Belarussische IT-Industrie am Scheideweg

In Belarus hat sich in den vergangenen Jahren ein kreativer und milliardenschwerer IT-Sektor entwickelt. Doch die gefälschte Präsidentschaftswahl gefährdet die Erfolge.

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Der Park für Hochtechnologien ist die Kernzelle des belarussischen IT-Aufschwungs. (Foto: park.by)

Einmal ein schieres Ungetüm fahren und sich mit Gleichgesinnten überall auf der Welt in die Panzerschlacht wagen. Was martialisch klingt, ist ein Riesenerfolg. Seit nunmehr zehn Jahren wird im Multiplayer-Spiel „World of Tanks“ geballert, was die Rohre hergeben. Über 160 Millionen gehen heute regelmäßig online auf Panzerjagd. Was viele nicht wissen, der Grund für die stundenlange Daddelei sind Entwickler aus Minsk, die mit „World of Tanks“ den wohl größten Erfolg der belarussischen IT-Branche geschafft haben.

Das kleine Belarus mit seinen nicht mal zehn Millionen Einwohnern wird gerne als „IT-Land“ oder auch „Silicon Valley Osteuropas“ bezeichnet. Tatsächlich hat der belarussische IT-Sektor in den vergangenen Jahren mit beachtlichen Resultaten auf dem Weltmarkt auf sich aufmerksam gemacht.

Staat unterstützt die IT-Branche

Wer verstehen will, wie Belarus es zu einem bedeutenden Player in der IT-Branche gebracht hat, muss bis in die Sowjetunion zurückreisen. Damals machte die Staatsführung aus dem rohstoffarmen Land eine Ingenieursrepublik, in der außerordentlich viel Wert auf Technik und Naturwissenschaften gelegt wurde.

Nach dem Ende der Sowjetunion wurde der aufkommende Zweig lange von der Regierung ignoriert, so dass die Spezialisten ihre Projekte ungestört entwickeln konnten. Erst Mitte der 2000er entdeckte der Staat das Potenzial und begann den IT-Bereich zu fördern. So entstand 2005 der Park für Hochtechnologien, der heute laut Homepage 846 Mitglieder hat. Und neue Projekte, die weltweit erfolgreich wurden wie der Messenger Viber (eine Milliarde Nutzer), die Fitness-App Verv (75 Millionen Nutzer) oder MSQRD, eine Selfie-App, die 2016 von Facebook gekauft wurde.

Einen weiteren Schub erhielt die Branche, als Staatschef Alexander Lukaschenko 2017 ein Dekret „über die Entwicklung der digitalen Wirtschaft“ erließ und den Residenten des Parks den Einstieg in Kryptowährungen und Blockchains. Außerdem wurde die Körperschaftssteuer bis 2049 ausgesetzt. Im Umkreis von 1500 Kilometern gebe es keine so guten Bedingungen für die IT-Branche, schwärmte der Aheadworks-Gründer Kirill Golub 2017 der Deutschen Welle vor.

Erfolge sind gut fürs Image des Landes

Als 2018 für westliche Ausländer die Visafreiheit beschlossen wurde, war dies für die Unternehmer eine sehr gute Nachricht. Schließlich ist die Branche fast komplett auf das Ausland ausgerichtet, vor allem auf das Outsourcing. Nur zu gern lassen ausländische Firmen wie EPAM, aber auch Google und Yandex ihre Produkte in Belarus entwickeln. Sie profitieren von der guten Ausbildung und vergleichsweise niedrigen Branchenlöhnen von 1800 US-Dollar.

Die belarussische IT-Branche hat zweifelsohne ein positives Image des Landes geschaffen. Und das versucht der Staat, sich zunutze zu machen. So fliegt seit Jahren ein Flugzeug der Staatsairline Belavia in „World of Tanks“-Lackierung durch Europa und lenkt damit ein wenig vom diktatorischen Image des Landes ab. Außerdem ist die Branche ein wichtiger Sprach- und Austauschkanal in die USA. Deren Botschafterposten in Minsk blieb für lange Zeit unbesetzt .

Bei all den Entwicklungen und Erfolgen der Branche mit ihren mittlerweile 54 000 Beschäftigten sollte man sie indes nicht überschätzen. Denn ein richtiges „IT-Land“ ist Belarus bei Weitem nicht. Die 3,1 Milliarden US-Dollar Umsatz im Jahr 2018 entsprechen gerade einmal 5,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Damit liegt die Branche gleichauf mit der Land-und Forstwirtschaft sowie dem Baugewerbe.

Präsidentschaftswahl wird zum Wendepunkt

Die Erfolgsgeschichte der belarussischen IT könnte bald enden, zumindest aber enormen Schaden nehmen. „Wir können nicht mehr zu dem Belarus von vor dem 9. August zurückkehren“, sagte Jaroslaw Lichatschewskij, Gründer eines Start-ups, dem Portal „Sifted“. Gemeint sind die gefälschte Präsidentenwahl und die bis heute andauernden Proteste, an denen sich auch viele IT-Unternehmen beteiligen. Spätestens nachdem sich der PandaDoc-Gründer Mikita Mikado in Interviews zu Gunsten der Demonstranten äußerte und die Staatsmacht daraufhin Räume durchsuchte und Menschen verhaftete, schrillen bei vielen die Alarmglocken.

Seitdem denken immer mehr Unternehmen darüber nach, Belarus zu verlassen und in die Nachbarländer Lettland, Polen oder die Ukraine zu gehen. Alle drei werben fleißig um die Fachkräfte. Aber nicht ausschließlich aus humanitären Gründen. Besonders für die seit Jahren wirtschaftlich kriselnde Ukraine sind die belarussischen IT-Spezialisten ein Segen. Viele Unternehmer zögern indes mit diesem Schritt, schließlich fühlen sie sich in Belarus eigentlich sehr wohl. Doch in Minsk steht für sie sehr viel auf dem Spiel. „Der einzige Weg, der uns bleibt, ist es durchzuziehen, bis wir gewinnen. Sonst ist alles, was wir uns im vergangenen Jahrzehnt aufgebaut haben, unsere ganze IT-Industrie, unser Hi-Tech Park, all unsere Start-ups, komplett ruiniert“, prognostiziert Lichatschewskij.

Daniel Säwert

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