Booking ohne Booking.com

Die russische Reisebranche blickt einem weiteren Sommer mit vielen Unbekannten entgegen. Nur steht er diesmal nicht im Zeichen der Pandemie, sondern der Nebenwirkungen von Russlands „Sonderoperation“ in der Ukraine. Dazu gehört, dass Hotels im Lande nicht mehr bei Marktführer Booking.com gebucht werden können. Die Russen müssen also auf einheimische Produkte umsteigen. Was taugen die?

Wolga und Zwiebeltürme: So sieht Russland aus dem Hotelzimmer in Kostroma aus. (Foto: Tino Künzel)

Über das Hotel Woskressenskaja in Kostroma, 300 Kilometer nordöstlich von Moskau, ließe sich viel Gutes sagen. Schon äußerlich macht es mit seinem Landhausstil eine ansprechende Figur, sieht dabei aber teurer aus, als es ist. Weil unter anderem für Pilger gedacht, kann hier bereits ab umgerechnet zehn Euro übernachtet werden. Aus den Fenstern des vierstöckigen Baus fällt der Blick auf Kirchenkuppeln und die Wolga. Noch ein Grund, in dem Hotel abzusteigen, klebt gleich an der Eingangstür: Gäste haben die Herberge auf Booking.com mit 9,0 bewertet – ein Top-Rating, mit dem man sich gern schmückt.

Russland? Nicht (mehr) bei Booking.com

Das Problem ist nur, dass Booking.com seine Dienste in Russland vor drei Monaten eingestellt hat. Zwar können russische Kunden die weltweit führende Hotelbuchungsplattform auch weiterhin nutzen, das klappt aber nur, wenn sich das Reiseziel im Ausland befindet. Unterkünfte innerhalb Russlands werden nicht mehr angezeigt. Gleiches gilt für andere international bekannte Anbieter wie Airbnb, HRS oder Hotels.com.

Nun war das Woskressenskaja in Kostroma auch bisher schon ein bisschen versteckt, weil von der Straße zurückgesetzt am Ende einer Auffahrt gelegen. Jetzt ist das Hotel auch im Internet schwerer zu finden. Vielleicht war deshalb Ende Mai von seinen Zimmern kein einziges belegt. Über die Gänge flitzten nur ein paar Katzen, die quasi zum Inventar gehören.

Zum Start der Feriensaison wird man sich auch anderswo Sorgen um die Auslastung machen. Einerseits könnte der Binnentourismus von der Tatsache profitieren, dass zahlreiche beliebte Urlaubsziele im Ausland derzeit gar nicht in Frage kommen. Andererseits dürfte vielen die Reiselust vergangen sein, und sei es aus praktischen Erwägungen. Gestiegene Lebenshaltungskosten und die Ungewissheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung werden so manchen dazu bewegen, das Geld zusammenzuhalten und zu Hause zu bleiben. Auch eine teils tagelange Anreise per Bahn oder Auto zu den Badeorten am Schwarzen Meer ist nicht jedermanns Sache. Die meisten Flughäfen dort sind wegen ihrer Nähe zur Ukraine schon monatelang geschlossen.

Russische Alternativen

Gut möglich, dass der erste Sommer ohne Booking.com eher den Verbrauchern als den Hoteliers Kopfzerbrechen bereitet. Denn russische Pendants gibt es durchaus. Einige sind schon lange auf dem Markt, andere nicht. Sogar die Russische Bahn hat im Frühjahr eine eigene Hotelsuchmaschine aufgelegt. An den technischen Möglichkeiten, per PC oder Handy eine Hotelbuchung vorzunehmen, mangelt es also nicht. Doch statt einer bewährten Software, die national wie international die gesamte Konkurrenz abgehängt hat, auf Alternativen zurückgreifen zu müssen, die ihr aus unterschiedlichen Gründen nicht das Wasser reichen können, ist zumindest gewöhnungsbedürftig.

Die MDZ wollte wissen, was der Importersatz, um ein häufiges Schlagwort der letzten Sanktions-Jahre zu gebrauchen, bei genauerer Betrachtung wert ist. Zwecks Vergleich der Russland-Bookings wurde als gemeinsames Suchkriterium eine Übernachtung in der Großstadt Jaroslawl Mitte Juni vorgegeben. Wie schlagen sich ausgewählte Anbieter?

Ostrovok

Nach eigenen Angaben die Nummer eins unter den russischen Buchungsportalen. Seit 2011 auf dem Markt. Im russischen App Store auf Platz 2 in der Kategorie Reisen (hinter der Taxi-App Yandex Go). Gibt die Zahl der Unterkünfte in der Datenbank mit 1,2 Millionen in 220 Ländern an. Fand im Test 173 verfügbare Übernachtungsmöglichkeiten in Jaroslawl zu Preisen ab 298 Rubel. Umfangreiche Sprach- und Währungseinstellungen. Gute Idee: Auf der Webseite wird neben dem Suchergebnis ein großer Kartenausschnitt mit den gefundenen Hotels eingeblendet, der bei Bedarf auf den gesamten Bildschirm ausgeklappt werden kann. Weniger gut: Buchstäblich viel Kleingedrucktes. Speziell die Webseite wirkt mit Informationen und Symbolen überladen und könnte sich ein Beispiel daran nehmen, wie Booking.com mit unterschiedlichen Schriftgrößen, -stärken und -farben Klarheit herzustellen versteht.

Die Zimmer- und Preisübersicht bei Ostrovok kann verwirren. In der App braucht es teils mehrere Klicks, bis ein Preis angezeigt wird. Das Kundenfeedback stammt unter anderem von Tripadvisor. Weiter verfügt Ostrovok über eine 24-Stunden-Hotline, die auch aus dem Ausland kostenlos angerufen werden kann, und über ein gestaffeltes Treueprogramm. Zur Begrüßung gibt es 400 „Träume“, wie die Bonuspunkte genannt werden.  

ostrovok.ru

Bronevik

Sympathisches Portal, bei dem in der Trefferübersicht die wichtigsten Informationen zu der jeweiligen Unterkunft (und nur sie) übersichtlich aufbereitet sind. So kann zumindest schon eine Vorauswahl getroffen werden, ohne dass dafür weitere Klicks nötig sind. Die Seite ist in Russisch und Englisch verfügbar, Preise lassen sich in rund 20 Währungen anzeigen. Ein großes Manko sind die nur sporadisch anzutreffenden Kundenbewertungen.

Bronevik wurde 2008 in Jekaterinburg als regionaler Anbieter gegründet. Ein Jahr später ging die Webseite online, mit zunächst 500 Hotels in 200 Städten. Heute sollen es 20.000 in 2500 Städten sein. Das Testergebnis für Jaroslawl fiel mit 127 Treffern recht passabel aus.

Eine App gibt es trotz der langen Geschichte des Dienstes überraschenderweise nicht. Die Seite kann sich jedoch auch in der mobilen Version sehen lassen.

Bronevik.com

Yandex.Travel

Hotels sind eine Sparte im Reiseportal von Yandex. Eine App dafür gibt es nicht, die Seite wurde jedoch für den Browser optimiert und läuft dort einwandfrei. Sprach- oder Währungseinstellungen hat sie allerdings nicht an Bord. Beim Test wurden rund 400 Hotels aufgespürt. Die optische Aufbereitung ist ordentlich und vor allem übersichtlich. Alleinstellungsmerkmal sind die vielen und oft sehr ausführlichen Erfahrungsberichte von Kunden. Bei populären Hotels sind es schon mal mehr als 1000. Leider sind sie nicht nach dem gängigen Positiv-Negativ-Schema abgefasst, dafür bieten sie interessierten und des Russischen mächtigen Lesern geradezu stundenlange Lektüre.

travel.yandex.ru

Tutu.ru

Laut Similarweb ist Tutu.ru in Russland die meistgenutzte Webseite in der Kategorie Reisen und Tourismus. Das Portal gehört zu den Pionieren der Branche. Seine Wurzeln reichen ins Jahr 2003 zurück, als die Macher mit Fahrplänen von Nahverkehrszügen anfingen. Glaubt man Tutu.ru, dann verkauft der Dienstleister heute täglich mehr als eine Million Tickets für den Flug-, Bahn- und Busverkehr. Ein 24-Stunden-Kundendienst versteht sich da von selbst.

Hotels werden erst seit Neuestem auf der Seite (oder direkt über eine separate Adresse) beziehungsweise in der Stamm-App (für die anderen Kategorien gibt es einzelne Apps) angeboten. Das merkt man auch. Der Bereich wirkt zwar aufgeräumt, aber unfertig. Die Testsuche für das betreffende Datum in Jaroslawl ergibt 103 Treffer, doch die Verfügbarkeit muss mit einem weiteren Klick abgefragt werden. Gästebewertungen, für viele eines der wichtigsten Kriterien bei der Hotelauswahl, fehlen gänzlich. Buchen werden hier wohl vor allem Kunden, die auch die anderen Dienste von Tutu.ru nutzen und in Sachen Hotels nicht extra umsatteln wollen.

hotel.tutu.ru

101 Hotels

Populärer Service ohne große Stärken und Schwächen. Nur auf Russisch verfügbar, Preise können jedoch in verschiedenen Währungen angegeben werden. In der App sind die Fotos zu den Hotels in der Trefferliste winzig und statisch, während sie sich bei der Konkurrenz weiterblättern lassen. Das wirkt eher vorgestrig. Ein Plus für viele dürfte sein, dass die Liste mit den Zimmeroptionen ähnlich aufgebaut ist wie bei Booking.com. Nervig dagegen: Die Treffer können zum Beispiel nach dem Preis sortiert werden, das gilt jedoch nur so lange, bis man ein Hotel angeklickt hat. Kehrt man danach in die Übersicht zurück, muss die Sortierung erneut vorgenommen werden. Ansonsten ist das Portal aber relativ nutzerfreundlich. Was Jaroslawl betrifft, so spuckte es 73 Hotelvarianten aus.

101hotels.com

Hotellook

Das Besondere an Hotellook ist, dass es sich um eine Metasuchmaschine handelt: Als sogenannter Aggregator macht der Anbieter keine Geschäfte mit den Hotels, er filtert vielmehr die günstigsten Angebote der Buchungsportale heraus. Angeblich sollen das über 80 sein, darunter die großen Namen wie Booking.com, Expedia oder Agoda. Nach diesem Prinzip funktioniert auch Aviasales, die erste Wahl bei Flugtickets in Russland. Hotellook wurde 2013 von derselben Mannschaft erstellt. In Jaroslawl kam der Dienst auf 214 verfügbare Hotels ab 490 Rubel. Die meisten Angebote sind von Ostrovok oder von Sutotchno.ru, einem Portal für Privatunterkünfte. Wer buchen möchte, wird dorthin weitergeleitet. Seite und App von Hotellook können wohlwollend als schlank bezeichnet werden. Viel Infos gibt es nicht. Dafür kann aus rund 60 Sprachen und zahlreichen Währungen ausgewählt werden, was gerade Ausländer sicher zu schätzen wissen.

hotellook.ru

Komandirovka.ru

Veteran der Branche. Das Portal ging im Jahr 2000 online und erinnert von der Funktionalität her bis heute an diese Zeiten. So ist es nach wie vor nicht möglich, auf der Seite zu buchen. Sie stellt nur – tatsächlich sehr umfangreiche – Informationen zu den Hotels zur Verfügung und erleichtert die Kontaktaufnahme: Eine Anfrage ist schnell verschickt.

Als Suchmaschine hat Komandirovka.ru durchaus einen eigenen Charme. Gerade in der Provinz und im unteren Preisbereich lässt sich mit ihr so mancher Fund machen. Für die Übernachtung in Jaroslawl beispielsweise listete sie allein 200 Wohnungen und 30 Hostels, wobei wie gesagt die Verfügbarkeit offen bleibt. Teils fehlen sogar die Preisangaben. Im Menüpunkt zu freien Zimmern gibt es eine Online-Abfrage, die jedoch nicht funktioniert.

Als App ist der Service natürlich auch nicht zu haben. So wirkt er mit seiner eingeschränkten Nutzbarkeit irgendwie schrullig und museal, hat aber auch ein wenig Fanpotenzial. „Komandirovka“ bedeutet Dienstreise. Dass gerade Dienstreisende es auf billige Unterkünfte abgesehen haben und an einem Stadtführer interessiert sind, scheint zwar irgendwie zweifelhaft. Dennoch verdient sich die Seite einen Sympathiepunkt mit ihrer Ortskunde: Allein in Jaroslawl werden 44 Sehenswürdigkeiten und 200 Restaurants detailliert vorgestellt.

Komandirovka.ru

Newsletter

    Wir bitten um Ihre E-Mail: