Deutsche Eistanz-Profis trainieren in Moskau

Am 23. März beginnen die Eiskunstlauf-Weltmeisterschaften in Stockholm. Die deutschen Eistänzer Katharina Müller (25) und Tim Dieck (24) fliegen direkt von Moskau dorthin. Die letzten Tage vor den Wettkämpfen leben sie praktisch auf dem Eis des Sportpalastes „Megasport“, doch sie nahmen die Einladung der MDZ an, im Gorki-Park eine Runde auf dem Eis zu drehen.

Eistanz-Training in Moskau
Katharina Müller und Tim Dieck auf dem Moskauer Eis (Foto: privat)

„Du bist gar nicht so schlecht im Eislaufen! Du gleitest eher, als dass du läufst, das ist gut!“ Ein zweifelhaftes Kompliment, aber es von den deutschen Eistanzmeistern Katharina Müller und Tim Dieck zu bekommen, ist dennoch schön.

Die beiden kamen Anfang Februar nach Moskau, um ihre Trainerin Angelika Krylowa zu sehen, mit der sie schon die zweite Saison zusammenarbeiten. Sie hat 1998 bei der Olympiade Silber geholt, zusammen mit Oleg Owsjannikow. „Angelika ist perfekt. Ich weiß nicht, ob wir den Trainerstab so sehr loben können, aber wir sind verliebt“, sagt Katharina.

Katharinas Seele ist russisch

Katharina ist Russlanddeutsche, daher hört sie auch auf die russische Kurzform Katja. Sie wurde in Nischnewartowsk geboren, zog mit ihren Eltern nach Deutschland, als sie drei Jahre alt war. Aber die Verbindung zu ihrer Heimat hat sie nicht verloren. Sie spricht ausgezeichnet Russisch, und ihre Seele, glaubt Katja, ist ebenfalls russisch. „Die Deutschen sind so ruhig, aber meine Eltern und ich sind nicht so. Wenn ich meine Verwandten in Russland oder der Ukraine besuche, werde ich lauter, ungestümer. Wahrscheinlich liegt es daran, dass man hier kämpfen muss, und in Deutschland beschäftigt man sich mit kleinen Problemen.

Katja kam auch wegen ihrer sibirischen Wurzeln zum Eislaufen. „In Bielefeld hatten wir eine Eisbahn nicht weit von zu Hause entfernt, und meine Eltern beschlossen, mich zu beschäftigen. In Sibirien gehört Eislaufen und Skifahren dazu. Beim Clubwettbewerb gewann ich den zweiten Platz und ich dachte damals: „Wow, das ist großartig! Gewonnen, und das auch noch in einem wunderschönen Kleid! Ich bleibe!“ Und dann ging es weiter. Ich habe mir ernsthaft das Ziel gesetzt, an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Ich tue alles dafür“, so die Sportlerin.

Tim entstammt einer Eiskunstlauf-Familie

Müller begann als Einzelläuferin, doch ihre Karriere kam in dieser Disziplin nicht voran. „Ich habe viel Zeit bei der Suche nach einem qualifizierten Trainer verloren. In meinem Alter sprangen alle schon Doppelsprünge, und ich konnte keinen einzigen springen“, erinnert sich Katja. Mit 14 Jahren kam sie dank eines Trainers aus Dortmund, Vitali Schulz, zum Eistanz. Mit Tim Dieck läuft Katja seit 2014.

Tim hatte keine Chance, dem Eiskunstlauf zu entkommen, seine ganze Familie ist auf die eine oder andere Weise damit verbunden. Seine ältere Schwester Dominika hat bei den Junioren-Weltmeisterschaften im Eistanz teilgenommen, seine Mutter ist Trainerin und sein Vater ist Preisrichter. Tim begann auch als Einzelläufer, er war nicht sehr gut bei den Sprüngen, aber er war großartig bei den Tanzroutinen. Seine Mutter schlug ihm vor, sich im Eistanz zu versuchen, und er stimmte zu.

Tanzpartner auf den ersten Blick

Während Eiskunstlauf für Mädchen etwas Natürliches zu sein scheint, sehen sich die Jungen oft mit Unverständnis und sogar Spott von Gleichaltrigen konfrontiert. „Klassenkameraden fragten mich, warum ich nicht Eishockey oder wenigstens Fußball spiele, sie hänselten mich“, sagt Tim. „Es gab sogar Zeiten, in denen ich in Tränen aufgelöst nach Hause kam. Aber meine echten Freunde waren immer für mich da.“

Vor Katja hatte Tim schon eine Partnerin, aber sie beschloss, den Sport zu verlassen. „Die Wahl eines Partners ist wie die Suche nach einer neuen Freundin oder einem Freund. Du nimmst sie oder ihn an der Hand und dir wird klar, dass sie dir gehört. So war es auch bei Katja. Sobald ich gesehen habe, wie sie läuft, wie ähnlich unsere Stile sind, war mir klar, dass alles klappen wird!“

Die beiden sind Sportsoldaten der Bundeswehr

Vor Russland hatten die Eistänzer versucht, in den USA und Kanada zu trainieren. Aber erstens war es sehr teuer, und zweitens passte irgendwie alles nicht zusammen. „In Russland haben wir alles gefunden, was wir wollten. Uns gefällt es hier sehr gut. Ich esse dreimal pro Woche Chinkali und Pelmeni“, lacht Tim. „Der deutsche Eislaufverband sieht, wie wir mit Angelika vorankommen und sie sind sehr zufrieden mit uns. Sie verstehen, dass es in Deutschland keine Trainer für unser Niveau gibt“, erklärt Katja.

Die Athleten bezahlen ihr Training und ihre Unterkunft in Moskau aus eigener Tasche. Die Nationalmannschaft stellt in der Regel meistens Wettkämpfe. Die Gehälter der beiden werden von der Bundeswehr bezahlt. Katja und Tim sind dort als Sportsoldaten eingestellt.

Sie gehen mit einer Kür zu Ehren von Coco Chanel und Karl Lagerfeld in die Weltmeisterschaft. Sie wollten sie schon im letzten Jahr aufführen, aber wegen der Pandemie wurde der Wettbewerb abgesagt. Die Kostüme wurden in Moskau genäht. „Früher habe ich sie entworfen, aber ich habe viele Fehler gemacht. Man muss seine Proportionen gut kennen und verstehen, was man verstecken und was man betonen sollte. Jetzt ist es total entspannt. Wir erklären grob, was wir brauchen, und die Schneiderin kreiert tolle Sachen für uns!“

Langer Weg zum Visum

Während der Pandemie versuchten die beiden in Form zu bleiben und trainierten viel zu Hause. Tim hat auch Russisch gelernt, und Katja hat ein Zertifikat als Fitness­trainerin gemacht. Als ihnen klar wurde, dass die Meisterschaft in dieser Saison stattfinden würde, begannen sie nach Möglichkeiten zu suchen, wieder nach Russland zu kommen. Sie kämpften sich bis nach Moskau durch. „Ich habe das russische Konsulat zehnmal am Tag angerufen, niemand ging ans Telefon. Auch auf meine Briefe gab es keine Antwort. Dann erfuhren wir, dass ein spanischer Athlet und ein paar Eiskunstläufer aus Australien irgendwie nach Russland gekommen waren.

Wir begannen, Kontakte zu diplomatischem Personal zu suchen. Einer der deutschen Preisrichter hatte Bekannte im Konsulat. In München haben wir in zehn Minuten ein Visum bekommen! Zehn Minuten, und wie viel Nerven das gekostet hat“, beschwert sich Katja.

„Russische Überlebensfähigkeiten“ erwiesen sich auch in Deutschland als nützlich. Und sie werden sich auch auf dem Eis in Schweden als nützlich erweisen, denn das Paar wird zum ersten Mal bei der Weltmeisterschaft auftreten. Der Wettbewerb im Kurzprogramm findet am 26. März statt, in der Kür am 27. März.

Ljubawa Winokurowa

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