Mit dem Fahrrad in Moskau – ein Selbstversuch

Die Welthauptstadt des Radverkehrs ist Moskau ganz bestimmt nicht. Immerhin aber wurde in letzter Zeit der Turnaround von einer radfeindlichen zu einer zumindest nicht radunfreundlichen Stadt geschafft. Das hat MDZ-Redakteur Tino Künzel sogar ermutigt, sich ein Fahrrad anzuschaffen. Hier schreibt er über die Erfahrungen des ersten Monats.

Neulich habe ich gelesen, dass es mittlerweile Unentschieden steht zwischen den Fahrrädern und den Autos in Moskau. Von beiden gibt es nach offiziellen Angaben ungefähr vier Millionen. Nur mit dem Unterschied, dass allein in den letzten drei Jahren eine Million Räder hinzugekommen sind, während die Zahl der Autos stagniert.

Ich muss kein Trendsetter sein, kein Pionier und Partisan, der unter Einsatz von Leben und Gesundheit ein Zeichen setzt für grüne Fortbewegung. So wäre mir das noch in jüngster Vergangenheit vorgekommen. Aber seit es über die Stadt verteilt bereits 300 Fahrradstationen gibt und sich die Menschen auf diesen Leihrädern ganz und gar nicht wie Widerstandskämpfer ausnehmen, habe auch ich mich mit dem Gedanken beschäftigt, im neuen Mainstream mitzuradeln. Über Nacht ist der Entschluss nicht gefallen: Erst einmal habe ich mir für vier Tage und 2000 Rubel (etwa 30 Euro) bei „Kruti Pedali“ – übersetzt „Tritt in die Pedale“ – auf dem Universitäts-Prospekt ein Rad ausgeliehen. „Ist ganz neu“, sagte der Verleiher und wies auf das Fahrrad des Markenherstellers Schwinn, das er mir anvertraute und mit dem ich dann tatsächlich viel Freude hatte. Aber wichtiger waren letztlich auftauchende Probleme, weil sie mir zeigten, dass es dafür einfache Lösungen gibt. Als ich einmal während einer Radpartie in einen Wolkenbruch geriet und mich in eine Station der Vorortbahn flüchtete, stellte ich fest, dass mein Rad kein Verkehrshindernis darstellte und mir anstandslos ein kostenloses Ticket dafür ausgestellt wurde. Derart bequem auf dem Kursker Bahnhof angekommen, stieg ich am Gartenring in einen Stadtbus um, der im Mittelteil Platz für die wiederum kostenlose Mitnahme von Fahrrädern bietet. So gelangte ich nahezu trockenen Fußes nach Hause.

Fahrrad

Ein Radler, bittesehr! Drahtesel auf dem siebenspurigen Kutusow-Prospekt. / Tino Künzel

Damit war es nun an der Zeit, einen Gang höher zu schalten. Beim Fachhändler um die Ecke kaufte ich mir ein schönes Stadtfahrrad des russischen Herstellers Stels mit Alu-Rahmen, Gel-Sattel und Shimano-21-Gang-Schaltung zum Spottpreis von umgerechnet 200 Euro, einschließlich einem Monat kostenlosem Service. Für das Geld wäre ich in Deutschland höchstens im Baumarkt fündig geworden. Das Rad ist in keiner Disziplin überragend, hat aber viele nützliche Talente, die sich zu einem ordentlichen Gesamtbild fügen, so ungefähr wie bei mir. Wir passen zusammen.

Für den Arbeitsweg brauche ich inzwischen nur noch halb so lange wie früher. Und auch mein Blick auf Moskau hat sich verändert: Ich bin nun in Gegenden unterwegs, die ich jahrelang nicht mehr oder überhaupt noch nie gesehen hatte, weil das zu Fuß umständlich ist.

Eine kurze Zusammenfassung der Highlights des ersten Monats im Sattel: Ich bin den Kutusow-Prospekt vom Siegespark zum Kiewer Bahnhof hinunter auf der Busspur schneller als der Bus gewesen, habe mir Rennen mit kläffenden Straßenhunden geliefert (die mich gewinnen ließen), fand die Luft weniger abgashaltig als noch vor wenigen Jahren, bin kein einziges Mal angehupt oder angeknurrt worden. Die berüchtigten Moskauer Autofahrer haben sich als durchaus rücksichtsvoll erwiesen. Vielleicht sitzen viele von ihnen ja neuerdings gelegentlich auch auf dem Fahrrad und kennen deshalb die andere Seite.

Zu den Handicaps für Radfahrer in Moskau gehört, dass man sie nicht in der Metro mitfahren lässt. Lästig sind auch die vielen Unter- und Überführungen, weshalb ein leichtes Rad unbedingt von Vorteil ist: Es muss oft geschleppt werden, nicht zuletzt im Treppenhaus zur eigenen Wohnung.

Wer oft Rad fährt, der weiß auch, wie begrenzt das Radwegenetz in Moskau noch ist. Groß bedauert habe ich das bisher aber nicht. In Berlin bin ich als Fußgänger mehrfach beinahe über den Haufen gefahren und von Radfahrern beschimpft worden, deren Radweg ich versehentlich betreten hatte, als ich die Straße überqueren wollte. Da ist mir der breite Moskauer Fußweg, auf dem genug Platz für alle ist und wo keine Interessengruppe rabiat ihre Vorrechte einfordert, ehrlich gesagt lieber. Aber letztlich wird es wohl auch in Moskau kommen wie im Westen: Von 2010 bis 2015 wuchs das Radwegenetz offiziell von neun auf 250 Kilometer – eine Karte gibt es unter bikemap.me. Es soll weiter stark ausgebaut werden.

Kommentare

Kommentare