USA und Russland: Grenze, Fische, Streit

Die Linie des Verrats: So nennen russische Hochseefischer die unvorteilhafte Demarkationslinie, die 1990 zwischen Russland und Amerika ausgehandelt wurde. Nun will Moskau das ungeliebte Abkommen auf Eis legen. Doch Experten melden Zweifel an.

Eisig aber reich an Fisch und Bodenschätzen: die Beringsee zwischen Russland und Alaska. (Foto: Loren Holmes/ADN Archives)

Nach und nach treffen die ersten Fangmeldungen ein und die Trawler vor der Pazifikküste geben ihre Standorte durch: Der 12. Juni 1990 begann im sowjetischen Fischereiministerium mit der üblichen Routine. Die Beamten erwarteten einen gewöhnlichen Arbeitstag, nichts deutete auf eine Überraschung hin. Doch dann flatterte eine Mitteilung des Außenministeriums ins Haus – und die Staatsdiener gerieten in helle Aufregung: Innerhalb von nur drei Tagen seien sämtliche Schiffe aus den besonders ertragreichen Fischgründen in der Beringsee zurückzurufen. Über 40 Trawler und Kutter mussten die angestammten Fanggebiete zwischen der sowjetischen Pazifikküste und Alaska verlassen – und zwar für immer. Denn in dem eisigen Gewässer gelte ab sofort ein neuer Grenzverlauf mit den USA, informierte das Papier lapidar. Die Beamten waren geschockt.

Abstrakte Koordinaten und keine Karteneinträge

Wie kam es zu der neuen Grenzlinie, die nicht nur die sowjetischen Hochseefischer völlig überraschte? Die Suche nach einer Antwort führt zurück in die späten Jahre der Perestrojka. Damals beendete der sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse per Unterschrift einen Dauerstreit mit den USA, welcher bereits seit dem 19. Jahrhundert schwelte. Angefangen hatte alles im Jahr 1867.

Damals verkaufte Zar Alexander II. die russische Kolonie Alaska an die Vereinigten Staaten. Durch den Deal wurde die Festlegung eines genauen Grenzverlaufs im Beringmeer notwendig. Beide Länder einigten sich auf eine Linie abstrakter geographischer Koordinaten. Sie versäumten es aber, diese auf Karten zu fixieren. Daher kam es anschließend zu unterschiedlichen Auffassungen über den konkreten Grenzverlauf.

In den 1970er Jahren nahm die Diskussion wieder an Fahrt auf. Zu dieser Zeit führten die meisten Küstenstaaten 200-Meilen-Zonen ein, innerhalb derer sie allein zu Fischfang und dem Abbau von Bodenschätzen berechtigt waren. Im Beringmeer, das an seinen engsten Stellen nur rund 80 Kilometer breit ist, überschnitten sich die amerikanische und sowjetische Zone jedoch über mehr als 1000 Kilometer. Erneut stellte sich die Frage nach dem Grenzverlauf. Die Supermächte nahmen Verhandlungen auf und schließlich überließ die Sowjetion für Kompensationen Amerika ein mehrere tausend Quadratkilometer großes Meeresgebiet zum Fischfang. Die unterschiedlichen Auffassungen der Linie von 1867 konnten jedoch nicht ausgeräumt werde. Die USA und die Sowjetunion verhandelten über die Zugehörigkeit von rund 18 000 Quadratkilometern Meeresgebiet.

Vor allem die USA profitierten vom Abkommen

Vor diesem Hintergrund regelten der sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse und sein amerikanischer Amtskollege James Baker am 1. Juni 1990 ziemlich überraschend die verzwickte Grenzfrage. Der Schewardnadse-Baker-Vertrag teilte die umstrittenen Gebiete durch innovative Sonderregelungen auf, wich aber zuungunsten Moskaus von einer mittleren Linie ab. Davon profitierte vor allem Washington, welches Meeresgebiete einer Fläche von rund 31 000 Quadratkilometern sowie einen Teil des an Bodenschätzen reichen Kontinentalschelfs erhielt.

Die Linie des Verrats: So nennen russische Hochseefischer die unvorteilhafte Demarkationslinie, die 1990 zwischen Russland und Amerika ausgehandelt wurde. Nun will Moskau das ungeliebte Abkommen auf Eis legen. Doch Experten melden Zweifel an.
Die Seegrenze zwischen Russland und den USA. (Foto: MDZ-Montage)

Im postsowjetischen Russland ist der unvorteilhafte Vertrag bis heute ein Aufreger. „Faktisch haben die früheren Sowjetführer Territorien des eigenen Staates für ein Lächeln und ein Schulterklopfen weggegeben“, urteilte jüngst der konservative Historiker Anatolij Koschkin in der Zeitschrift Magazins „Istorik“. Bis heute hat die Duma das Abkommen nicht ratifiziert. Im Jahr 2003 bezifferte der russische Rechnungshof die Verluste durch die verlorenen Fänge im Beringmeer auf eine Summe von über zwei Milliarden Dollar.

In den vergangenen Jahren forderten Fischer, Politiker und Beamte aus Russlands Fernem Osten immer wieder eine Aussetzung des verhassten Vertrages. In der Praxis erfüllte Moskau die Bedingungen des Vertrages jedoch stets vorbildlich. Bis jetzt. Denn zum 30. Jahrestag des Schewardnadse-Baker-Abkommens rufen auch hochrangige Staatsvertreter nach einem Ende der Regelung.

Bisher vermied Russland den offenen Grenzkonflikt

Man lasse sich nicht weiter herumschubsen, erklärte beispielsweise Walentina Matwijenko, die Vorsitzende des Föderationsrates. „Wie lange soll man denn so eine Behandlung Russlands noch herunterschlucken?“, so die Politikerin in einer Stellungnahme Ende Januar. Zuvor hatten mehrere Arbeitsgruppen des Rates und Vertreter von Außenministerium und Geheimdienst hinter verschlossenen Türen über die weitere Zukunft des Abkommens beraten, meldete die Nachrichtenagentur Eurasia Daily.

Wie weit Russland gehen will, muss sich nun zeigen. In der Vergangenheit ruderte Moskau nach ähnlichen Zuspitzungen stets zurück und vermied einen offenen Grenzkonflikt mit den USA. Seerechtsexperte Anatolij Kusnjetzow hält allerdings ein Gesetz für möglich, das eine Ratifizierung des 28 Jahre alten Vertrages endgültig untersagen könnte. In diesem Fall müsse sich Moskau auf einen Nervenkrieg im Beringmeer einstellen, prognostiziert der Redakteur der Internetseite „Russische Meeresnachrichten“. „Jegliche Versuche, ein von den U.S. ratifiziertes Abkommen zu revidieren, bedürfen einer gewissen militärischen Unterstützung“. So bräuchten Kutter in den beanspruchten Gebieten beispielsweise Geleitschutz. Experten bezweifeln allerdings, dass Moskaus Marine im Stillen Ozean stark genug ist, um einen neuen Grenzverlauf zwischen beiden Ländern durchzusetzen.

Birger Schütz

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