„Aber dann muss er nach Sibirien“ – Hartmut Koschyk über Humboldts Russland-Reise

Die Russland-Reise im Jahr 1829 steht gewöhnlich nicht im Fokus von Alexander von Humboldts Schaffen. Dass sie jedoch für sein wissenschaftliches Gesamtwerk durchaus von Bedeutung war, davon ist Hartmut Koschyk überzeugt.

Koschyk

Hartmut Koschyk ist Ratsvorsitzender der Stiftung Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland und Vorsitzender des Alexander von Humboldt-Kulturforums Schloss Goldkronach. Henning Schacht / Wikimedia Commons, CC BY-SA

Bei der Konferenz „Lebendiges Erbe Alexander von Humboldts“ in Omsk referierte der Vorsitzende des Humboldt-Kulturforums über die späte Forschungsreise des großen Naturforschers im Auftrag des Zaren Nikolai I., die meist im Schatten der früheren und deutlich längeren Südamerika-Reise steht.

„Sie werden es nicht glauben“, sagte Koschyk, „aber es gibt ein schriftliches Zeugnis, das beweist, dass schon der junge Alexander von Humboldt wusste: Irgendwann fahre ich nach Russland.“ 1793, Humboldt war gerade als Bergbauinspektor im fränkischen Goldkronach tätig, schrieb ihm ein früherer Kommilitone: „Wann besuchst du mich einmal in Sibirien?“ Gewiss, aber erst in 20 Jahren werde er kommen, war seine Antwort. Es dauerte gar noch etwas länger und der russische Freund war bereits verstorben. Aber Humboldt kam.

Forschungsreise im Auftrag des Zaren

Die Vorbereitungen für die Russland-Reise begannen um 1827 in Berlin. Der Anlass: Es gab mittlerweile enge dynastische Verbindungen zwischen Preußen und Russland. Die Tochter Friedrich Wilhelms III., Prinzessin Charlotte, hatte 1817 den Zaren Nikolai I. geheiratet. „Der König wollte nun, dass Humboldt nach Russland reist, um diesen Beziehungen Leben einzuhauchen“, legte Koschyk dar.

Auch der Zar habe ein großes Interesse daran gehabt, den Naturforscher zu sich zu holen. „Sibirien war zur damaligen Zeit nicht entwickelt, nicht entdeckt.“ Nach seiner früheren Lateinamerika-Reise habe er den Spaniern gezeigt, welchen Nutzen sie noch aus ihren Kolonien ziehen konnten. Da musste auch für Russland etwas zu holen sein.

So luden der Zar und sein Finanzminister von Cancrin den Gelehrten ein. Man habe ihm zunächst ein schönes Programm zusammengestellt, Sankt Petersburg, Moskau. „Aber dann muss er nach Sibirien und wir werden etwas von ihm haben“, habe der Zar zu sich gesagt.

Es wurde eine mehrmonatige Reise, die ihn von April bis Dezember 1829 durch ganz Russland bis an die chinesische Grenze führte. Jede Station, so Koschyk, sei eine eigene Geschichte wert. Eine ganz besondere erfreute vor allem die Zarin. Der Theoretiker Humboldt hatte schon vor seiner Reise vermutet, in Sibirien könnten Diamanten vorkommen. Und dann sei unterwegs doch tatsächlich einer gefunden worden, den Humboldt nach seiner Rückkehr der Zarin brachte, erzählte Koschyk begeistert.

Wegbereiter der vernetzten Wissenschaft

Russland, hob er hervor, sei der wichtigste Schritt zwischen Humboldts Lateinamerika-Reise und der Vollendung seines großen Lebenswerks „Der Kosmos“ gewesen. In dieser fünfbändigen Schrift hat er versucht, die gesamte physische Welt von den Pflanzen bis zu den Gestirnen zu beschreiben. Er gilt als der Wegbereiter der vernetzten Wissenschaft, die interdisziplinär arbeitet. Diese Idee ist für Koschyk nicht ohne Humboldts Expedition durch Russland denkbar. „Es sind von dieser Reise Netzwerkbildungen ausgegangen, zum Beispiel für die Klimaforschung, von denen die Welt bis heute profitiert. Der Mathematiker Carl Friedrich Gauß wurde etwa durch Humboldts Russland-Reise inspiriert, sich an einem weltweiten Netzwerk zur Messung von Klimaphänomenen zu beteiligen.“

Koschyk

Auch auf der Bühne wurde an die Russland-Reise Humboldts erinnert. © IVDK

Doch auch privat war die Reise für Humboldt bewegend. Er hat „eine charmante junge Russlanddeutsche“ getroffen, die Dichterin und Übersetzerin Karolina Pawlowa.

Unter anderem die Beziehung zu ihr macht das Theaterstück „Humboldt. Was die Welt im Innersten zusammenhält“ zum Thema. Es wurde im Rahmen der Konferenz am 2. Juni in Omsk uraufgeführt.

Ein „wunderbares deutsch-russisches Stück, das von einer in Berlin lebenden russlanddeutschen Schauspielerin und Regisseurin konzipiert wurde“, so Koschyk. Es zeigt, dass die Persönlichkeit Humboldts bis heute fasziniert.

Jiří Hönes

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