Außenpolitik von Gazprom: Fußballturnier der Superlative

Der russische Energiekonzern Gazprom könnte einen besseren Ruf haben. Im Ausland gilt er vielen quasi als verlängerter Arm des Kremls, im Inland wird seine konkurrenzlose Stellung kritisch beäugt. Etwas Soft Power kann also nichts schaden. Einmal im Jahr lädt Gazprom Kinder aus aller Welt zu einem Turnier unter dem Namen „Football for Friend­ship“ ein – und bleibt sich dabei treu. Die Veranstaltung, diesmal in Madrid, setzt Maßstäbe.

Und immer gewinnt die Freundschaft: Nach einem Vorrundenspiel tröstet der Torwart der Siegermannschaft (aus Aserbaidschan) den Torwart des anderen Teams (aus der Türkei). © Tino Künzel

Als die Mannschaft von Jakub Gowschudow ihr erstes Spiel gleich mit 4:0 gewonnen hat, hüpft der Junge aus Turkmenistan strahlend vom Rasen und japst auf Englisch: „Das war großartig.“ Eigentlich heißt er Jakubmuhammed, aber er will die anderen in seinem Team ja nicht vor mehr Probleme stellen, als sie mit den Gegnern haben, deshalb die Kurzform. Es ist so schon nicht leicht, eine gemeinsame Sprache zu finden, wenn jeder aus einem anderen Land kommt. Seine Mannschaftskameraden, die Jakub  erst vorgestern überhaupt kennengelernt hat, stammen aus Bos­nien-Herzegowina, Aserbaidschan, Russland, Italien, Zypern und dem Iran.

Diese Internationalität ist Konzept bei „Football for Friendship“, einem von Gazprom seit 2013 an jährlich wechselnden Standorten veranstalteten Turnier, für das Jakub mit zwei weiteren Spielern seines Klubs den weiten Weg von der turkmenischen Hauptstadt Aschgabat in die spanische Hauptstadt Madrid zurückgelegt hat. Bei dieser „Weltmeisterschaft“, wie sie genannt wird, spielen Elf- und Zwölfjährige aus aller Welt zwar auch gegen­einander, aber mehr noch miteinander. Im Losverfahren aufgeteilt auf 32 gemischte Mannschaften, sogenannte „Freundschaftsauswahlen“, die nach bedrohten Tierarten benannt sind, sollen sie Völkerverständigung praktizieren, an der es sonst aus politischen oder weltanschaulichen Gründen so oft mangelt. Die Veranstalter verweisen stolz darauf, dass man auch schon Kinder aus Nord- und Südkorea, aus Indien und Pakistan zusammengebracht und zu Freunden gemacht habe, auch wenn das in deren Heimatländern durchaus auf Vorbehalte stieß.

32 international gemischte Mannschaften spielten in Spanien einen Champion aus. © Tino Künzel

Gazprom trägt sämtliche Kosten des ehrgeizigen Projekts und dürfte sich davon auch eigene Dividenden versprechen. Bei Kindern und ihren Betreuern, die nach fünf Tagen in der Regel begeistert wieder nach Hause fahren, weckt der Name des Unternehmens anschließend sicher positive Assoziationen – und Russland gleich mit. Für derartige Außenpolitik muss das Turnier nicht einmal unbedingt auf russischem Boden stattfinden. In den sieben Jahren seines Bestehens gastierte es der Reihe nach in London, Lissabon, Berlin, München, St. Petersburg, Moskau und nun in Madrid, wo die Teilnehmer als besonderen Höhepunkt am Ende auch noch das Champions-Lea­gue-Finale Liverpool gegen Tottenham besuchen konnten. Gazprom als Champions-League-Sponsor spendierte die Tickets.

Roberto Carlos stand auf einer Pressekonferenz auch Kindern Rede und Antwort. © Tino Künzel

In diesem Jahr waren Kinder aus über 50 Ländern und den elf Ausrichterstädten der letztjährigen Fußball-WM in Russland beim Wettbewerb vertreten sowie 160 Journalisten eingeladen, darunter auch von der Moskauer Deutschen Zeitung. Und das ist längst nicht alles: Parallel zum Fußball laufen auch Programme für junge Trainer, junge Schiedsrichter und junge Journalisten. Im Moment wird ein kostenloser Online-Kurs für die Trainer erstellt. Und über allem stehen neun Werte, die vermittelt werden sollen, solche wie Frieden, Freundschaft und Fairness. „Wir möchten, dass die Kinder nicht nur zusammen Fußball spielen, sondern sich auch austauschen und diese Werte diskutieren“, sagt Programmdirektor Wladimir Serow. Letztlich waren die Tage in Madrid so vollgepackt, dass die 16-jährige Melana Kamliuk aus dem weißrussischen Minsk als junge Trainerin eines der Teams auf dem Heimweg vor Erschöpfung den halben Flug verschlief: „Wir hatten kaum Zeit, einfach mal die Seele baumeln zu lassen. Es ging von einer Aktivität zur nächsten.“

Untergebracht waren die Teilnehmer auf einem Campingplatz etwas außerhalb der Stadt, dafür mitten im Grünen. Nach den Spielen ging es bei Temperaturen von über 30 Grad erst mal in den Swimmingpool direkt auf dem Gelände. Im Turnier hatte jede Mannschaft einen erwachsenen Betreuer und einen jungen Trainer, gepfiffen wurden die Spiele gleichfalls von einem Erwachsenen und einem Jugendlichen. Das allgemeine Niveau konnte sich sehen lassen. Die Jungen und Mädchen spielen zu Hause teilweise in namhaften Klubs und mussten für ihre Nominierung hier und da nationale Ausscheide durchlaufen oder wurden von ihren jeweiligen Fußballverbänden ausgewählt.

Celia Sasic gehörte zu den Stargästen des Finales auf der Plaza Mayor in Madrid. © Tino Künzel

Als „Weltbotschafter“ des Programms hätte Franz Beckenbauer in Madrid zu ihnen sprechen sollen. Doch der „Kaiser“ sagte kurzfristig wegen Krankheit ab. Für ihn sprang der Brasilianer Roberto Carlos ein, einst einer der besten Außenverteidiger der Welt und berühmt für seine linke „Klebe“. Der Ex-Profi von Real Madrid, am Ende seiner langen Karriere auch beim russischen Klub Anschi Machatschkala angestellt, war zu seiner aktiven Zeit nie Ersatzspieler, aber machte seine Sache bei „Fußball für Freundschaft“ ausnehmend gut. Carlos durfte schließlich auch die Siegerehrung vornehmen, während die ehemalige deutsche Nationalspielerin Celia Sasic individuelle Preise überreichte.

Das Finale fand auf der Plaza Mayor, dem zentralen Platz von Madrid, statt. Und den Pokal reckte am Ende die Mannschaft von Jakub in die Höhe. Sie gewann das Spiel im Penaltyschießen.

Tino Künzel

Zuckerkranker Junge und seine „fantastischen“ Erlebnisse

Albert Sinnatow aus Ufa, der Hauptstadt von Baschkortostan zwischen Moskau und dem Ural, ist mit „Football for Friendship“ schon ganz schön in Europa herumgekommen. Seit er vor zwei Jahren beim Turnier in St. Petersburg eine Rede vor den Teilnehmern hielt und seine Geschichte erzählte, ist er zu einer Art ständigem Botschafter des Programms geworden. Der MDZ hat der 16-jährige mit Hilfe des russischen Sozialnetzwerks VKontakte einige Fragen beantwortet.

Albert Sinnatow mit Torhüterlegende Iker Casillas, der heute beim FC Porto im Kasten steht. © Privat

Hier heißt es, dass du auch beim diesjährigen Turnier gern gesehen gewesen wärst.

Ich schließe gerade die neunte Klasse ab und habe Prüfungen, deshalb konnte ich nicht kommen.

Du scheinst die Veranstalter aber sehr beeindruckt zu haben. Was hattest du denn 2017 bei deinem Auftritt zu berichten?

Ich spiele seit meinem siebenten Lebensjahr Fußball. Als ich acht war, hat man im Krankenhaus bei mir Diabetes mellitus vom Typ 1 festgestellt. Seitdem lebe ich mit einer Insulinpumpe. Das hat mich aber nicht daran gehindert, noch fünf Jahre weiter zu trainieren, mit meiner Mannschaft Medaillen zu gewinnen und in Auswahlteams berufen zu werden. Erst als wir einen neuen Trainer bekamen, wurde ich zu einer Vorsorgeuntersuchung geschickt. Da haben die Ärzte mir verboten, weiter leistungsorientierten Sport zu treiben.

Aus welchem Grund?

Bei der Krankheit kann es zu Hypoglykämie kommen, einem plötzlichen Abfall des Blutzuckerspiegels, und zum Koma. Die Ärzte wollen auf Nummer sicher gehen. Für die haben solche wie ich nichts im Sport zu suchen. Deshalb gibt es in Russland auch keine namhaften Sportler mit Diabetes.

In anderen Ländern schon?

Ja, Nacho zum Beispiel, Abwehrspieler bei Real Madrid. Pelé war auch so einer.

Wie ging es nach dem Ärzteverdikt bei dir weiter?

Ich musste meine Mannschaft verlassen. Aber ich habe eine Möglichkeit gefunden, den Fußball nicht aufgeben zu müssen. Heute gehöre ich einer sogenannten kommerziellen Trainingsgruppe beim FC Ufa an. Aber das ist reiner Gesundheitssport. Wir bestreiten keine Turniere und so.

Wie bist du mit „Football for Friendship“ in Berührung gekommen?

Ich bin im Internet darauf gestoßen. Mein Vater hat mir dann geholfen, einen Brief an die Organisatoren aufzusetzen und zu schildern, welche Schwierigkeiten ich überwinden musste, um trotz Krankheit Fußball spielen zu können. Ich habe darum gebeten, das auch vor den Teilnehmern vortragen zu dürfen, und wurde eingeladen.

Die Teilnehmer von „Football for Friendship“ kommen unter anderem auch aus Deutschland. © Tino Künzel

Dabei sollte es allerdings nicht bleiben.

Voriges Jahr war ich noch bei Veranstaltungen in Turin und Madrid dabei. Und bei der Fußball-Weltmeisterschaft durfte ich das Eröffnungsspiel aus der VIP-Loge verfolgen, wo auch unser Präsident saß.

Putin?

Ja, leider konnte ich wegen des ganzen Trubels nicht mit ihm reden. Aber ich habe gespürt, was für eine Energie von ihm ausging.

Wie kam das?

Alle waren auf ihn fixiert, jeder wollte ein paar Worte mit ihm wechseln. Ich habe dann zumindest Selfies mit Iker Casillas und Roberto Carlos (Anm. d. Red.: ehemaliger spanischer Nationaltorwart und früherer brasilianischer Nationalspieler) geschossen.

Jubelszene beim diesjährigen Turnier. Links: Jakub aus Turkmenistan. © Tino Künzel

Was würdest du Putin denn sagen wollen, wenn die Gelegenheit dazu bestünde?

Ich weiß nicht, ob ich mich trauen würde. Aber wenn ja, dann würde ich ihn wahrscheinlich fragen, was er von unserer Nationalmannschaft erwartet. Mich interessiert seine Meinung zum Fußball.

An deiner Stelle würde ich ihn nach Ufa einladen. Man sagt, dass sich in den betreffenden Orten viel zum Positiven verändert, wenn er sie besucht.

Bei uns ist es auch so ganz gut. Aber damit könnte sich in der Stadt sicher noch etwas verbessern.

Was hat dir „Football for Friendship“ bisher gegeben?

Mehr Selbstvertrauen. Und mir ist klar geworden, dass wir alle gleich sind, egal, wie sehr wir uns äußerlich oder in unserer Religion auch unterscheiden mögen. Die Teilnehmer kommen von allen Kontinenten, das schafft wirklich eine besondere Atmosphäre und macht dieses Projekt einzigartig. Ich habe dank „Football for Friendship“ viel über andere Länder, Kulturen und Traditionen erfahren.

Wie würdest du das, was du dank des Programms alles erlebt hast, mit einem Wort zusammenfassen?

Fantastisch.

Das Interview führte Tino Künzel.

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