Trendwende: Russland schrumpft

Wenn mehr Menschen sterben, als geboren werden: In Russland sinkt zum ersten Mal seit zehn Jahren die Bevölkerungszahl. Der Präsident warnt vor den wirtschaftlichen Folgen der Entwicklung und verspricht Vergünstigungen sowie einen Sozialvertrag. Nicht allen ist das genug.

Anlass zur Sorge: Das Sinken der Bevölkerungszahl schwächt auch die russische Wirtschaft. /Foto: primamedia.gcdn.co

Wladimir Putin macht sich Sorgen. „Russland ist in eine sehr schwierige demographische Periode eingetreten“, warnte der russische Präsident Ende Februar in seiner jüngsten Rede an die Nation. „Wie Sie wissen, sinkt die Geburtenrate.“ Der Rückgang hänge unter anderem mit den noch langfristigen Folgen des Zweiten Weltkrieges und den chaotischen Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zusammen, begründete das Staatsoberhaupt. Es ist nicht das erste Mal, dass der Präsident die niedrige Geburtenziffer anspricht. Bereits im vergangenen März hatte Putin große Probleme für den russischen Arbeitsmarkt prognostiziert, sollte sich der Trend weiter fortsetzen.

Erstmals seit zehn Jahren: Zahl der Bevölkerung sinkt

Diese Sorgen haben neue Nahrung bekommen. Denn zum ersten Mal seit zehn Jahren ist nun auch die Gesamtzahl der Bevölkerung gesunken. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Untersuchung der föderalen Statistik-Behörde (Rosstat). Demnach habe sich die Zahl der in Russland lebenden Menschen im vergangenen Jahr um fast 87 000 Bürger verringert. Offiziell zählte Rosstat somit rund 146,79 Millionen Männer, Frauen und Kinder im Land. Bereits im dritten Jahr in Folge starben mehr Menschen, als geboren wurden. Auch die Zuwanderung konnte den Trend nicht mehr kippen. Zudem verstärkte sich die Emigration aus Russland. Demographen sprechen von einer Trendwende.

Der Rückgang sei in erster Linie mit dem sinkenden Lebensstandard im Land verbunden, analysieren Wissenschaftler und Journalisten übereinstimmend. Viele Russen seien zunehmend von Armut bedroht. „Die real verfügbaren Einkommen der Bevölkerung fallen im sechsten Jahr in Folge“, schrieb die „Nesawissimaja Gaseta“ in einer Analyse Ende Februar. Eine schnelle Besserung der Einkommenssituation erwartet die Zeitung nicht. Viele Bürger kämen zudem nicht an Kredite oder hätten Probleme mit deren Rückzahlung. Unternehmer würden immer wieder vor unüberwindbare bürokratische Hürden gestellt. „Schluss­endlich suchen sich die aktiven Bürger dann einen besseren Ort als Russland“, sagte Tamara Kasjanowa, Vize-Präsidentin des russischen Klubs der Finanzvorstände, gegenüber dem Blatt.

Russland wird für Migranten unattraktiver

Analysten verweisen zudem auf die Abschwächung der Zuwanderung nach Russland. In den vergangenen Jahren hatten Migranten aus den zentralasiatischen Staaten und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken den Rückgang der Geburtenziffern noch kompensiert. Doch 2018 habe dieser Zustrom deutlich an Kraft verloren, schreibt die Wirtschaftszeitung „RBK“. Im Verhältnis zum Vorjahr seien rund 43 Prozent weniger Einwanderer ins Land gekommen. Das entspricht einer Zahl von 76 600 Menschen. Vor allem die Ukrainer, welche traditionell die stärkste Einwanderergruppe stellen, interessierten sich nicht mehr für eine Zukunft in Russland. Im vergangenen Jahr kamen rund 74 Prozent weniger Menschen aus Russlands Nachbarland.

Wie der Präsident verweisen viele Experten zudem auf die sinkende Geburtenziffer. So wurden zwischen Januar und Oktober des vergangenen Jahres etwa 66.000 Kinder weniger geboren als im Vorjahr, meldet „RBK“. Von dem Trend seien fast alle Regionen betroffen, nur in Kalmückien und Nord-Ossetien sei die Zahl geringfügig gewachsen. Die Wissenschaftler erklären den Einbruch mit den politischen Wirren der 90er Jahre, als besonders wenig Kinder in Russland geboren wurden. Dementsprechend gering sei nun die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter, so die Zeitung.

Mit einem Sozialvertrag gegen den Trend

Um den Trend wieder umzukehren, will Präsident Putin vor allem den Lebensstandard von Menschen mit geringem Einkommen verbessern. „Die Lösung der demographischen Probleme, das Steigern der Lebensdauer sowie das Senken der Todesrate sind eng mit der Überwindung der Armut verbunden“, so der Präsident in seiner Ansprache.Neben Sozialleistungen und Vergünstigungen für besonders kinderreiche Familien setzt Putin auch auf eine Art Sozialvertrag. „Der Staat hilft den Bürgern bei der Arbeitssuche und bei der Weiterbildung“, kündigte das Staatsoberhaupt an. Zudem werde den Familien Geld für einen Nebenbetrieb oder den Kauf eines Stückes Land zur Selbstversorgung gezahlt. Im Gegenzug müssten die Bürger umschulen, entsprechende Arbeit annehmen und die Familie selbständig versorgen. Das Programm ist für mehr als neun Millionen Menschen angelegt.

In der öffentlichen Diskussion stieß der Vorstoß auf ein geteiltes Echo. So begrüßte der Gouverneur des Kalugaer Gebietes, Anatolij Artamonow, die Vorschläge. Um den Geburtenknick aufzufangen, sollten russische Frauen aber künftig mehr als zwei Kinder bekommen. „Wir müssen die Geburt eines dritten Kindes stimulieren“, forderte der Politiker. Jurij Krupnow, Experte vom russischen Institut für Demographie, Migration und regionale Entwicklung, plädierte gegenüber der Nachrichtenseite „Regionen-online“ dagegen für eine noch klarere Strategie im Kampf gegen das Schrumpfen.

Alexej Kudrin monierte das Fehlen eines nationalen Planes zur Bekämpfung der Armut. Keines der sogenannten nationalen Projekte zur Förderung von Bildung, Gesundheit und Wohnungsbau sei vorrangig der Armutsbekämpfung gewidmet, kritisierte der Vorsitzende des russischen Rechnungshofes.

Birger Schütz

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