Dopingjäger Ganus fordert Konsequenzen

Vermutlich hochrangige Staatsbedienstete haben Daten des Moskauer Dopinglabors manipuliert, bevor diese zum Jahreswechsel der Welt-Antidoping-Agentur WADA übergeben wurden. Für den russischen Sport könnten die Folgen verheerend sein. Jetzt erhebt vor allem ein Mann seine Stimme.

Jurij Ganus scheint starke Nerven zu haben. Der Chef der russischen Anti-Doping-Agentur RUSADA nimmt kein Blatt vor den Mund und klingt oft wie ein Whistleblower, zumindest im Vergleich zu Politikern und Sportfunktionären. Die ergehen sich meist in Allgemeinplätzen, wenn es um die Aufarbeitung der Dopingvorwürfe gegen Russland geht. Und mauern auch jetzt wieder, da dem russischen Sport eine neue Welle von Strafmaßnahmen  droht, die womöglich alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt.

In Sotschi sind die Olympischen Ringe nach wie vor präsent. © Tino Künzel

Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass Russland der Welt-Antidoping-Agentur WADA die elektronische Datenbank des Moskauer Dopinglabors im Winter nicht in unversehrtem Zustand übergeben hat, sondern daran eine Vielzahl von Änderungen und Löschungen vorgenommen wurden  – darunter zeitlich unmittelbar vor der Übergabe beziehungsweise im Zeitraum zwischen einem ersten und zweiten Versuch der WADA, die Daten zu erhalten. Die fraglichen Dopingproben stammen aus den Jahren 2011 bis 2015 und decken damit auch den Zeitraum vor und während der Olympischen Spiele von Sotschi 2014 ab, nach denen Russland eines staatlich gelenkten Dopingsystems beschuldigt wurde. Kronzeuge: der ehemalige Chef des Moskauer Dopinglabors Grigorij Rodtschenkow, inzwischen in den USA lebend. Er will namhaften Sportlern höchstpersönlich Dopingcocktails gemixt und dabei geholfen haben, während der Spiele in Sotschi nachts belastete Dopingproben auszutauschen.

Russland hat seitdem einzelne Vergehen und Versäumnisse eingeräumt, ein politisch gedecktes System dahinter jedoch kategorisch bestritten. Die russische Ermittlungsbehörde erklärte sogar, Beweise zu sammeln, um Rod­tschenkow der Lüge zu überführen. Auch die Datenbank des Dopinglabors befand sich seit 2017 bei dieser Behörde. Zugang dazu, das zumindest ein logischer Schluss, kann sich also nur jemand mit dem Segen höchster Stellen verschafft haben. Russland musste in diesem Zusammenhang 31 Fragen der WADA beantworteten, was inzwischen geschehen ist. Wie plausibel die Erklärungen ausfielen und ausfallen konnten, ist ungewiss – der Inhalt ist vertraulich. Jedenfalls will die WADA in Kürze weitere Schritte bekanntgeben.


Der populärste Kommentar unter einem Artikel zur Dopingproblematik auf dem Sportportal Sports.ru liest sich wie folgt: „Wundert sich wirklich noch jemand? Betrug ist bei uns in den Rang der staatlichen Politik erhoben worden. Behörden, Beamte, Polizei, Armee – alle lügen. Warum sollte das im Sport anders sein? Das läuft unter Schutz der Interessen Russlands. So leben wir halt.“


Vor einem Jahr hatte noch alles auf ein baldiges Ende der Doping­affäre hingedeutet. Damals war die RUSADA in ihren Rechten und Befugnissen wieder hergestellt worden – und gilt heute als eine der besten Anti-Doping-Agenturen der Welt. Doch nun steht Russland wieder als Betrüger da. Ganus hält es für so gut wie sicher, dass damit auch bei den nächsten Olympischen Spielen in Tokio 2020 russische Sportler nur unter neutraler Flagge antreten können. Und dass der neuerliche Skandal Russland die Ausrichtung hochkarätiger Sportveranstaltungen auf eigenem Boden kostet.

Bei einer Konferenz in den USA sagte Ganus zuletzt, er vermute, dass mit den Manipulationen ehemaliger Sportler geschützt werden sollten, die heute Posten im Staatsdienst bekleiden. In einer Kolumne für „Forbes“ schrieb er: „Es wird Zeit, dass wir uns der Illusionen entledigen und alle anderen für naiv halten.“ Der Weg aus der Krise werde nicht nur ein Jahr dauern, „das ist kein Schnupfen“. Vor allem müssten im Sport die Entscheidungsmechanismen geändert und die Entscheidungsträger ausgetauscht werden. „Ich fürchte, wenn das nicht jetzt passiert, dann passiert es nie.“

Tino Künzel

Kommentare

Kommentare

Newsletter

Wir bitten um Ihre E-Mail: