
Einer kürzlich durchgeführten Umfrage von WZIOM zufolge sind über 40 Prozent der Russen bereit, ihre Stadt als „Ort für ein glückliches Leben“ zu bezeichnen, wenn sie gepflegt ist, sie gute Nachbarn haben und vielfältige Möglichkeiten zur kulturellen Freizeitgestaltung bestehen. Die Moskauer Stadtverwaltung weiß das und hat eine ganze Reihe verschiedener Projekte und Festivals ins Leben gerufen, die auf die Verschönerung der Hauptstadt abzielen.
Thematische grüne Inseln inmitten der Stadt
Seit Mai dieses Jahres werden die zentralen Straßen, Plätze, Boulevards, Uferpromenaden und Brücken der Stadt begrünt – geschmückt mit Gärten, Blumenbeeten, efeubewachsenen Bögen, grünen Terrassen, Zelten und den verschiedensten weiteren Blumenkompositionen. Zu sehen sind sie vor allem im Zentrum: am Manegeplatz, am Theaterplatz, am Lubjanka-Platz, am Revolutionsplatz, auf dem Arbat, der Petrowka und an den Tschistyje Prudi, in der Stoleschnikow-Gasse und an anderen Orten innerhalb des Boulevardrings. Die Verschönerung der Hauptstadt findet im Rahmen des sommerlichen Landschaftsfestivals „Gärten und Blumen“ sowie des Projekts „Sommer in Moskau“ statt.
„Jeder Ort ist eine eigene, von führenden russischen Landschaftsdesignern und Architekten geschaffene Welt, in der man innehalten, den Duft der Blumen einatmen und für eine Weile den lärmenden Rhythmus der Metropole vergessen kann“, sagen die Organisatoren des Festivals. Auf der Website des Festivals findet man eine Liste der Standorte, und deren charakteristische Namen sprechen für die thematische Vielfalt. So können die Moskauer durch den „Garten der fünf Kontinente“ am Manegeplatz flanieren, über den „Vintage-Markt“ am Revolutionsplatz schlendern, in der „Behaglichen Oase“ am Petrowski-Boulevard verweilen oder den „Sommerkurort“ am Pokrowski-Boulevard genießen.
Dattelpalmen am Kreml
Findet man sich im Dschungel am Roten Platz wieder, scheint es zunächst, als habe man in der Sonne einen Hitzschlag erlitten und alles sei bloße Einbildung. Für gewöhnlich gibt es hier keinerlei Pflanzen – die nächsten befinden sich im Alexandergarten. In diesem Jahr hat man nun beschlossen, einen Gartenpark anzulegen. Einen, in dem Bonsais, englische Rosen und Rhododendren gleichzeitig anzutreffen sind. Und gleich daneben – Wüstenlandschaften mit Agaven, Aloen und Kakteen. Und dahinter beginnt der wahre Dschungel – Dattelpalmen und Bananenstauden. Und dann ist da noch Wasser – ein Teich mit Karpfen!

Auch auf den Stufen der Russischen Staatsbibliothek ist ein Garten entstanden. Um zum Haupteingang zu gelangen, muss man nun an Linden, Rhododendren, Oleander und Geißblatt vorbei gehen. Als Dekoration hat man zudem Bücherregale aufgestellt (alles nicht echt) und riesige Messinglampen. Natürlich kann man für ein Selfie stehen bleiben, aber noch besser ist es, doch bis zur Bibliothek zu gehen, wo die Lampen und Bücher durchaus echt sind.
Und was ist mit den Schaufenstern?
Die Stadtverwaltung ist der Ansicht, dass das Festival „Gärten und Blumen“ auch den Unternehmern zugutekommt – etwa den Cafés und Restaurants, die sich in der Nähe dieser grünen Oasen befinden. Doch in der Stoleschnikow-Gasse, wo traditionell Luxusmodegeschäfte angesiedelt sind und die Ladenmieten mehrere Millionen Rubel im Monat betragen, stören die Pflanzen nur. „Was ist das für ein aufdringliches Verlangen, das zu schmücken, was keines zusätzlichen Schmucks bedarf? Und dafür auch noch einen Haufen Geld auszugeben? (Ein einziger Palmkübel dort geht in die Million)“, schrieb die Journalistin und ehemalige Chefredakteurin von Vogue Russland, Xenia Solowjowa, in ihrem Telegram-Kanal. „Das Arboretum ist so dicht und von solcher Qualität, dass es sämtliche Schaufenster verdeckt. Will heißen: Den Impulskauffaktor kann man getrost vergessen. Erstaunlich.“ Unterstützung erhielt die Journalistin von Anna Sawenko, Expertin für Gewerbeimmobilien „Schaufenster und Eingänge sind versperrt. Die Pflanzen behindern die Warenanlieferung. Die an die Fassaden der geschlossenen Luxusboutiquen gerückten Pflanzenkübel schaffen einen Nährboden für Schimmel und Feuchtigkeit. Der zahlungskräftige Kunde macht einen Bogen um die Stoleschnikow-Gasse“, schrieb sie in ihrem Telegram-Kanal.
In öffentlich zugänglichen Quellen findet sich keine Information darüber, wie viel der Stadt für solch eine exotische Ausschmückung ausgegeben hat. Und können die in die Hauptstadt kommenden Touristen diese Ausgaben wieder wettmachen? Im vergangenen Jahr wurden gezahlt 26,5 Millionen Gäste nach Moskau. Damals meldete das Bürgermeisteramt, der touristische Konsumumsatz sei um 6,5 Prozent gestiegen im Vergleich zum Jahr 2024 und habe 1,8 Billionen Rubel überschritten. Die Einnahmen des Stadthaushalts aus der Tourismusbranche beliefen sich auf 250 Milliarden Rubel. Die Zahl der ausländischen Touristen betrug 2,8 Millionen Menschen, darunter vor allem Chinesen, Inder, Vietnamesen und Türken.
Bis zum 13. September.
Ljubawa Winokurowa


