Hitparade der Nationalhymnen bei der WM: Frankreich vor Russland

Mit Pauken und Trompeten auf den Rasen: Ehe bei der WM die Spiele angepfiffen werden, geht ein Motivationskünstler der besonderen Art ans Werk. Es erklingen die Nationalhymnen der jeweiligen Gegner. 16 der 32 Mannschaften sind noch im Turnier, bei dem heute die Achtelfinals beginnen. Der deutsche Opernkritiker Manuel Brug hat seine Favoriten sortiert.

Hier spielt die Musik: Vor dem WM-Spiel von Gastgeber Russland gegen Ägypten haben die Mannschaften im St. Petersburger Stadion Aufstellung genommen, um die Hymnen zu singen. © RIA Novosti

1. Frankreich

Schmetterschön, Mutter aller Nationalhymnen, deshalb mit Namen. „La Marseillaise“ wurde in seltener Personalunion von Claude Joseph Rouget de Lisle in der Nacht auf den 26. April 1792 während der Kriegserklärung an Österreich in Straßburg verfasst. Seit dem 14. Juli 1795 ist sie die symbolträchtigste, am stärksten rezipierte Hymne, bis hin zu „Casablanca“ und den „Beatles“. Mittendrin rhythmisch schwierig, ab „Aux armes, citoyens“ sind alle wieder unisono. www.youtube.com/watch?v=llJwuXioK9A

2. Russland

Toll! Dunkel, mollverliebt, pathetisch. Sofort identifizierbar. Dem Land angemessen. Modulationen betonen den Monumentalcharakter der bärigen Nation. Slawische Seele glänzt stolz. „Ein weiter Raum für Träume und Leben“ wird poetisch imaginiert. 1944 von Stalin statt der „Internationale“ bestellt, zwischendurch außer Dienst, seit 2000 wieder in Betrieb. Text oft geändert, von Village People wie Pet Shop Boys für „Go West“ ausgeschlachtet. www.youtube.com/watch?v=dSbph7U5gVw

3. Vereinigtes Königreich

Trommelwirbel, Instrumentalblechvorspiel und flott los. Erhebend, majestätisch eben, mit kirchlichem Glanz, seit ca. 1800. Nobel und feierlich, happy & glorious. Dabei weiß man nicht, von wem. Aber keineswegs ist die Melodie von Lully, mit der laut Erinnerung einer Marquise de Créquy die Genesung Ludwigs XIV. von einer Analfistel gepriesen wurde. Muss leider bald wieder „God save the King“ heißen. www.youtube.com/watch?v=crYEEf3g3us

4. Mexiko

Endlich mal Piccoloflöte! Aus vollem Halse gesungen, Gleichschritt wechselt mit tänzerisch rhythmisierten Sektionen. Klasse 19. Jahrhundertpomp, sehr stadiontauglich. Mit Latino-Touch. „Mexikaner, beim Ruf zur Schlacht“ ist Freiheitskampf pur. Ergebnis eines Wettbewerbs, seit den Unabhängigkeitsfeiern 1854 in Gebrauch. Dichter Francisco González Bocanegra war extra von seiner Verlobten zum Schreiben eingesperrt worden. www.youtube.com/watch?v=2GT1MPd0LWM

5. Belgien

Es gibt sogar eine offizielle deutsche Textfassung der schönen, von einem Trompetensignal eingeleiteten Brabançonne alias Lied von Brabant. Das wurde kurz nach der durch die Oper „Die Stumme von Portici“ ausgelösten Revolution von 1830 von einem Franzosen gedichtet, hat aber kurioserweise bis heute keinen offiziellen Status. Debussy hat es in einem Klavierstück zitiert. www.youtube.com/watch?v=J1qZ9tMosOM

6. Brasilien

Herrlich tanzbares Operettengelärme, obwohl durchaus martialisch Schlachtlärm beschworen wird. Was nicht wundert: Geschrieben hat es als Akt melodischen Überläufertums der kaiserliche Hofkomponist zur Feier der Absetzung von Pedro I. Der jetzige Text ist aus dem Jahr 1909. Stark plagiatsverdächtig, soll bei Paganini geklaut sein. www.youtube.com/watch?v=AV_ZwQ19MoY (Wenn Sie sehen wollen, wie inbrünstig eine Nationalhymne mitgesungen werden kann – der Text setzt ab 0:32 ein und irgendwann hört sogar die Musik auf, aber dann wird es noch leidenschaftlicher.)

7. Kolumbien

Alles passt schulmäßig, perfekt designte Streberhymne des 19. Jahrhunderts. Melodisch, aber schmissig, im Verdi-Schunkelgang. Kein Wunder, wurde vom italienischen Gastarbeiter Oreste Sindici komponiert. Staatstragender Text: Rafael Núñez hat die Verfassung mitgestaltet. Seit 1920 ist sie offiziell, um 6 und 18 Uhr muss sie im Radio gespielt werden, aber nur eine von elf Strophen. www.youtube.com/watch?v=_JcezV3JkHw

8. Japan

Mollschwer, getragen, von Streichern untermalt. Ohne Höhepunkt oder Wechsel. Minimalismus pur. Das achtzeilige anonyme Kurzgedicht wurde 905 veröffentlich. Rekord! Total zeitlos: Steinchen, Felsen, Moos. Mehr Zen geht nicht! Ein lyrisch beschlagener Armeeminister suchte den Text aus. 1880 entstand die Melodie, der preußische Militärmusiker Franz Eckert instrumentierte! Erst seit 1999 ist „Kimi Ga Yo“ Staatshymne. www.youtube.com/watch?v=TrGMc8cPaTE

9. Argentinien

Nein, es ist nicht „Don’t cry for me Argentina“! Kleinteilig von Vicente López y Planes gedichtet und von Blas Parera komponiert. Da wechseln sich Marsch, Tanz und getragene Schwere ab. Langatmig. Aber immerhin seit der Unabhängigkeit 1813 fehlerfrei im Dienst. Deshalb ist viel von „Freiheit“ und „gesprengten Ketten“ die Rede. Könnte mehr Latino-Geist atmen. www.youtube.com/watch?v=FvDdbanB1oc

10. Schweiz

Zurückhaltend, getragen, einprägsam. Der lustigste Text: „Wenn der Alpenfirn sich rötet, betet, freie Schweizer, betet!“ Diente schon Christoph Marthaler als Theatervorlage. Der Schweizerpsalm wurde 1841 von einem Zisterziensermönch auf einen Messegesang gelegt. Sogar in den kirchlichen Gesangbüchern zu finden. Umstritten. Wann gibt’s darüber die nächste Volksabstimmung? www.youtube.com/watch?v=870ti4OalNo

11. Kroatien

Schwerblütig, einförmig und orthodox. Der oftmals geänderte Text des patriotischen Dichters Antun Mihanović ist von 1835. Schon unter den Österreichern fast offiziell, sangen sie im Zweiten Weltkrieg faschistische Ustascha wie kommunistische Partisanen. 1972 Hymne der Sozialistischen Republik Kroatien, auch nach der Unabhängigkeitserklärung 1991 weiter im Dienst. www.youtube.com/watch?v=cLabFozEZek

12. Uruguay

Noch ein bluttriefendes Unabhängigkeitskriegsstück von 1848. Texter Francisco Acuña de Figueroa hat, schon warmgelaufen („Heimatland oder Grab“), in ähnlicher Manier gleich die Hymne von Paraguay („Republik oder Tod“) gedichtet. Die Musik ist eine surreal potpourrihafte Aneinanderreihung von Melodiefetzen. Könnte fast vom argentinischen Komponieranarchisten Maurizio Kagel sein. www.youtube.com/watch?v=7pAUeWU96Y4

13. Schweden

Solide, brav, zurückhaltend, kaum Überwältigungspotential. Die kirchlich klingende Melodie stammt aus einem alten Volkslied aus Västmanland. Richard Dybeck, Altertumsforscher und Ethnologe, schrieb 1844 den Text. Erste öffentliche Aufführung bei einer „Abendunterhaltung mit skandinavischer Volksmusik“. Nie offiziell geworden. www.youtube.com/watch?v=kOZ0WZG9kW0

14. Spanien

Der „Marcha Real“ ist erstmals 1761 nachgewiesen, Komponist unbekannt, offiziell textlos. Eine der ältesten Hymnen, aber trotzdem enttäuschend. Von einer so pathosstarken Nation hätte man mehr Lametta und Tamtam erwartet. Angeblich von Friedrich dem Großen komponiert, kommt uns wenig spanisch vor. Hätte man mal George Bizet gefragt … www.youtube.com/watch?v=QcXAy06hfok

15. Dänemark

Sanft, lächelnd, aber platt, so wie die Gegend. „Der er et yndigt land“ – „Es gibt ein liebliches Land“. Man könnte es langweilig nennen. Der Text wurde 1819 vom romantischen Nationaldichter Adam Oehlenschläger geschrieben, 1938 kamen die choralartigen Töne hinzu. Nichts zum rhythmisch festhalten oder mithüpfen, dödelt höhepunktlos dahin. Darauf einen Aquavit. www.youtube.com/watch?v=hZJSaPilt9A

16. Portugal

„A Portuguesa“ ruft zum Kampf und ist auch musikalisch peripher, versucht alle möglichen Stile, trifft nix. Sofort vergessen. Leider, wir müssen es zugeben, komponiert von Alfredo Keil, dessen Vater ein deutscher Schneider am königlichen Hofe in Lissabon und dessen Mutter Elsässerin war. Seit 1919 in Verwendung – und offenbar nichts Besseres in Sicht. www.youtube.com/watch?v=X17uFL-6oo0

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