Der Kampf gegen die „grauen“ Gehälter

„Graue“ Gehälter sind in Russland weit verbreitet. Eine neue Gesetzesinitiative will die Zahlungen härter bestrafen. Experten halten davon wenig.

graues Gehalt
Russen könnten in diesem Jahr ihr Gehalt häufiger in einem Briefumschlag bekommen. (Foto: andy-blog-ru)

Briefumschläge gehören wahrscheinlich zu den gefragtesten Büroutensilien in Russland. Aber nicht, um mit ihnen Mahnungen oder Einladungen zu verschicken, sondern die Mitarbeiter – an der Steuer vorbei – zu bezahlen. Bis heute ist das sogenannte „graue“ Gehalt in russischen Unternehmen weitverbreitet. 

Ganze 13 Billionen Rubel (167 Milliarden Euro) sollen so 2018 in die Taschen der Arbeitnehmer gewandert sein, hat die Statistikbehörde Rosstat errechnet. Das entsprach damals 12,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. In diesem Jahr, so vermuten Experten, dürfte diese Summe wegen der Corona-Pandemie höher ausfallen.

Der „graue“ Bereich wächst in der Krise

Denn in Krisenzeiten, in denen Russlands Wirtschaft kaum noch Steuern zahlen kann, wandere sie immer wieder in den grauen Bereich ab, erklärt Pawel Porotschkin, Wirtschaftsexperte von der „Partei des Wachstums“. Zwischen 10 und 20 Prozent  mehr Unternehmen könnten sich in diesem Jahr dazu entschließen, das Gehalt in Briefumschlägen auszugeben. 

Viele Arbeitnehmer werden sich darauf einlassen. Ob sie wollen oder nicht. Denn der Jobkiller Corona lässt ihnen nur wenig Spielraum. Wer verdienen will, muss womöglich auf die Sozialabgaben verzichten. Das Fachportal Superjob.ru zieht bereits Vergleiche mit dem Krisenjahr 2014. Damals waren 48 Prozent der russischen Arbeitnehmer mit „grauen“ Gehältern einverstanden.

Kein Hoffnung auf Sozialleistungen

Laut einer aktuellen Umfrage sind es heute 46 Prozent. Hinzu kommt, dass die Gehälter in diesem Jahr um zehn Prozent sinken könnten. Zusätzliche Sozialabgaben stören da nur. Ohnehin glauben viele Russen nicht daran, dass sie später einmal Sozialleistungen erhalten werden. Deswegen gelte ihr Fokus allein dem Hier und Jetzt, meint Anna Kusnezowa vom Manager-Projekt Executive.ru.

So weit will es Anatolij Artamonow nicht kommen lassen. Ende Mai preschte der Vorsitzende des Haushaltskomitees des Föderationsrates mit einem Gesetzentwurf vor, der „graue“ Gehälter zukünftig hart bestrafen soll. Bisher gilt eine Obergrenze von 100 000 Rubel (1285 Euro), die als Vergütung in einem Briefumschlag den Besitzer wechseln darf, ohne dass der Staat sich dafür genauer interessiert.

Geht es nach Artamonow, werden „graue“ Gehälter demnächst nach dem Strafgesetzbuch verfolgt. Bis zu zwei Jahre Haft sollen dann drohen. Und zwar nicht nur den Chefs der Unternehmen, sondern auch den Besitzern. Denn immerhin gehen dem Fiskus durch die „grauen“ Gehälter geschätzte drei Billionen Rubel  (38,5 Milliarden Euro) durch die Lappen.

„Graue“ Gehälter gehören zum Wirtschaftssystem

Russland brauche diese Initiative, meint Alexander Schtscherbakow, Professor am Institut für Staatsdienst und Verwaltung der Eliteuniversität RANEPA, gegenüber der „Nesawissimaja Gaseta“. Allerdings komme sie zur Unzeit. In der aktuellen Situation werde  sie wahrscheinlich eher die sozialen Probleme im Land verstärken. 

Kritikern ist vor allem der Ansatz ein Dorn im Auge. „Man kann so viele Strafen oder reale Haft einführen, wie man will. Solange der Staat aber nicht zeigt, dass ein sauberes Gehalt ein Konkurrenzvorteil ist, wird sich das Business nicht in die saubere Zone bewegen“, so Ljudmila Charitonowa, Leitende Partnerin von „Sarzyn und Partner“, gegenüber der „Nesawissimaja Gaseta“.Charitonowa ist damit nicht allein. Auch andere Experten fordern, dass der Staat bessere Geschäftsbedingungen schaffen müsse. 

Ob es wirklich zu einem harten Durchgreifen gegen die „grauen“ Gehälter kommt, bleibt abzuwarten. Denn durch das Wegschauen spart der Staat mehr Sozialausgaben, als er Steuereinnahmen bekommt. Es wirkt wie ein Eingeständnis , dass die „grauen“ Gehälter ein Eckpfeiler der russischen Wirtschaft sind. 

Daniel Säwert

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