Das ferne Echo des Krieges

Es sind die heftigsten Gefechte seit Jahren: Seit Ende September kämpfen armenische und aserbaidschanische Truppen um die Kontrolle der umstrittenen Region Berg-Karabach. Doch wie erleben Aserbaidschaner und Armenier den Konflikt in Moskau? Die MDZ hat mit Vertretern der beiden Völker gesprochen.

Schamil Tagijew befürchtet Zusammenstöße in Moskau. (Foto: Aserbaidschanische Gemeine Moskau)

Schamil Tagijew, Vorsitzender der Aserbaidschanischen Gemeinde in Moskau.

Ich komme aus der Stadt Gandscha und lebe seit meinem 13. Lebensjahr in Moskau. Nach inoffiziellen Angaben leben drei Millionen Aserbaidschaner in Russland, davon mehr als eine halbe Million in Moskau. Natürlich sind auch meine Angehörigen in Aserbaidschan vom Konflikt um Berg-Karabach betroffen. Unter dem Krieg leiden alle, da gibt es keine Ausnahmen. Entfernte Verwandte sind während der armenischen Bombardierungen umgekommen.

Kein Schlaf in Moskau

Und auch in Moskau merken wir den Krieg. Die Aserbaidschaner schlafen tagelang nicht, wir warten auf die nächsten Tweets von Ilham Alijew (der aserbaidschanische Präsident, Anm. d. Red.), darauf, dass er über die nächste befreite Stadt schreibt. Alle treibt das um, alle verfolgen die Nachrichten von der Front. Es ist nicht so, dass die Leute sich daran gewöhnt hatten, und den Krieg einfach Krieg sein lassen. Das gibt es nicht. Niemanden lässt das los.

In den ersten Tagen der Kampfhandlungen haben die Leute massenhaft bei uns angerufen.Wegen der Pandemie sind ja die Grenzen geschlossen und der Verkehr zwischen den Staaten ist eingeschränkt. Und viele, die hier leben, wollten zu ihren Familien und Angehörigen nach Aserbaidschan fliegen. Es gab auch Menschen, die als Freiwillige an die Front wollten. Wir haben ihnen erklärt, dass das nicht nötig ist.

Unser Präsident und der aserbaidschanische Botschafter haben nämlich erklärt, dass Aserbaidschan keine Freiwilligen-Bataillone aufstellen wird. Aserbaidschan hat eine Armee von Hunderttausend Mann und eine Reserve von 500 000 Mann. Es gibt also genug Kräfte, um in diesem Krieg zurechtzukommen. Das haben wir allen erklärt.

Ruhe bewahren und mit der Polizei kooperieren

Damit der Konflikt nicht nach Moskau übergreift, haben wir die Aserbaidschaner aufgerufen, sich streng an das Gesetz zu halten, sich nicht auf Provokationen einzulassen und Ruhe zu bewahren. Und Provokationen gab es, in den sozialen Medien, auf Nachrichtenseiten – und auch von Vertretern der armenischen Diaspora. Wir haben das im Blick.

Außerdem fahren wir täglich in jene Moskauer Stadtbezirke, in denen viele Aserbaidschaner leben, und veranstalten Treffen. Dabei besprechen wir die aktuelle Lage und mahnen Zurückhaltung an. Denn schon im Sommer gab es Zwischenfälle in Karabach. Damals haben Aserbaidschaner weltweit Solidaritätsveranstaltungen abgehalten. Radikale Armenier mobilisierten dagegen und verprügelten zum Beispiel in Kalifornien und Belgien Demonstranten. Wir wussten das und haben versucht, die Lage in Moskau und anderen russischen Städten unter Kontrolle zu halten.

Das misslang aber, die Provokationen kamen einfach von allen Seiten. Deshalb kam es im Juli zu Zusammenstößen und Massenprügeleien von Vertretern beider Völker, mit Verletzten und Festnahmen auf beiden Seiten. Damit es diesmal nicht dazu kommt, stimmen wir uns eng mit den Sicherheitskräften, der Moskauer Stadtregierung und aserbaidschanischen Wortführern in den Moskauer Stadtbezirken und Vierteln ab.

Armenier sollen abziehen

Zu einem Ende des Krieges kann es nur kommen, wenn die armenischen Okkupationstruppen aus Berg-Karabach abziehen und das besetzte aserbaidschanische Territorium freigeben, wie Präsident Alijew gesagt hat.

Es geht nicht darum, die dort lebenden Armenier zu vertreiben. Präsident Alijew garantiert für ihre Sicherheit und hat angekündigt, sie unter seinen persönlichen Schutz zu nehmen. Ich wünsche mir, dass die armenische Führung zur Vernunft kommt und nicht weiter junge Männer verheizt und dieser Krieg so schnell wie möglich zu Ende geht. Denn unter ihm leiden nicht nur die Soldaten, sondern auch die Zivilbevölkerung.

Aufgeschrieben von Birger Schütz


Ara Abramjan, Präsident der Union der Armenier Russlands

Ara Abramjan sieht die Türkei als Antreiber des Konflikts. (Foto: Union der Armenier Russlands)

Ich kam 1989 aus Armenien nach Moskau ins Ministerium für Elektroindustrie und wurde nach dem Ende der Sowjetunion Geschäftsmann. Ich habe immer nach Besserem gestrebt und habe mich bemüht, zu lernen. Und ich war immer Humanist.In Russland leben drei Millionen Armenier. Im Jahr 2000 habe ich daher vorgeschlagen, die Union der Armenier Russlands zu gründen, deren Präsident ich bis heute bin. Mittlerweile haben wir 650 Ortsgruppen im ganzen Land.

Kritischste Situation seit Jahrzehnten

Ich habe hier in Russland oft und gut mit Aserbaidschanern zusammengearbeitet und kann sagen, dass es eine solche angespannte Situation wie im Moment noch nie gegeben hat. Ich glaube, dass die Aserbaidschaner in den vergangenen 30 Jahren immer mehr unter türkischen Einfluss geraten sind.

Die Vorfälle im Juli (Damals kam es zu Zusammenstößen zwischen Armeniern und Aserbaidschanern in Moskau, Anm. d. Red.) haben gezeigt, dass sie organisiert versucht haben, zu provozieren. Das hat allerdings nicht gefruchtet. Ich habe mich schnell an den Präsidenten (Wladimir Putin, Anm. d. Red.) gewandt, denn er ist der Einzige, der für Ruhe sorgen kann. Wir sind sehr zurückhaltend. Es gab einige, die darauf antworten wollten. Aber wir haben uns zusammengerissen.

Was bringt es uns, wenn jemand stirbt? Hass? Das ist hier weder Aserbaidschan, noch Armenien. Wir Armenier sind ein besonderes Volk. Ich fühle mich Russland verpflichtet. So werden wir erzogen. Provokationen greifen da nicht. Wir leben seit dem Genozid in Russland. Ich möchte sagen, dass es sehr viele gute Menschen in Aserbaidschan gibt. Wir haben uns oft um einen Austausch bemüht.

Partisanenkrieg bis zur Befreiung

Das Problem sind die Führung um Ilham Alijew und der türkische Präsident Recep Erdoğan. Ich will, dass meine Kinder in Frieden leben und zur Schule gehen können. Vieles erinnert gerade an den Genozid von 1915. Die Diaspora hat in den vergangenen 30 Jahren viel Geld gesammelt, um Berg-Karabach aufzubauen. Jetzt zerstören sie es, nicht Alijew, sondern Erdoğan. Für Armenien und Berg-Karabach ergibt der Krieg keinen Sinn.

Ich sage oft: Wenn sie den letzten Karabacher umbringen, fängt der richtige Krieg an. Ein Partisanenkrieg bis zur Befreiung. Für die Türken ist es ein Gebiet, für uns ist das Heimat. Das sind verschiedene Dinge. Als der Krieg begann, haben wir einen Stab als einheitliches Informationszentrum eingerichtet. Wir haben uns an den russischen Präsidenten gewandt, damit er alles Erdenkliche unternimmt, um diesen Krieg zu beenden.

Wir wollen nicht, dass jemand stirbt, auf beiden Seiten. Wir haben alle unsere Mitglieder aufgerufen, sich nicht auf Provokationen einzulassen, damit es nicht zu Zusammenstößen kommt. Und wir haben humanitäre Hilfe eingerichtet. Wir schicken alles, was wir können, auch Geld. In erster Linie sind es Dinge, die Soldaten und die Menschen im Hinterland brauchen: Wasser, Taschenlampen, Stromaggregate, Bettwäsche, Kleidung.

Ständige Sorge um Verwandte

Ich persönlich fühle mich wie ausgewechselt und habe Emotionen, die überhaupt nicht männlich sind. Ich finde keine Ruhe mehr und muss jede Sekunde an meine Verwandten in Armenien denken. Fast meine ganze Familie lebt noch dort. Ich wünsche Berg-Karabach Tapferkeit und Klugheit. Und hoffe, dass diese genutzt werden, um den Krieg zu beenden. Jede Sekunde, die das früher geschieht, ist ein Sieg für beide Länder.

Aufgeschrieben von Daniel Säwert

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