Von wirren Zeiten: In Stuttgart läuft die Oper „Boris“

Die Stuttgarter Staatsoper zeigt derzeit Modest Mussorgskis „Boris Godunow“ in Verflechtung mit einer zeitgenössischen Komposition, die postsowjetische Schicksale in Szene setzt. Ein anspruchsvolles Experiment.

Die „Boris“ in Stuttgart: Adam Palka als Zar Boris Godunow
Adam Palka als Zar Boris Godunow vor sowjetischer Kulisse (Foto: Matthias Baus)

In seiner Oper „Boris Godunow“ aus dem Jahr 1869 hat Modest Mussorgski eine unruhige Phase der russischen Geschichte in Szene gesetzt. Der Aufstieg und Fall des Zaren Boris Godunow markierten den Beginn der „Zeit der Wirren“, wie die unsteten Jahre bis zum Beginn der Romanow-Dynastie 1613 in der russischen Geschichtsschreibung genannt werden. Eine ähnlich wirre Zeit waren die postsozialistischen 1990er Jahre, in denen der Turbokapitalismus einen Graben zwischen Arm und Reich riss, die gewohnte Ordnung zerbröckelte und Recht und Gesetz für viele Menschen nur mehr Makulatur zu sein schienen.

Diese postsozialistische Welt hat Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch in ihrem Buch „Secondhand-Zeit“ eindringlich nachgezeichnet, indem sie den Menschen eine Stimme gab, die in dieser Umbruchphase unter die Räder gekommen waren.

Es war die Idee des Stuttgarter Operndramaturgen Miron Hakenbeck, diese beiden Zeiten, repräsentiert durch „Boris Godunow“ und „Secondhand-Zeit“, gemeinsam und simultan auf die Bühne zu bringen. Das Ergebnis, schlicht „Boris“ getauft, hatte am 2. Februar Premi­ere in der Stuttgarter Staatsoper.

Neukomposition von Sergej Newski

Dabei wurde bewusst die offenere Urfassung von Mussorgskis Oper als Grundlage gewählt, die große erzählerische Lücken zwischen ihren Bildern lässt. Vor, zwischen und hinter diesen fügen sich Prolog, Intermezzi und Epilog der Neukomposition des in Berlin lebenden Russen Sergej Newski. Er hat dazu sechs Schicksale aus Swetlana Alexijewitschs Buch herausgegriffen und vertont.

Newski hat bewusst solche Geschichten ausgewählt, die besonders drastisch zeigen, wie politisches Geschehen in die Alltagswelt der Menschen hineinbricht, die persönliche Existenz und private Gefühle ihrer Protagonisten wichtiger erscheinen lassen als die historisch-politische Welt, in der sie leben. Die Einzelschicksale, die sonst im Hintergrundrauschen der großen Geschichte untergehen, bekommen hier eine Stimme: eine Frau, die aus ihrer Heimat Abchasien vor Krieg flieht, den Bildern in ihrem Kopf jedoch nicht entkommen kann, der junge Mann, der mit seiner Mutter in Obdachlosigkeit gerät, die Tadschikin, die sich für die Rechte ihrer Landsleute einsetzt, die auf Moskaus Baustellen ausgebeutet werden.

Diese Schicksale werden bisweilen recht fragmentarisch erzählt, nicht eine nach der anderen, vielmehr in loser Folge wiederkehrend, teils im Dialog zueinander. Im Finale finden sich gar alle Figuren zugleich auf der Bühne. Gespielt werden alles sechs von Schauspielern, die in „Boris Godunow“ Nebenrollen innehaben. Manchmal klingt unter ihnen Verständnis füreinander an. An anderer Stelle scheint es, als konkurrierten sie regelrecht um die Aufmerksamkeit und Empathie des Publikums. Ein politisches Urteil ist kaum möglich, das persönliche Leid steht hier im Vordergrund.

Visuell verschmolzene Epochen

Die unterschiedlichen Zeitebenen – hier das frühe 17. Jahrhundert, dort das späte 20. – erscheinen auch visuell simultan auf der Bühne. Zar Boris Godunow spricht vor einem Sowjetmosaik. Der Partisan mit Sturmgewehr, das opulent vergoldete Tor, alles erscheint zugleich und tritt miteinander in Interaktion.

Was visuell und musikalisch aufgeht, ist stofflich angesichts der vielen fragmentarischen Einzelhandlungen bisweilen so komplex, dass das Publikum schnell den Überblick verliert. Befeuert wird die Reizüberflutung schließlich noch von live erstellten Videoprojektionen, auf denen sich Fetzen an Bildmaterial aus der sowjetischen und russischen Geschichte von Stalin bis ins 21. Jahrhundert mit klischeebeladenen Russlandmotiven wie Zwiebeltürmen und Volkstänzen mischen.

Angesichts dieses Overkills stellt sich die Frage, ob „Boris“ nicht vielleicht etwas zu viel will. Mussorgskis Klassiker dürfte für das deutsche Publikum an sich schon geschichtlich viel Unbekanntes bieten. Von den ergreifenden Geschichten aus „Secondhand-Zeit“ bleibt leider vieles vage, sie sind sehr verdichtet dargestellt. Was dem Stück jedoch ohne Zweifel gelingt, ist es, für diese Schicksale Interesse zu wecken.

Umbruchzeiten verschiedener Jahrhunderte

In seiner Oper „Boris Godunow“ aus dem Jahr 1869 hat Modest Mussorgski eine unruhige Phase der russischen Geschichte in Szene gesetzt. Der Aufstieg und Fall des Zaren Boris Godunow markierten den Beginn der „Zeit der Wirren“, wie die unsteten Jahre bis zum Beginn der Romanow-Dynastie 1613 in der russischen Geschichtsschreibung genannt werden. Eine ähnlich wirre Zeit waren die postsozialistischen 1990er Jahre, in denen der Turbokapitalismus einen Graben zwischen Arm und Reich riss, die gewohnte Ordnung zerbröckelte und Recht und Gesetz für viele Menschen nur mehr Makulatur zu sein schienen.

Diese postsozialistische Welt hat Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch in ihrem Buch „Secondhand-Zeit“ eindringlich nachgezeichnet, indem sie den Menschen eine Stimme gab, die in dieser Umbruchphase unter die Räder gekommen waren.

Es war die Idee des Stuttgarter Operndramaturgen Miron Hakenbeck, diese beiden Zeiten, repräsentiert durch „Boris Godunow“ und „Secondhand-Zeit“, gemeinsam und simultan auf die Bühne zu bringen. Das Ergebnis, schlicht „Boris“ getauft, hatte am 2. Februar Premi­ere in der Stuttgarter Staatsoper.

Dabei wurde bewusst die offenere Urfassung von Mussorgskis Oper als Grundlage gewählt, die große erzählerische Lücken zwischen ihren Bildern lässt. Vor, zwischen und hinter diesen fügen sich Prolog, Intermezzi und Epilog der Neukomposition des in Berlin lebenden Russen Sergej Newski. Er hat dazu sechs Schicksale aus Swetlana Alexijewitschs Buch herausgegriffen und vertont.

Persönliche Geschichten bleiben fragmentarisch

Newski hat bewusst solche Geschichten ausgewählt, die besonders drastisch zeigen, wie politisches Geschehen in die Alltagswelt der Menschen hineinbricht, die persönliche Existenz und private Gefühle ihrer Protagonisten wichtiger erscheinen lassen als die historisch-politische Welt, in der sie leben. Die Einzelschicksale, die sonst im Hintergrundrauschen der großen Geschichte untergehen, bekommen hier eine Stimme: eine Frau, die aus ihrer Heimat Abchasien vor Krieg flieht, den Bildern in ihrem Kopf jedoch nicht entkommen kann, der junge Mann, der mit seiner Mutter in Obdachlosigkeit gerät, die Tadschikin, die sich für die Rechte ihrer Landsleute einsetzt, die auf Moskaus Baustellen ausgebeutet werden.

Diese Schicksale werden bisweilen recht fragmentarisch erzählt, nicht eine nach der anderen, vielmehr in loser Folge wiederkehrend, teils im Dialog zueinander. Im Finale finden sich gar alle Figuren zugleich auf der Bühne. Gespielt werden alles sechs von Schauspielern, die in „Boris Godunow“ Nebenrollen innehaben. Manchmal klingt unter ihnen Verständnis füreinander an.

Zu viel gewollt?

An anderer Stelle scheint es, als konkurrierten sie regelrecht um die Aufmerksamkeit und Empathie des Publikums. Ein politisches Urteil ist kaum möglich, das persönliche Leid steht hier im Vordergrund.

Die unterschiedlichen Zeitebenen – hier das frühe 17. Jahrhundert, dort das späte 20. – erscheinen auch visuell simultan auf der Bühne. Zar Boris Godunow spricht vor einem Sowjetmosaik. Der Partisan mit Sturmgewehr, das opulent vergoldete Tor, alles erscheint zugleich und tritt miteinander in Interaktion.

Was visuell und musikalisch aufgeht, ist stofflich angesichts der vielen fragmentarischen Einzelhandlungen bisweilen so komplex, dass das Publikum schnell den Überblick verliert. Befeuert wird die Reizüberflutung schließlich noch von live erstellten Videoprojektionen, auf denen sich Fetzen an Bildmaterial aus der sowjetischen und russischen Geschichte von Stalin bis ins 21. Jahrhundert mit klischeebeladenen Russlandmotiven wie Zwiebeltürmen und Volkstänzen mischen.

Angesichts dieses Overkills stellt sich die Frage, ob „Boris“ nicht vielleicht etwas zu viel will. Mussorgskis Klassiker dürfte für das deutsche Publikum an sich schon geschichtlich viel Unbekanntes bieten. Von den ergreifenden Geschichten aus „Secondhand-Zeit“ bleibt leider vieles vage, sie sind sehr verdichtet dargestellt. Was dem Stück jedoch ohne Zweifel gelingt, ist es, für diese Schicksale Interesse zu wecken.

Jiří Hönes

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