Immer wieder ruft die zweite Heimat

Der frühere WRD-Hörfunkkorrespondent Hermann Krause hat bewegte Zeiten in Moskau miterlebt. Jetzt ist neuer Leiter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in der Russischen Föderation.

Dem Mann ist das Lächeln nicht aus dem Gesicht zu kriegen. Offen und ehrlich, anziehend und erwärmend statt eingefroren und anbiedernd. Auch wenn er bei manchem, was er zu sagen hat, nicht gerade viel Erheiterndes zum Besten geben kann. Das mag ihm auch bei seinem lebenslangen beruflichen Tun die Türen zu Hirn und Herz seiner jeweiligen Gegenüber ein gut Stück leichter geöffnet haben. Hermann Krause ist Journalist. Unbändige Neugier und unstillbare Lust, Dingen auf den Grund zu gehen, liegen in der Natur eines leidenschaftlichen Journalisten. Und das hat er im Blut. Woher auch immer. Denn sein Vater war Maurer, in Duisburg, in der Industrie, jeden Werktag ab 5 Uhr morgens, klaglos sein Arbeitsleben lang. Seine Mutter war Hausfrau, half ihm in Deutsch, denn Schreiben war ihm eine Freude: „Man hatte wenig, aber eine gute Ausbildung, die sollte sein, das alles hat mich geprägt“, resümiert er seine anerzogene Grundeinstellung in der einst harten Ruhrpott-Umgebung aus Kohle, Eisen und Stahl.

Der heute 66-Jährige schaffte es schließlich bis zum diplomierten Wirtschaftler. Allerdings beschied sein Professor an der Universität Köln über den Stil seiner Diplom-Arbeit: „Der ist zu journalistisch.“ Damit fiel der Startschuss für seine wahrhaftige Berufung. Eine regionale Zeitung heuerte den Hochschulstudierten tatsächlich als Volontär an.

Hermann Krause, WDR-Hörfunkkorrespondent, 1989 vor dem einst größten Hotel der Welt © WDR

Wenig später suchte der WDR, der Westdeutsche Rundfunk, die ARD-Sendeanstalt in Köln, zwei Hörfunk-Redakteure. Schnell mischte er sich unter die 850 Bewerber – und wurde einer der beiden Auserwählten. 1986 schickte ihn der damalige WDR-Chefredakteur Dieter Thoma dann als Reporter nach Moskau. Beruflich wie privat eine weitere glückliche Fügung in seinem Leben, die bis in diese Tage seine An- und Einsichten über Russland und seine Russen nachhaltig geprägt hat: „Gorbatschow läutete gerade die ‚Perestroika‘ ein, die Leute wollten Freiheit, weg von der kommunistischen Parteiführung, es herrschte Knappheit in allen Geschäften, aber eingeladen bei Russen bogen sich die Tische, in Restaurants wurde jeden Abend wie verrückt gefeiert, irgendwie ein Leben wie auf dem Vulkan“, schwelgt er in seinen ersten, spannenden Erinnerungen.

Weltgeschichte hautnah

1991 dann der Putsch: „Da begann die journalistisch wohl interessanteste Zeit meines Lebens.“ Die sich überschlagenden Ereignisse in den Zeiten von Gorbatschows Entmachtung, der wilden Straßenszenen im Zentrum von Moskau, des vereitelten Sturms auf das „Weiße Haus“ und dann das Ende der Sowjetunion: „Wir arbeiteten oft so gut wie rund um die Uhr, sendeten selbst mit Blick aus unserem Küchenfenster am Kutusowskij Prospekt.“

1994 zurück in die Kölner Zentrale. Aber dann erging 2002 wieder der Ruf in die russische Hauptstadt zu einer journalistisch mindestens so aufregenden wie persönlich oft so verstörenden Lebensphase: die orangefarbene Revolution in der Ukraine, der Umsturz in Georgien, die verheerend endenden Geiselnahmen im Moskauer Dubrowka-Theater und in Beslan. Nach gut sechs Jahren nahm diese zweite Korrespondentenzeit in Moskau ein Ende, bis nur drei Jahre später die dritte folgte.

Inzwischen ist Hermann Krause Leiter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in der Russischen Föderation. Und das kam so: Wenige Monate vor seiner staatlich verordneten Pensionierung als angestellter WDR-Reporter Anfang 2019 erreichte ihn ein Anruf aus der Zentrale der Organisation: Ob er denn jemanden wisse, der für diese soziale Verantwortung geeignet und willig sei. Da fackelte er keine Sekunde und bekannte: „Ich.“ Ein Glücksfall. Denn er wollte unbedingt bleiben, weiter hier aktiv sein. Aber als freier Journalist zu schwer, sagt er, Russland-Bücher schreiben, nein, da gebe es schon zu viele und da sitze man zu lange still. So arbeitet er sich seit März dieses Jahres lieber immer tiefer ein in die lange vergangenen, tragischen Geschichtsereignisse, verschlingt zahllose bewegende Dokumente und Bücher, taucht ein in tausende Meter Film aus der Zeit.

Verstehen lehren statt Vergessen

Und er ist mehr denn je auf Tour. Nur gut, dass er sich seit Jahrzehnten mit regelmäßig Karate – er ist mehrfacher Danträger – und Joggen auch körperlich topfit hält. Weit über 70 Jahre nach den tragischen Kriegsereignissen gibt die Erde der schrecklichen Schlachtfelder, wie zum Beispiel um Wolgograd, damals Stalingrad, oder im Gebiet um das ehemalige Leningrad immer noch die Gebeine unzähliger Gefallener beider Völker frei. Stumme Zeugen noch heute lebendiger Schicksale, vor allem der hinterbliebenen Familien. Das berührt und beschäftigt ihn. Da reizt es ihn, den Journalisten, natürlich, darüber zu berichten, die Erinnerung wachzuhalten, Verstehen zu lehren statt Vergessen.

Aber heute geht es ihm eher darum, Verwandte, meist schon einer nächsten Generation, ausfindig zu machen, sie einzuladen, sie bei der letztendlichen Bestattung auf einem der Soldatenfriedhöfe, die der Volksbund seit 1990 im Lande unterhalten darf, zu begleiten und zu betreuen. Die sterblichen Überreste gefallener russischer Soldaten werden der entsprechenden nationalen Partner-Organisation „Wojennyje Memorialy“ übergeben. Sei es auch in Kursk oder Kaliningrad: „Alle diese riesigen Ruhestätten haben gemeinsam, dass sie uns mahnen, was Krieg bedeutet“, erklärt Hermann Krause die große Aufgabe.

Ein Leben zwischen Ost und West

Wenn er im persönlichen Gespräch so richtig in Fahrt kommt, kommt er sich ganz offenbar vor, als sei er immer noch der wieselige Reporter, als habe er wieder sein Live- Übertragungsmikrofon vor den Lippen und imaginär vor seinen Augen abertausende gespannte Zuhörer. Er reportiert ohne Punkt und Komma, klar, flüssig und überzeugend. Er intoniert seine Worte und Sätze in einer eindringlichen Sprachmelodie und einem lebhaften Rhythmus.

Hermann Krause im „O-Ton“ auf die Frage nach seinen russischen Sprachkenntnissen nach so vielen Jahren des Hin und Her zwischen den Welten: „Wenn ich Russisch sprechen kann, bin ich gleich glücklich, habe mich ins Russische verliebt, trotz der vielen Fehler, die ich immer noch mache.“ Denn gelernt habe er es nur auf der Straße, im Taxi, bei Freunden: „Als ich zum ersten Mal hierher kam, konnte ich kein Wort, habe mir aber einen Zettel mit den Worten gemacht ‚Moskau ist eine schöne Stadt‘ und ‚Ich komme aus Deutschland und bin gerne in Moskau‘, das habe ich dann dem Taxifahrer vorgelesen, die meisten haben dann den Kopf geschüttelt und losgeschimpft“, lacht er.

Ein freiwillig Getriebener

Das hochgeachtete Standardwerk des deutschen Journalisten und Hochschullehrers Klaus Mehnert „Der Sowjetmensch“ sei der Grundstein seiner Liebe zu Russland gewesen, bekennt Hermann Krause. „In jedem Russen steckt so eine Form von Anarchie, die wir Deutschen nicht kennen, ein gewisses Freiheitsdenken und die Fähigkeit, zu improvisieren, denn alles funktioniert, aber nicht immer so, wie wir es uns vorstellen“, fährt er fort. Dann versucht er sich gar in einer Interpretation der unergründlichen „russischen Seele“: „Ein Gefühl, große Emotionen, tiefes Vertrauen und immer ein Stückchen Geheimnis.“ Um ein wenig dahinterzukommen, brauche es viel Geduld und viel Verständnis.

Hermann Krause ist ein freiwillig Getriebener. Nichts mehr zu tun, schon die reine Vorstellung, die ist ihm ein Gräuel. Der Soldatentod ist zu seiner neuen Lebensaufgabe geworden. So kann er weiter Brücken schlagen. In einer Umgebung, die ihm ans Herz gewachsen ist. Nur gut, dass seine Frau Monika, eine ehemalige WDR-Hörfunkkollegin, ganz genauso liebt wie er: Russland. Sie haben 1992 in Moskau geheiratet und ein Jahr später einen russischen Waisenjungen adoptiert, der heute in Köln studiert. „Wir sind längst in beiden Welten zuhause, in Deutschland und in Russland.“ Und in West wie Ost, wo sie auch gerade sind, glücklich. Das soll auch noch Jahrzehnte so bleiben, schmunzelt Hermann Krause hoffnungsfroh.

Frank Ebbecke

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