage zugunsten Polens erfunden. Nicht Soros hat die 681.000 Erschießungsurteile für die Jahre 1937 bis 1938 erfunden. Das sind unsere Toten, und ihr Andenken ist nicht weniger würdig als das der von den Nazis Ermordeten.“
Igor Beresin


