Der Abstieg zum Rohstoff-Lieferer

108 Milliarden Dollar Gesamtvolumen und der erste Handelsüberschuss seit 13 Jahren: Die Meldungen über den russisch-chinesischen Handel klingen rekordverdächtig. Doch ein genauer Blick auf die Struktur der russischen Exporte zeigt eine bedenkliche Entwicklung.

Kaum Rohstoffe: China liefert vor allem Autos, Maschinen und technische Produkte nach Russland. /Foto: gfrt.ru

Für den Verkünder einer Höchstleistung klang Gao Feng bemerkenswert nüchtern. „Nach Stand vom vergangenen Dezember hat der russisch-chinesische Handelsumsatz die Summe von 100 Milliarden Dollar überschritten“, erklärte der Vertreter des chinesischen Handelsministeriums Ende Februar mit den trockenen Worten eines Bürokraten gegenüber der Nachrichtenagentur RIA Nowosti. Die Zahlen entsprächen einem Zuwachs von rund 28 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bei der Wachstumsdynamik rangiere Russland damit unter Chinas Handelspartnern auf dem ersten Platz, führte der zurückhaltende Beamte weiter aus –und ließ sich dann doch zu einer persönlichen Einschätzung hinreißen. „Diese Zahlen sind ein historischer Rekord!“

Jubel über Rekordergebnis

Auf russischer Seite war die Freude von Anfang an deutlicher. Das Handelsvolumen beider Länder sei 2018 sogar auf ganze 108,3 Milliarden Dollar angewachsen, präzisierte die föderale Zollbehörde der Russischen Föderation voller Stolz. Ein solcher Wert sei in den russisch-chinesischen Handelsbeziehungen zum ersten Mal überhaupt erreicht worden, jubelte die „Rossijskaja Gaseta“. Moskau habe im vergangenen Jahr Waren im Wert von insgesamt 56,1 Milliarden Dollar in das Nachbarland geliefert. Die Importe aus dem Reich der Mitte beliefen sich auf 52,2 Milliarden Dollar. Russland erreicht somit erstmals seit 13 Jahren wieder einen Handelsüberschuss mit China.

Doch kritische Ökonomen warnen angesichts der Rekordzahlen von übertriebenen Erwartungen. Denn ein genauer Blick auf die Handelsbeziehungen zeigt große Ungleichheiten. So habe Moskau die selbstgestellte 100-Milliarden-Zielmarke nur mit Schwierigkeiten und einer Verspätung von vier Jahren erreicht, schreibt die Wirtschaftsjournalistin Olga Solowjowa in der „Nesawissimaja Gaseta“. Präsident Wladimir Putin hatte die Zielvorgaben für den Handel mit China bereits im Jahr 2014 ausgegeben.

Russland liefert Öl und Holz

Gravierender sei aber der Wandel des traditionellen Charakters der Handelsbeziehungen. Denn Russland sei in den vergangenen 20 Jahren vom Exporteur hochwertiger Maschinen und Technik zum bloßen Rohstofflieferanten Chinas abgestiegen. Zwar sei der Export in das Nachbarland 2018 um stolze 44 Prozent angewachsen. Doch dieser Zuwachs sei vor allem auf die Lieferung von Erdöl und fossilen Brennstoffen zurückzuführen, führt Olga Solowjowa aus. Der Anteil der Kohlenwasserstoffe am Export nach China ist seit vielen Jahren hoch und entsprach 2018 einem Wert von mehr als 73 Prozent.

Auch der zweite Platz der Top-Export-Güter ist ein Rohstoff. So verkaufte Moskau im vergangenen Jahr Kiefern, Zedern und andere Hölzer im Wert von 3,5 Milliarden Dollar an China. Dies entspricht einem Exportanteil von 6,3 Prozent. Auf dem dritten Platz landeten mit 4,5 Prozent russische Agrarrohstoffe und Lebensmittel. Wesentlich geringer waren dagegen die Exportzahlen von Industrieprodukten und technischen Waren. So beläuft sich der Anteil nach China gelieferter Autos, Maschinen und weiterer Technik auf einen Anteil von gerade mal 3,26 Prozent. 2017 lag dieser Wert mit etwas weniger als 7 Prozent noch fast doppelt so hoch.

Wachstum in allen Branchen und eine riesige Produktpalette

Im Gegensatz zum einseitig ausgerichteten Exportmodell Moskaus habe China seine Ausfuhren nach Russland mittlerweile stärker differenziert, urteilt Olga Solowjowa. Zudem überwiege der Anteil technischer Produkte. So werde der Löwenanteil der Ausfuhren von rund 27 Prozent von Autos, Maschinen und weiteren technischen Produkten belegt. Darauf folgen mit beachtlichen 23 Prozent atomare Technik wie Kernreaktoren und Meilerblöcke. Auf den dritten Platz kommen mit rund 11 Prozent chinesische Textilien und Schuhe. Chemische Produkte aus China haben einen Anteil von rund 10 Prozent der Exporte.

Experten führen die gegensätzlichen Strukturen auf die verschiedenen Entwicklungswege Chinas und Russland zurück. „Die Wirtschaft der Volksrepublik China hat sich in den vergangenen 20 Jahren schneller entwickelt“, erklärt beispielsweise Anna Kokorjowa, Vizedirektorin des Analysezentrums des Devisenhändlers Alpari. Das Wachstum habe sich in allen Wirtschaftsbranchen niedergeschlagen. Das Land könne daher eine breitgefächerte Palette an Produkten anbieten. In Russland sei hingegen nur der Öl- und Gasbereich entwickelt worden, urteilt die Spezialistin.

Ökonomen fordern Investitionen und Reformen

Dmitrij Scharskij verweist auf die verbesserten Investitionsmöglichkeiten für ausländische Firmen in China. „Investitionen in Technologien und intellektuelles Kapital haben China zu dem gemacht, was es heute ist“, erläutert der Direktor der Analysegruppe Veta. Durch die Gelder aus dem Ausland hätten die Industrie und die Absatzmärkte einen starken Impuls zur Entwicklung erhalten. „Und das fehlt unserem Staat.“

Alexej Korenjow begründet die unterschiedlichen Exportstrukturen mit einer Reihe verpasster Reformen. Russland habe seine Gewinne in den fetten 2000er Jahren lieber in den Konsum als in den Umbau seiner rohstoffabhängigen Exportwirtschaft gesteckt, erläutert der Analytiker der Firma Finam. Werde auch weiter nichts unternommen, bleibe das Land noch stärker zurück.

Ein pessimistischer Ausblick

Die Chancen einer Diversifizierung der russischen Exportpalette beurteilen die Experten zurückhaltend. Um für China interessante Waren herzustellen, seien Investitionen in die Industrie nötig, argumentiert Dmitrij Scharskij. „Leider geschieht das aber nicht.“ Noch pessimistischer fällt das Urteil von Anna Kokorjowa aus. Die Expertin erwartet für die kommenden 20 Jahre ein weiteres Anwachsen des Export-Anteils der Öl- und Gaslieferungen nach China. In der gleichen Zeit werde sich der chinesische Export nach Russland weiter weiter diversifizieren und stabilisieren.

Birger Schütz

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